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DDR-Ausstellung
Große Geschichte durch lokale Brille in Müncheberg

Thomas Berger / 20.11.2019, 20:37 Uhr
Müncheberg Kenneth Kaunda ist mittlerweile stolze 95 und als Politiker schon lange im Ruhestand, nachdem er immerhin 1964 bis 1991 als erster Präsident an der Spitze Sambias gestanden hatte. Bei all den vielen Auslandsbesuchen in dieser Zeit dürfte er sich kaum an eine kurze Visite im kleinen märkischen Müncheberg erinnern. Dafür tut es ein anderer: Ralf Dannowski, stellvertretender Vorsitzender des Heimatgeschichtsvereins. "Ja, da gab es damals hier eine Kundgebung auf dem Marktplatz", verweist er auf den prominenten Gast von einst.

Es sind persönliche Ergänzungen und Anekdoten wie diese, die zusätzlich das bereichern, was die Vereinsmitglieder – allen voran der Vorsitzende Frank Geißler, wie dessen Vize betont – und einige Unterstützer an Material, Übersichten und Exponaten für die laufende DDR-Ausstellung zusammengetragen haben. Immerhin rund 650 Besucher hat diese seit ihrer offiziellen Eröffnung im September gezählt, wie die Statistik des Vereins ausweist.

30 Jahre Wende sind in diesen Wochen für so manchen im Osten Aufgewachsenen der willkommene Anlass, sich nicht nur an die Ereignisse im politisch so turbulenten Herbst 1989, sondern auch die Jahre und Jahrzehnte zuvor zu erinnern. Und auch einige derer, die seit der Deutschen Einheit aus dem Westen des Landes gekommen sind und im Märkischen eine neue Heimat gefunden haben, interessieren sich für deren Vorgeschichte im Zeichen von Hammer, Zirkel und Ährenkranz. Das einstige DDR-Wappen prangt übrigens in der Ausstellung noch auf einem Fenster, das aus dem früheren Torwächterhaus stammt, der heutigen Touristinformation der Stadt.

Broschüren folgen auf Infotafeln

Was sich da im Müncheberger Vereinsdomizil in der Ernst-Thälmann-Straße über den großen Ausstellungsraum im ersten Obergeschoss und den Flur davor erstreckt, ist ein umfangreiches, mit ebenso viel Sachverstand wie Liebe zum Detail aufbereitetes Kompendium, das große, übergreifende Geschichte gewissermaßen durch die lokale Brille erzählt. Begonnen wird an den Infotafeln im Korridor unmittelbar bei den schweren Kriegszerstörungen in der Innenstadt im Frühjahr 1945, als am 19. April nachweislich nur noch 38 Häuser weitgehend unbeschädigt standen, während 587 Wohnungen, das Rathaus, das Krankenhaus, die Kirche und 72 Geschäfte "sowie fast alle Produktionsstätten" zerstört waren.

Zur örtlichen DDR-Geschichte gehören deshalb als Besonderheit mehrere Großeinsätze, um diese Trümmerberge zu beseitigen – noch ein Jahrzehnt nach Kriegsende. Gleich 1900 Helfer, vermutlich aus der gesamten Umgebung, waren beispielsweise am 18. März 1956 am Werk, mit 66 Pferdegespannen sowie 76 Lkw und Traktoren. Ähnliche Großtermine gab es am 6. Juli des gleichen Jahres und am 2. Juni 1957.

"Wir haben vor, diese Infotafeln auch noch mal als Broschüre herauszubringen", erklärt Dannowski, sich beim Rundgang von einer zur anderen vorarbeitend. Aus einer Quittung geht hervor, dass es damals die Derunapht gab, die Deutsch-Russische Naphta AG als Vorläufer des volkseigenen Kraftstoff-Vertriebs. Mit einer Adresse in der Stalinallee – so hieß die Berliner Straße ab 1951, während die frühere Adolf-Hitler- schon vorher zur Ernst-Thälmann-Straße geworden war.

Wer sich die Muße nimmt, kann ganz vieles in dieser Fülle entdecken. Immer wieder fällt der Name Wolfgang Mäder, der als Bürgermeister von 1957 bis 1983 ein Vierteljahrhundert prägend für die Stadt war. Auf ihn und seinen Vize Hans Dallmann geht beispielsweise die Etablierung des Stadtparks 1967 zurück, was dem Gelände den Spitznamen Hans-Wolfgang-Park eintrug. Auch die Gründung des Kulturhauses (heute Firmensitz der UGT) fällt in jene Zeit. Nicht zuletzt war es Mäder, der sich für des Mahnmal im Gedenken an die toten deutschen Soldaten einsetzte – die von ihm vorgeschlagene Inschrift eckte aber bei höherer politischer Ebene an und musste abgeändert werden.

Die Nationale Volksarmee (NVA) in Müncheberg mit der Radaranlage auf dem "Bunkerberg" findet sich als Kapitel auf einer weiteren Tafel – samt Bild von der Schlüsselübergabe für das damalige Gymnasium am 22. August 1991. Und während andere Tafeln von Kinderbetreuung, Bildungssystem oder der Nationalen Front erzählen, liegen in der Vitrine davor Packungen von Sil, Fay, Linsen und Puddingpulver. Drinnen im großen Raum finden sich auch noch Geschirr, Teddys, Werkzeug, eine Tragkraftspritze der Feuerwehr oder Flaschen mit Apfel-Tischwein und Mandel-Creme-Likör. Ob er noch schmecken würde, darf gemutmaßt werden.

Gulaschsuppe für 90 Pfennig

Apropos schmecken: Kohlroulade war das handschriftlich ergänzte Sonderangebot auf der vom 25./26. März 1974 datierten Speisekarte des Hotels Stadt Müncheberg, damals das erste Haus am Platz. Schon für 90 Pfennig gab es eine Gulaschsuppe, Hühnerfrikassee war ebenfalls als Kindergericht erhältlich. Ob Gesundheitswesen (mit dem Krankenhaus), Bauen und Wohnen, Landwirtschaft, kulturelles Leben, Feuerwehr und Eisenbahngeschichte mit der 1965 eingestellten Oderbruchbahn – nichts an Spannendem fehlt in dieser Sammlung, die auch 2020 noch weiter zugänglich bleiben soll, wie Dannowski betont.

Öffnungszeiten sonntags 13 bis 17 Uhr, Info auf heimatverein-muencheberg.de

Weihnachtsausstellung lockt ab 7./8. Dezember

Längst laufen im Verein die Vorbereitungen für die Weihnachtsausstellung auf Hochtouren, die immer ein besonderer Höhepunkt im Veranstaltungsjahr und Publikumsmagnet ist. Schneekugeln und Spieluhren sind diesmal das Thema. Die breite Öffentlichkeit ist an den beiden Adventswochenenden 7./8. Dezember und 14./15. Dezember willkommen, zwischen 13 und 17 Uhr gibt es dann diese stimmungsvolle Schau, ergänzend die DDR-Ausstellung, die Angebote vom Imkerverein sowie Kaffee und Kuchen. Unter der Woche werden dann vier Kita-Gruppen und 14 Grundschulklassen empfangen. Dafür sucht der Verein noch Betreuungshelfer und Kuchenbäcker (Meldungen unter geissler43@t-online.de oder Tel. 033432 89316).⇥bg

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