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Orgelführung und Märchen in Lühnsdorf
Orgelbaumeister erklärt "Königin der Instrumente"

Wie funktioniert denn nun was? Orgelbaumeister Jörg Stegmüller beantwortete jede Frage.
Wie funktioniert denn nun was? Orgelbaumeister Jörg Stegmüller beantwortete jede Frage. © Foto: Foto: B. Kraemer
Bärbel Kraemer / 08.12.2019, 12:00 Uhr
Lühnsdorf "Am liebsten beantworte ich Fragen", so Orgelbaumeister Jörg Stegmüller in der Lühnsdorfer Kirche. Kleine und große Anwesende, die sich für die "Königin der Instrumente" interessieren und schon immer einmal wissen wollten, sie sie funktioniert und woher denn nun die Töne kommen, sind eingeladen, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen.

Knapp ein dutzend Lühnsdorfer sind der Einladung gefolgt und nutzten die Gelegenheit, dem Instrument einmal ganz nahe kommen zu können. Die Frage nach der Anzahl der Orgelpfeifen ist eine der ersten, die Stegmüller bereitwillig beantwortet. "Es sind 297. Das ist nicht viel. Die Orgel im Berliner Dom hat mehr als 6.000 Pfeifen", erklärt der Experte aus Wilhelmshorst. Damit ist das sprichwörtliche Eis gebrochen und die Neugierde der Anwesenden geweckt. Keine Frage bleibt unbeantwortet. Für Jörg Stegmüller ist es nicht die erste Orgelführung dieser Art - aber es ist die erste, die er in Lühnsdorf im Zusammenhang mit den laufenden Restaurierungsarbeiten anbietet.

Letztere hätten eigentlich schon vor drei Wochen beendet sein sollen. Doch wie bei vielen Baustellen, kam es auch auf der Orgelbaustelle zu einer unvorhersehbaren Verzögerung. Sie hatte ihren Ursprung im Staub der Jahrzehnte, der sich beharrlich in den Orgelpfeifen festgesetzt hatte. Insbesondere in den kleinen, schwer zugänglichen. Die hatte man bei der letzten Grundreinigung in den 1960er Jahren unangetastet gelassen. Zeitgleich waren die hölzernen Orgelpfeifen damals mit einem Holzschutzmittel und zu guter letzt, mit Klarlack bearbeitet worden. "Damit hat man aber auch den Dreck fixiert", so Jörg Stegmüller vor der Orgelführung. Den Schmutz aus den winzigen Pfeifen zu bekommen, wurde zur Herausforderung. "Und wie klingt die Orgel jetzt", wollen die Besucher dann wissen. "Ich würde sagen, sehr schön", so Stegmüller weiter und lässt das Instrument erklingen. Danach lenkt er die Aufmerksamkeit auf den Spieltisch. "Hat jemand eine Ahnung, welche Tiere in der Orgel verbaut sein könnten", so der Experte in die Runde. Eine Spurensuche beginnt. Im Instrument - am Blasebalg und an großen Pfeifen die eine Art Deckel aus Leder haben - werden die Orgel-Detektive fündig. "Das ist Ziegeleder", erklärt Stegmüller. Tier Nummer zwei in der Orgel zu entdecken, wird schwieriger - selbst für die Erwachsenen. Wieder am Spieltisch stehend, ist man an der Tastatur der Lösung nahe. Der Orgelbaumeister verrät, dass aus dem Oberschenkelhalsknochen von Rindern die Belege der weißen Tasten gebaut wurden. Wie eine Orgel gestimmt wird und warum die schönen neuen Orgelpfeifen im Prospekt des Instruments von oben bis unten in Frischhaltefolie eingewickelt sind, sind weitere Fragen die im Verlauf des Nachmittages beantwortet werden.

Zur musikalischen Märchenstunde am dritten Advent wird die Orgel dann in Dienst gestellt. Bis dahin wird sich herumgesprochen haben, dass die Lühnsdorfer "Königin der Instrumente" ihrem Namen wieder alle Ehre macht.

Erbaut wurde sie 1898 vom Niemegker Orgelbaumeister Lobbes. Im September 1898, als die damals auch neu erbaute Dorfkirche geweiht wurde, war das Instrument fertig und erklang zum ersten Mal. Ihrem Schöpfer wurde für die Ausführung, der gelungenen Klangharmonie und für die Handhabung der Register große Anerkennung gezollt.

Zugleich ist die Lühnsdorfer Orgel die letzte, die Lobbes Werkstatt verließ. Im Rahmen der Restaurierungsarbeiten fand Stegmüller einen Beweis dafür, dass der Meister nicht mehr alles allein baute und einige Teile dazukaufte. In der Windlade entdeckte er ein Zettelchen, dass einen Zulieferer aus Leipzig belegt. Zeit-, Alters- oder auch Kostengründe könnten der Grund dafür gewesen sein. Und noch etwas ist spannend. Das Instrument entsprach dem Zeitgeschmack. Sie war modern und klang auch so - obwohl Meister Lobbes nach Meinung von Stegmüller sonst eher konservativ baute. "Er hat nicht experimentiert", sagt der Fachmann. Ob Lobbes deshalb im Innern des Orgelgehäuses auf die sonst gewohnte Signatur verzichtete, bleibt ein Geheimnis. Genau wie die Frage, was ihn bewogen hat, seinen Arbeitsstil zu ändern. 120 Jahre danach flossen mehr als 16.500 Euro in die Restaurierung des Instruments. Neben der Reinigung wurden die Prospektpfeifen ausgetauscht, der Spieltisch repariert und restauratorische  Arbeiten am Orgelkorpus erledigt.

Am kommenden Sonntag, 15. Dezember, wird um 16.00 Uhr zur musikalischen Märchenstunde am dritten Advent in die Kirche in Lühnsdorf geladen. Herzliche Einladung dazu!

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