Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Geburtstag
100 Jahre – "Das ist das Leben", sagt Erna Schwarzer

Marco Winkler / 21.11.2019, 15:39 Uhr - Aktualisiert 21.11.2019, 15:47
Kremmen (MOZ) Einen Arzt hat sie seit Jahren nicht gesehen, Tabletten muss sie keine nehmen. "Warum sollte ich auch, ich habe doch nichts!", sagt Erna Schwarzer. Bei einer 30-Jährigen hätte so eine Aussage keine Erwähnung in der Zeitung verdient. Doch bei Erna Schwarzer erstaunen die Worte, feierte sie doch am Donnerstag ihren 100. Geburtstag.

Zehn Minuten vor 10 Uhr im Kurzen Damm in Kremmen. Ute Petrauschke (69) und Tanja Buschner (37) stehen vor dem Haus. Der Nebel lichtet sich. Mutter und Tochter empfangen den Reporter. "Sie ist schon ganz aufgeregt, wir haben sie eben erst informiert", sagt Ute Petrauschke. Ihre Mutter, das Geburtstagskind, wartet in der Wohnstube auf die Gratulanten. Alle drei Generationen leben unter einem Dach.

Erna Schwarzer fühlt sich an diesem Tag gut. Sie ist fit, erinnert sich lebhaft an ihr ganz persönliches Damals. "Was gestern war, weiß ich vielleicht nicht mehr, aber von früher habe ich alles im Kopf", sagt sie und lacht. "Ich weiß zwar, dass mir jemand etwas erzählt hat, aber nicht mehr genau, was das war." Sie nimmt es leicht. "So ist das im Alter, das ist das Leben. Mit 100 darf man so sein!"

Geboren wurde Erna Schwarzer am 21. November 1919 in Kremmen. Von ihren vier Geschwistern sind nur noch sie und Bruder Heinz übrig. "Das ist Bestimmung."

1950 verliebte sie sich. Die Umstände kann sie klar umreißen: "Eine Cousine hatte ein kleines Mädchen, das in Beetz getauft werden sollte. Ich wurde gefragt, ob ich Patin werden möchte und habe natürlich ja gesagt." Die Taufgemeinde musste warten. "Es sollte noch jemand aus Berlin kommen. Als er dann reinkam, da dachte ich nur: Mensch, der sieht gut aus." Erna Schwarzer verliebte sich in ihren zukünftigen Mann. "Ich war ja alleine zur der Zeit, mein erster Mann ist im Krieg geblieben", sagt Erna Schwarzer, geborene Höft.

Zu den Gratulanten zählen am Donnerstag Bürgermeister Sebastian Busse (CDU), Pfarrer Thomas Triebler und Ortsvorsteher Eckhard Koop (DUB), der eine kleine Überraschung dabei hat: ein Kartenspiel. Erna Schwarzer war lange Zeit – wenn nicht im Schützenhaus tanzen – leidenschaftliche Spielerin, traf sich mit dem Senioren aus dem Ort. Nun geht das nicht mehr. "Es gibt nur eine Toilette und ältere Damen müssen oft auf die Toilette, ich kann dann aber nicht warten, wenn ich selbst muss. So ist das halt mit alten Frauen."

Was das Alter ebenfalls mit sich bringt: "Das Hören und Sehen lässt natürlich nach", sagt Tochter Ute. Bürgermeister Busse, der schon vor zwölf Monaten als Gratulant in dem Haus war, in dem er in seiner Kindheit mit einer Freundin spielte, sagt: "Der Unterschied zum vorigen Jahr ist aber kaum da."

Mit ihrem Mann zog Erna Schwarzer 1950 nach Berlin-Reinickendorf. Zuvor hatte sie in Kremmen eine Ausbildung zur Fachverkäuferin für Textilien absolviert. In Berlin arbeitete sie im Hertie Waren- und Kaufhaus, in der Abteilung für Kinderbekleidung.

Nach ihrer besten Zeit gefragt, sagt die Seniorin ganz selbstverständlich: "Als meine Tochter kam. Das war wirklich ein Wunder." Erna Schwarzer war 31 Jahre alt. Für die damalige Zeit eine späte Geburt. "Mein Mann, der 1975 gestorben ist, war 20 Jahre älter." Deshalb das Wunder. "Es waren mit die schönsten Jahre, auch als meine Enkelin später zur Welt kam."

Nun lebt sie seit elf Jahren wieder in Kremmen, mit der ganzen Familie unter einem Dach. Ihre Enkelin Tanja holte sie zurück in ihren Heimatort. "Ich habe Oma versprochen, dass sie nicht in ein Heim kommt, sondern dass wir zusammenziehen. Wäre sie nicht mit umgezogen, hätten wir das Haus nicht ersteigert." Im Haus sei immer jemand da, der helfen könne. "Und wenn die Margarine in einem Kühlschrank mal aus ist, geht man zum nächsten." Ihre Mutter sagt: "Und trotzdem hat jeder seine eigene Wohnung." Früher war in dem Haus das Modecafé, später Tierarzt Taube.

Und was macht eine 100-Jährige? Die Nährarbeiten von früher sind nicht mehr möglich. "Ich bin auf der Hollywoodschaukel", sagt Erna Schwarzer. Ein Hund und zwei Katzen unterhalten sie. "Viel mehr mache ich nicht." Muss sie auch nicht. Ein langes Leben liegt hinter Erna Schwarzer. Als sie vom Umzug in die Kleinstadt ihrer Kindheit erfahren hatte, war die Freude groß. "Jetzt komme ich zurück, zurück nach Kremmen zum Sterben", sei ihr Leitspruch gewesen, erinnert sich die Enkelin Tanja.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG