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Seit seiner Schulzeit ist Andreas Mroß aus Eberswalde ein begeisterter Fotograf. Mit seiner Kamera hielt er auch die Ereignisse des Herbst ’89 in der Waldstadt fest.

Porträt
Geschichte im Fokus

Jörn Kerckhoff / 17.11.2019, 07:00 Uhr
Eberswalde Setz dich, ich habe hier mal ein wenig aufgeräumt." Im ehemaligen Kinderzimmer der Dachwohnung hat sich Andreas Mroß sein Reich eingerichtet. Überall stehen Ausrüstungsgegenstände für seine große Leidenschaft, die Fotografie. Unzählige Fotos hat der 76-Jährige im Laufe seines Lebens geschossen, seit ihn sein Klassenlehrer in der neunten Klasse in die Foto AG holte. Ein Hobby, das Mroß nie wieder losließ – wobei es stark untertrieben wäre, Andreas Mroß als Hobbyfotografen zu bezeichnen. Eine Exakta Varex war seine erste Kamera – für Fotofans heute ein beliebtes Sammlerstück. Im Laufe der Jahrzehnte fotografierte Mroß Geschichten und Geschichte.

Mit der Kamera an die Grenze

Seine Ausbildung zum Maschinenschlosser machte der gebürtige Eberswalder im Kranbau. Nach der Lehre leistete er seinen Militärdienst ab. Bei den Grenztruppen war er stationiert. "Ich habe meine Kamera verbotenerweise immer wieder mal mit an die Grenze genommen und Fotos gemacht", erzählt er mit einem verschmitzten Lächeln. Aber auch für offizielle Anlässe wie Brigadefeiern zog man den engagierten Fotografen heran. Nach dem Militär studierte er Ingenieurwesen, arbeitete noch einige Jahre im Kranbau, bevor er dann im Walzwerk in Eberswalde anfing. Dort gab es einen Fotoclub im Betrieb, der aber mehr oder weniger untätig vor sich hin dümpelte. Mroß machte Fördergelder locker und möbelte den Club wieder auf. Als Leiter musste er sich dafür aber nach Ansicht des Rats des Kreises weiterqualifizieren. Und so wurde er alle paar Wochen auf Lehrgänge nach Halle geschickt. "Das war schon eine gute Zeit", erinnert sich Mroß.

Die Lehrgänge gingen bis 1988. Durch einen Dozenten, der Mitglied des Neuen Forums gewesen sei, habe er viel mitbekommen von der Umbruchstimmung in Dresden und Leipzig. "Die Wende zeichnete sich schon ab." Und so begleitete Mroß mit seiner Kamera auch die Geschehnisse in der Waldstadt während dieser geschichtsträchtigen Zeit. Am Parsteinsee hätten sich Hobbyfotografen getroffen, um zu besprechen, wie und wo sie die Ereignisse fotografisch festhalten wollen. Dass es sich um historische Momente handelt, sei ihnen schnell bewusst gewesen. "In Eberswalde war zunächst nicht so viel los, wie in Leipzig oder Berlin", erinnert sich Mroß. Aber dorthin zu fahren, habe für sie keinen Sinn gemacht.

Und schließlich sei die Welle des Umbruchs auch bis Eberswalde geschwappt und er sei mit seiner Kamera dabei gewesen. "Die dachten, ich würde für die Stasi fotografieren", macht der 76-Jährige deutlich, dass ihm auch Misstrauen entgegenschlug, wenn er auf Versammlungen oder bei der großen Demonstration fotografierte, die von Finow bis zu dem Gelände führte, auf dem heute die Rathauspassage steht. Davon ließ sich Mroß aber nicht beirren, er wollte, musste diese historischen Momente einfangen.

Gleichzeitig habe ihn aber auch eine große Ungewissheit begleitet, wie die Staatsmacht mit dem Umbruchwillen der Bevölkerung umgeht. Nicht ganz freiwillig sei er beim Militär zum Unteroffizier befördert worden und habe so auch noch an Reserveübungen teilnehmen müssen – auch, als sich erste Unzufriedenheit regte, weil die Wirtschaft krankte. "Die übergeordneten Offiziere haben mich ausgefragt, wie es in den Betrieben läuft", erzählt Stefan Mroß. Und er habe ihnen Auskunft gegeben, dass die Produktionsabläufe nicht so liefen, wie sie eigentlich sollten und dies auch zu Unmut bei der Belegschaft führte. Und: "Durch meine Kontakte kannte ich auch die Befehlskette beim Militär", macht Mroß deutlich, dass es jederzeit zu einem gewaltsamen Vorgehen gegen die Demonstranten hätte kommen können.

Da habe er sich schon Gedanken gemacht, was er am dringendsten braucht, wenn es tatsächlich dazu kommen sollte. "Warme Kleidung, etwas zu Essen und zu Trinken und ein Dach über dem Kopf." Er habe sich auf ein gewaltsames Szenario vorbereitet. Wahrscheinlich sei der unbedingte Wille zum friedlichen Protest das entwaffnende Momentum für das Militär gewesen. "Man wollte der Polizei und dem Militär keinen Grund geben, zu den Waffen zu greifen", schildert Andreas Mroß seine Eindrücke aus dem Herbst ’89. Aber natürlich hätte der kleinste Anlass zur Eskalation führen können. Dass es nicht dazu kam, sei schon bemerkenswert und mache die Wende zu einem einzigartigen geschichtlichen Ereignis.

Er selbst sei in dieser Zeit nicht so euphorisch gewesen, wie viele andere, gibt Mroß zu. Einen Umbruch habe er sich auch gewünscht, dass es aber plötzlich zur Wiedervereinigung kam, sei ihm persönlich zu schnell gekommen. Der Wahlkampf zur ersten und einzigen frei gewählten Volkskammer sei eine spannende Zeit gewesen. Viele Größen der Politik seien damals auch nach Eberswalde gekommen, um Wahlkampf zu machen. Otto Graf Lambsdorff, Gregor Gysi und sogar Willy Brandt gehörten mit dazu. Tausende Negative und Fotoabzüge hat Mroß aus dieser Zeit in seinem Archiv. Ein Foto, das er von der Demonstration von Finow nach Eberswalde machte, hängt sogar im Museum.

Die Wendezeit ist vorbei, die Leidenschaft von Andreas Mroß für die Fotografie noch lange nicht. Kürzlich hat er eine Ausstellung in den Räumen des Kulturbundes eröffnet, wo er und ein Fotofreund Bilder vom Choriner Musiksommer zeigen. Im vergangenen Jahr unternahm er eine Reise nach Vietnam, wo er einen ehemaligen Freund und Kollegen aus dem Walzwerk besuchte.

Mit 75 Jahren nach Vietnam

Der ist Vietnamese und war damals zur Ausbildung und als Gastarbeiter in der DDR und gehörte auch zum Fotoclub, ging später aber wieder zurück in die Heimat. Nachdem sie viele Jahre nichts voneinander gehört hatten, sei der Kontakt zufällig wiederentstanden – dank digitaler Technik und E-Mail. Der Freund habe ihn nach Vietnam eingeladen, erzählt Mroß. Zuerst habe er gezögert, schließlich ist eine Reise nach Vietnam kein Ausflug an die Ostsee. Dann habe er sich aber doch dafür entschieden – seine Frau Hannelore habe sich wegen ihrer Flugangst entschieden daheimzubleiben. Auch von dieser Reise brachte Mroß natürlich faszinierende Fotos mit.

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