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Seit anderthalb Jahrzehnten chauffiert Busfahrer Jürgen Grothe die Damen der Volkssolidarität Eberswalde.

Busfahrer mit Leib und Seele
Cäsar fährt in Eberswalde Damen bis vor die Tür

Busfahrer mit Leib und Seele: Den Cäsar kennen alle, und alle wollen mit ihm im Bus fahren – seit 15 Jahren. Auch die Alten Schachteln der Volkssolidarität aus Eberswalde.
Busfahrer mit Leib und Seele: Den Cäsar kennen alle, und alle wollen mit ihm im Bus fahren – seit 15 Jahren. Auch die Alten Schachteln der Volkssolidarität aus Eberswalde. © Foto: Jörn Kerckhoff
Jörn Kerckhoff / 05.12.2019, 07:00 Uhr
Eberswalde (MOZ) Den Cäsar kennt hier jeder. Das wird ja von vielen Leuten behauptet, dass sie bekannt sind wie bunte Hunde. Dass Edeltraud Maeß von Jürgen "Cäsar" Grothe behauptet, dass ihn jeder kennt, ist also erstmal nichts Besonderes. Doch beim Pressegespräch im Café "Märkisch Edel" kommen an diesem Morgen tatsächlich ständig Leute rein – vornehmlich Damen im reiferen Alter – die Grothe begrüßen. "Ach, bist du auch hier?" oder "Dich trifft man auch überall" schallen die Begrüßungen quer durch den Raum. Und niemand nennt ihn Jürgen oder gar Herr Grothe, für alle ist er nur "ihr" Cäsar.

Umlagert wie ein Popstar

Solch ein Bekanntheitsgrad muss irgendeinen Grund haben. Bei Jürgen Grothe, äh Cäsar, ist offenbar sein Beruf als Busfahrer daran schuld.

Das allein kann es aber doch noch nicht sein. Busfahrer gibt es schließlich viele, aber sicher nicht jeder dieser Berufsgruppe wird in einem Café umlagert wie ein Popstar. "Der Cäsar fährt uns seit 15 Jahren überall hin", bringt Edeltraud Maeß langsam Licht in das Geheimnis. "Uns" beschreibt dabei die Alten Schachteln von der Volkssolidarität Eberswalde. Nein, die Bezeichnung alte Schachteln ist in diesem Fall keine Beleidigung, die Seniorengruppe um die Vorsitzende Edeltraud Maeß hat sich selbst den Namen gegeben. Man darf sie also so nennen – Cäsar sowieso.

Er fuhr die Alten Schachteln eben vor 15 Jahren zum ersten Mal und wird sie seither nicht mehr los. "Die haben irgendwie Vertrauen in mich", erzählt der 65-Jährige, der zu DDR-Zeiten erst eine Ausbildung zum Schlosser im Walzwerk Eberswalde machte, später als Lastkraftfahrer durch die Gegend kutschierte und danach umgesattelt hat. Seither fährt er Personen statt Waren durch die Lande. Neben der Seniorengruppe der Volkssolidarität natürlich auch noch andere Gruppen, die Alten Schachteln hat er aber eben besonders oft im Gepäck.

Bei vielen Tagesausflügen hat er sie schon chauffiert und einmal im Jahr auch bei einer Mehrtagesfahrt. Ins Erzgebirge und den Schwarzwald hat er sie gefahren, nach Hessen und ins Allgäu auch schon. "In all den Jahren hatten wir nicht eine Panne oder Unfall", Edeltraud Maeß kommt richtig ins Schwärmen.

Der Bus ist jedes Mal voll, die Fahrten mit Cäsar sind sicher und beliebt. Und er ist nicht nur der Busfahrer der Senioren. Wenn es bei einem Rollator mal einen Defekt gibt, erweist sich der gelernte Schlosser als gewiefter Handwerker und repariert den Rentnerporsche mal eben. Er hält auf der Heimfahrt nicht nur an den vorgegebenen Haltepunkten. "Haste wieder alle bis ins Bett gefahren?", habe seine verstorbene Frau ihn mal gefragt. Für Cäsar sind diese Fahrten nicht Dienst nach Vorschrift. Er weiß, dass seine Senioren nicht mehr alle gut zu Fuß sind, schon gar nicht im Dunkeln. Da hält er dann eben auch mal direkt vor der Haustür, damit jede Dame sicher nach Hause kommt. "Man muss diesen Job mit Leib und Seele machen und auch mal über etwas hinweg schauen", schildert Cäsar seine Einstellung zu dem Beruf. Manchmal seien die Senioren auch etwas anstrengend, und er müsse sie auch mal zur Ordnung rufen – das Sprichwort "je oller, je doller" bekomme bei den Alten Schachteln Bedeutung.

Hahn im Korb

Aber besonders bei den älteren Damen ist Jürgen Grothe der Hahn im Korb. Erst einmal in den 15 Jahren habe er keine Zeit gehabt, um die Senioren der Volkssolidarität zu fahren und das sei dann einfach nicht so wie mit Cäsar. "Viele haben schon gesagt, wenn er nicht mehr fährt, dann fahren sie auch nicht mehr mit", erzählt Edeltraut Maeß. 65 Jahre ist er alt, eigentlich könnte er in Rente gehen. Aber fünf Jahre will Jürgen "Cäsar" Grothe noch auf dem Bock seines Busses sitzen – im Fenster prangt übrigens ein Schild mit seinem Spitznamen, das ihm die Alten Schachteln im Jahr 2007 für seinen neuen Bus geschenkt haben.

Für die nächsten fünf Jahre sind die Fahrten also gesichert, danach müssen sich alle Gruppen, die Cäsar im Moment durch die Gegend kutschiert, einen anderen römischen Kaiser suchen.

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