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Rund 200 Einwohner von Hohenreinkendorf müssen ihre Häuser verlassen.

Großeinsatz
Evakuierung wegen Weltkriegsbombe

Oliver Schwers / 13.12.2019, 20:25 Uhr - Aktualisiert 13.12.2019, 22:18
Hohenreinkendorf (MOZ) Völlig unbemerkt liegt sie in einer Tiefe von knapp anderthalb Meter unter der Erde, gleich hinter einem Wohnhaus mitten in Hohenreinkendorf. Die Gefahr lauert dort fast 75 Jahre lang, während oben drüber Rasenmäher fahren, Kinder spielen oder Pferde grasen. Nur durch einen Zufall ist die 70 Kilogramm schwere Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg nun gefunden worden. Weil auf dem Gelände gebaut werden soll, gibt es im Auftrag des Landes eine zielgerichtete Suche von Munitionsexperten im Baugrund. Und tatsächlich: Diesmal zeigen die Messgeräte an. Ein mit großer Vorsicht ausgehobenes Loch an der auffälligen Stelle bringt schließlich Gewissheit: Eine scharfe Bombe steckt fast senkrecht im Boden.

Beutestück der Roten Armee

Wenn sie hochgegangen wäre, hätte es einen Trichter von vier bis sechs Meter Durchmesser und zwei Meter Tiefe gegeben, schildert André Vogel vom Kampfmittelbeseitigungsdienst des Landes Brandenburg, die Auswirkungen. Und im Umkreis von 50 Metern wären Scheiben, Dachsteine und Türen zu Bruch gegangen. Ganz zu schweigen von der tödlichen Wirkung umherfliegender Metallteile und Steine.

Es handelt sich um eine Bombe aus deutscher Produktion, aber mit einem sowjetischen Zünder versehen. Damit steht fest: Es ist ein sogenanntes Beute-Stück, das der Roten Armee in den letzten Kriegsmonaten aus den Beständen der deutschen Wehrmacht in die Hände gefallen war. Und hier beginnt die Schwierigkeit für André Vogel. Durch seine jahrelangen Erfahrungen weiß er, wie anfällig und labil Zünder und Sprengstoff im Laufe der Zeit geworden sind. Die Bombe ist stark verrostet und verdreckt. "Den Zünder müssen wir auf jeden Fall vor Ort sprengen." Gelingt das nicht, muss der komplette Blindgänger gesprengt werden.

Rund 200 Einwohner von Hohenreinkendorf müssen ihre Häuser verlassen. Der Kampfmittelbeseitigungsdienst entschärft den  gefährlichen Blindgänger nach fast 75 Jahren im Garten eines Privatgrundstücks.
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Evakuierung wegen Weltkriegsbombe

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Das Ordnungsamt Gartz ordnet am Vormittag die Evakuierung von Hohenreinkendorf an. 42 Leute von Feuerwehr, Rotem Kreuz, Polizei und Verwaltung rücken aus. Die Einwohner sind zuvor mit Flugblättern informiert worden, viele haben sich abgemeldet. Drei bettlägerige Menschen müssen mit Tragen und zwei weitere mit Tragestühlen aus ihren Häusern geholt werden. Niemand schimpft, obwohl die Temperaturen draußen kaum die Null-Grad-Marke übersteigen. Der Sperrkreis hat einen Durchmesser von 400 Metern.

Verletzung des Sperrkreises

Dann sperrt die Polizei die Zufahrtstraßen – freie Hand für André Vogel und seine Helfer. Trotz der Kälte muss er die Bombe ohne Erschütterungen freilegen, den Zünder entschärfen. Dann plötzlich Stopp. Jemand ist unbemerkt in den Sperrkreis eingedrungen und hinter seinem Hoftor verschwunden. Die Polizei versucht, an ihn heranzukommen. Feuerwehrleute schütteln den Kopf. "Das sind die Dinge, die solche Aktionen verzögern", berichtet André Vogel aus seiner Praxis. Viele Leute unterschätzen einfach die Gefahr.

Schließlich geht es weiter. Alles läuft nach Plan. Der Zünder wird vor Ort gesprengt und der Blindgänger abtransportiert.

Es ist nicht der erste, der in dieser Gegend zum Vorschein kommt. Vermutlich Mitte April 1945 hat die Rote Armee hier ihre Bodenoffensive aus der Luft unterstützt. Warum die Bombe nicht sofort explodierte, lässt sich kaum noch rekonstruieren. Vermutlich lag es am Zünder. Und so hat sie ihre gefährliche Wirkung so viele Jahrzehnte behalten.

Auch wenn alles wie am Schnürchen läuft, "Routine darf trotzdem nie aufkommen", sagt Henrik Fischer vom Gartzer Ordnungsamt. Es könnte immer noch tödlich enden.

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