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Renate Holland-Moritz als scharfzüngige "Kino-Eule"

Talk in der "Galerie 100": Erwin Geschonneck und Renate Holland-Moritz im September 1993
Talk in der "Galerie 100": Erwin Geschonneck und Renate Holland-Moritz im September 1993 © Foto: Quintus/privat
Camillo Kupke / 22.11.2019, 18:33 Uhr - Aktualisiert 22.11.2019, 19:20
Frankfurt (Oder) (MOZ) Auch mehr als zwei Jahrzehnte, nachdem Heiner Carows Film "Die Legende von Paul und Paula" 1973 in die DDR-Kinos kam, ist Peter Gotthardt der Filmkritikerin Renate Holland-Moritz noch immer dankbar.

Der Musiker, der seinerzeit für den Defa-Kultstreifen die Puhdys-Lieder "Wenn ein Mensch lebt" und "Geh zu ihr" schrieb, lässt die "Kino-Eule" 1994 in einem Brief wissen, dass deren "Bomben-Kritik" über "Paul und Paula" ihm den Weg in seine Karriere als Filmkomponist ebnete. Andere fühlten sich von ihrer Filmkritik dermaßen auf den Schlips getreten, dass sie nicht davor zurückschreckten, Gewalt anzudrohen: "Ich hätte Lust, Ihnen öffentlich eins in die Fresse zu hauen.", schrieb ihr ein – anonymisierter – Drehbuchautor.

Sie hatte Berliner Schnauze, und als Filmkritikerin war sie in der DDR eine Institution: Mehr als 50 Jahre lang verfasste Renate Holland-Moritz (1935–2017) als "Kino-Eule" Filmkritiken in der Satirezeitschrift "Eulenspiegel" – kompakt, scharfzüngig, bisweilen ziemlich frech, jedoch stets mit Empathie. Regisseure und Schauspieler zitterten vor ihrem Urteil. Oder sie strahlten, wenn sie gnädig beachtet oder gar applaudiert wurden. Durch Lob und Verriss lugte aber immer der Kennerblick der leidenschaftlichen Cineastin. Für viele "Eule"-Leser waren ihre Kritiken ein Wegweiser für eigene Kinobesuche.

Von Freunden und Feinden

Mit ihren in Buchform versammelten Filmkritiken ("Die Eule im Kino", 1981, 1994 und 2005) sowie ihren satirischen Erzählungen, darunter "Graffunda räumt auf", die Vorlage für die Defa-Komödie "Der Mann, der nach der Oma kam" (1972), setzte sich Renate Holland-Moritz eine Wegmarke in der humoristischen Literatur-ecke. Jetzt fügen der Autor und Liedermacher Reinhold Andert sowie der Literaturkritiker und Schriftsteller Matthias Biskupek posthum eine weitere hinzu: "Du mit deiner frechen Schnauze" enthält Anekdoten sowie Briefe, die Renate Holland-Moritz von Freunden, Verehrern und Feinden erhalten hatte: Fred Wander, Peter Ensikat, Helga Hahnemann, Eva und Erwin Strittmatter, Dieter Mann, Hermann Beyer, Rolf Ludwig, Marianne Wünscher … Ursprünglich wollte Renate Holland-Moritz diese Auswahl selbst herausgeben, was ihr jedoch nicht mehr vergönnt war. So ist der Band aus der Schriftenreihe der Defa-Stiftung auch eine Hommage an die am längsten aktiv gewesene Kinokritikerin der Welt.

Dass sie es auch jenseits ihrer Rezensionen für die "Kino-Eule" vermochte, pointiert mit Sprache umzugehen, belegen ihre süffisant notierten Episoden. So erzählt Renate Holland-Moritz, wie sie 1964 nach einem Konzert von Joan Baez im Berliner Kabarett "Distel" noch mit der US-Folksängerin zusammensaß und deren Begleiter, einen stillen, dünnen, rothaarigen, offenbar irischstämmigen Mann, nicht erkannte. Von Neugier getrieben, fragte sie ihn nach seinem Beruf, woraufhin Joan Baez für ihn antwortete: Herr Bob Dylan ist Komponist …

Amüsant sind auch ihre Anekdoten, die sie als Talkmasterin in den 90er-Jahren in der "Galerie 100" in Berlin-Hohenschönhausen erlebte, wo sie Schauspieler aus der DDR interviewte und ihnen ein kleines Programm gewährte. Erwin Geschonneck etwa wollte gar nicht mehr aufhören, Küchenlieder zu trällern. Winfried Glatzeder wiederum –  der Erwin Graffunda aus "Der Mann, der nach der Oma kam" und der Paul aus "Paul und Paula" – hatte sich selbst zu dem Talk aufgedrängelt, feilschte um das Honorar, kam dann zu spät und forderte als Erstes die Begleichung seiner Taxirechnung … Nicht nur Kenner der "Kino-Eule", auch Uneingeweihte finden ihren Spaß an den mit spitzer Feder verfassten Humoresken.

Reinhold Andert, Matthias Biskupek (Hrsg.): "Du mit Deiner frechen Schnauze. Renate Holland-Moritz –Anekdoten und Briefe", Quintus (vbb), 176 Seiten, 19,90 Euro

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