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Spendenaktion
Torten für Johannes

Roland Becker / 21.11.2019, 17:12 Uhr - Aktualisiert 21.11.2019, 17:55
Hennigsdorf (MOZ) Und plötzlich waren die Zutaten ausgegangen. Julia Fromm hatte gebacken und gebacken, bis sie plötzlich in leere Mehl- und Zuckerdosen schaute. Dummerweise passierte das am Reformationstag. "Ich bin dann nach Heiligensee geradelt", erinnert sich die Hennigsdorferin.

Julia Fromm stand nicht in der Küche, um eine Familienfeier vorzubereiten. Mit den Leckereien auf Blechen und in Tortenformen wollte sie helfen. An ihrer Seite wusste sie alle Kolleginnen und Kollegen der DM-Filialen in Hennigsdorf und Neuruppin. Es war vielleicht der traurigste Anlass, für den all die Drogerie-Mitarbeiter jemals in der Küche gestanden haben. Der Kuchenbasar, den sie vorbereiteten, galt dem dreijährigen Johannes aus Marwitz. Der kleine Junge leidet an einem Hirntumor. Schon seit Wochen fließt eine Welle der Hilfsbereitschaft durch Oberhavel. "Ich habe von der Spendenaktion auf der Internetseite der Gemeinde Oberkrämer gelesen", erinnert sich Thomas Kempf. Der Leiter der Neuruppiner dm-Filiale reagierte wie elektrisiert: "Ich wohne in Marwitz in derselben Siedlung wie die Familie."

Schnell war er sich mit seiner Hennigsdorfer Kollegin einig, Spendendosen zu bestellen, die an den Kassen der beiden Filialen angebracht werden. Auch die Kollegen in Oranienburg und Hohen Neuendorf schlossen sich an. "Wir haben für die Spendendosen extra Sticker mit einem Foto der Familie und mit der Aufschrift ‚Ein Herz für Johannes’ anfertigen lassen", erzählt Judith Herrmann. Schon diese Aktion wurde zum Erfolg. Und das nicht nur, weil Euro für Euro oder auch mal das Wechselgeld in den Büchsen klimperten. Es gab auch Reaktionen, über die sich die Hennigsdorfer dm-Crew besonders freute. So wurde Sandra Zaroba von der Firma in.vent Diag­nostica aus Hennigsdorf auf die Aktion aufmerksam. Sie schlug ihren Kollegen mit Erfolg vor, die weihnachtliche Spendenaktion der Firma in diesem Jahr Johannes zu widmen.

Als die Hennigsdorfer Spendenbüchsen schon das zweite Mal geleert werden mussten, kam der dm-Gebietsverantwortliche Nils Rauch auf eine Idee mit Folgen: "Könnt Ihr nicht einen Kuchenbasar organisieren?" Herrmann erinnert sich an "einen Haufen Arbeit", die mit dieser Minute begann. Rückblickend sagt sie mit einem Ton, der höchste Zufriedenheit ausdrückt: "Das war schon ’ne Hausnummer!" Die To-do-Liste wurde immer länger: Plakate basteln, Kuchenlisten erstellen, Radiosender informieren, die Dekoration beschaffen ...

Alle seien wie im (Back-)Fieber gewesen. "Das hat sich verselbstständig. Meine Mutti hat auch noch ein paar Kuchen gebacken. Sie hatte Angst, dass es nicht reicht", erzählt Herrmann. Am Freitag nach dem Feiertag stand die Küche des Drogerie-Markts voller Backbleche. Als die 40 Torten und Kuchen in Einkaufswagen zum Markteingang rollten, "wurde der Bäcker gegenüber blass", sagt Judith Herrmann und hat dabei ein zufriedenes Lächeln im Gesicht. Ein Blechkuchen war mit besonderer Liebe gebacken worden. Zwischen vielen Herzchen aus Zucker prangte der Name von Johannes.

Manche Kunden hätten schon vor Beginn der Aktion um 10 Uhr mit Tellern in der Hand angestanden. An die Tasse Kaffee zum süßen Schmaus hatten die Damen natürlich auch gedacht. Für ihr Engagement wurden sie reichlich belohnt. "Einer hat für fünf Stück 20 Euro gegeben", freut sich Julia Fromm. In dem Augenblick mag sie gewusst haben, dass es gut gewesen war, am Vortag wegen Mehl und Zucker nochmals nach Heiligensee geradelt zu sein. Eine dicke Überraschung bereitete ihnen die Hennigsdorfer Musiker­initiative. Ein Mitstreiter brachte 200 Euro vorbei. Später erfuhr die Drogerie-Crew, dass ein Radiosender auf ihre Bitte reagiert und für die Aktion geworben hatte.

Auch in der Neuruppiner Filiale an der Trenckmannstraße wurde eifrig gegessen und natürlich gespendet. Als zusätzlichen Anreiz hatten die Kolleginnen von Thomas Kempf ein Glücksrad aufgebaut. "Wir haben in unserer Gegend ja nicht so viel Laufkundschaft wie unsere Kollegen im Hennigsdorfer Ziel", gibt Kempf zu bedenken. Dennoch war das Dutzend Kuchen schnell verputzt. "Es wurde auch darüber hinaus Geld gespendet. Noch am Abend kamen Kunden, die helfen wollten." Dass sie mit der Aktion den Geschmack der Kunden getroffen hatten, ließ sich auch daran ablesen, dass manche Kunden noch Tage danach nach den Rezepten fragten.

Worte wie "überwältigend" und "Wahnsinn!" fallen, wenn die Drogerie-Mitarbeiter an diese Welle der Hilfsbereitschaft zurückdenken. Am kommenden Donnerstag wird Familie Zeiske in die Hennigsdorfer dm-Filiale kommen, um die Spenden entgegenzunehmen. Wenn es Johannes gut genug geht, wird er dabei sein, hat Judith Herrmann erfahren. Wie viel Geld insgesamt zusammengekommen ist, dieses kleine Geheimnis möchten Herrmann und Kempf noch für sich behalten. Eines aber ist klar: Es wird ein Mehrfaches der Summe sein, die der Hennigsdorfer Kuchenbasar einbrachte. Und das sind bereits 1 186,03 Euro.

Dass zwei Drogerien für Stunden zu Konditoreien wurden, ist nun schon drei Wochen her. Doch wenn Judith Herrmann von diesem Tag erzählt, scheint es, als stünde sie noch immer zwischen all den Torten: "Das war eine sehr bewegende Sache. Ich bin abends gar nicht zur Ruhe gekommen." Und dann sagt sie noch einen Satz: "Ich habe selbst eine elfjährige Tochter. Solch ein Schicksal, wie das der Zeiskes, kann jeden treffen."

Finanzielle Hilfe zum Begleichen der Nebenkosten

Die Behandlungen, mit denen der Hirntumor des dreijährigen Johannes bekämpft werden soll, deckt die Krankenkasse. Dennoch hat Familie Zeiske eine hohe finanzielle Belastung zu schulten. Dazu zählen die Kosten für Übernachtungen, wenn die Eltern ihr Kind zu weit entfernten Spezialkliniken begleiten. Auch der Verdienstausfall schlägt ins Kontor.

Auch in den nächsten Tagen kann in den dm-Filialen Hennigsdorf, Neuruppin, Oranienburg und Hohen Neuendorf gespendet werden. Die Büchsen befinden sich an den Kassen.⇥rol

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