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Fußball
Rollentausch mit neuem Kribbeln

Gunnar Reblin / 05.01.2020, 10:30 Uhr
Dreetz (moz) Ihre Zeit als aktive Fußballer liegt noch gar noch nicht so lange zurück. Mit viel Talent gesegnet, zählten sie zu den Schlüsselspielern in ihrem Heimatverein SV Dreetz. Ihre Laufbahn hält viel Spannendes parat. Inzwischen haben Matthias Haufe (30 Jahre) und Patrick Jammrath (37)  die Seiten gewechselt. Sie sind keine Trainer, auch keine Funktionäre. Sie sind Schiedsrichter. Ambitionierte Unparteiische, die dem Fußballkreis Prignitz/Ruppin gut zu Gesicht stehen. Beide betonen: "Es ist von Vorteil, erst Spieler gewesen zu sein. Definitiv." Die visualisierte Kombination von einem Schiri- und einem ehemaligen Spieler-Auge sei extrem hilfreich in der Beurteilung des Geschehens auf dem Fußballplatz. Die Distanz zu ehemaligen Mitspielern oder langjährigen Gegenspielern zu wahren, sei hingegen manchmal schwierig. "Man hört schon öfter mal weg, nimmt nicht alles zu ernst, aber wenn es sein muss, wird hart durchgegriffen", räumen Haufe und Jammrath unisono ein.

Glück und Unglück

Die beiden ehemaligen Fußballer starteten jeweils nach einer schweren Knieverletzung (Kreuzbandriss) ihre zweite Karriere. Wurden sie ins Schiriwesen gedrängt? "Nein. Gedrängt nicht", wiegeln beide ab, um mit einem Lächeln auf dem Gesicht zu ergänzen: "Aber vielleicht etwas angestupst". Ihr geliebter Heimatverein SV Dreetz suchte und brauchte Schiedsrichter.

Matthias Haufe machte 2014 – in der Zwangspause nach seinem ersten Kreuzbandriss – seinen Schiedsrichter-Schein. Sein erstes Spiel leitete er jedoch erst am 16. Juni 2018, also vier Jahre später. Kreispokal B-Junioren. Wustrau gegen Perleberg. Endstand: 1:7. Mit Beginn der Saison 2018/2019 sattelte Haufe dann gänzlich vom Spieler zum Referee um. Aktuell ist er in der Kreisliga eingestuft. "Ich würde gerne höher pfeifen, also aufsteigen", hofft der stets zuverlässige Dreetzer, bald in der Kreisoberliga und vielleicht irgendwann auch auf Landesebene schiedsen zu dürfen.

Patrick Jammrath, den alle nur Jammi rufen, meldete sich nach seinem im September 2017 erlittenen Kreuzbandriss zur Schiri-Prüfung an und legte diese auch erfolgreich ab. "Ich wurde am Anfang nur sporadisch eingesetzt, da ich ja noch aktiv gespielt habe", blickt der lange Schlaks zurück. Sein erstes Spiel war eine E-Jugendpartie in der Landesliga in Kyritz. Inzwischen leitet der einstige Torjäger Spiele in der Kreisoberliga. "Ganz klar, die Landesklasse ist das nächste Ziel", strebt auch er nach höheren Gefilden. Jammrath hat zudem mit Beginn der Saison einen Posten in der Ansetzergruppe übernommen, setzt demnach seine Kollegen an den Wochenenden in vier Spielklassen (KOL, KL Ost, KK Süd) an. Ach so, und leidenschaftlicher Feuerwehrmann ist Patrick Jammrath auch.

Engpass und Vergütung

Für den Schiedsrichter-Ausschuss um Chef Stefan Schmidt (Gülitz) ist der Weg, den die beiden Dreetzer eingeschlagen haben, ein Paradebeispiel dafür, wie die Vereine selbst dafür sorgen können, dass es künftig wieder mehr Schiedsrichter gibt. Sie mögen intern potenzielle Kandidaten ansprechen, motivieren, Hilfestellung geben. Haufe und Jammrath dienen darüber hinaus als beste Beispiele dafür, dass die Sportler-Laufbahn trotz einer schweren Verletzung oder eines fortgeschrittenen Alters nicht vorbei sein muss. Auch eine andere Aufgabe kann das Dabeisein ermöglichen und Spaß machen.

Die Vergütung habe für Haufe und Jammrath keine Rolle gespielt. "Des Geldes wegen machen wir das nicht!" Dafür sei die Entlohnung auch zu gering bemessen. Haufe betont: "Entweder man will das, mit allem was dazugehört, oder nicht."

Die beiden Jung-Schiris blicken gleichermaßen sorgenvoll auf die aktuelle Situation in ihrer Zunft. "Es gibt eindeutig zu wenige Schiedsrichter", so Jammrath. Er legt den Finger bewusst in die Wunde: "Da wurde in der Vergangenheit viel verkehrt gemacht, was die Förderung und Gewinnung von Schiedsrichtern angeht". Seiner Meinung nach habe es der Schwesterkreis Prignitz diesbezüglich zuletzt besser gemacht. "Wir müssen uns deutlich steigern, sind aber jetzt auf einem guten Weg", wie er findet. Matthias Haufe kann da nur zustimmend nicken. Er meint: "Auf und neben dem Platz muss der Umgang besser werden. Da müssen auch die Vereine für ein angenehmeres Miteinander sorgen." Und Jammrath ergänzt: "Das fehlende Miteinander macht das schönste Hobby der Welt ein Stück weit kaputt. Leider. Schade."

Sie beklagen den oftmals rauen Ton, die fehlende Fairness und den mangelnden Respekt untereinander. Als Spieler haben sowohl Haufe als auch Jammrath immer Schiedsrichter gemocht, mit denen man kommunizieren konnte, die dennoch eine klare Linie hatten, aber das Spiel eben ein Spiel blieb, in dem die Sportlerherzen 90 Minuten glühten, aber eben friedlich im Einklang summten. Und nach dem Abpfiff sowieso.

Beiderseits viel Talent

Matthias Haufe und Patrick Jammrath waren einst Vollblut-Fußballer. Beide mit reichlich Talent gesegnet. Haufe, einst ein gewiefter Verteidiger, Jammrath ein Sturmtank und Knipser. Bei Jammrath hieß das Motto immer "Tore satt". Und was sagen die beiden Dreetzer, die sogar acht Jahre gemeinsam im Männerbereich für den SV Dreetz kickten, jeweils über sich.Haufe sagt über Jammrath: "Jammi war nach dem Anpfiff ein anderer Mensch, extrem ehrgeizig, manchmal verbissen. Er wollte immer gewinnen. Er war ein Torjäger, hatte alles, was ein Knipser so braucht." Jammi nickt und lächelt.Und Jammrath sagt über Haufe: "Haufi hat schon immer mächtig was auf dem Kasten gehabt. Ich denke, er hat sein Talent verschenkt, weil er vom Kopf her nicht klar genug war. Er hätte viel mehr aus sich machen können." Haufe nickt und lächelt.

Karriere im Abriss

Haufe, in Rathenow geboren, begann als fünfjähriger Knirps beim SV Dreetz mit dem Fußball spielen. Unter der Regie von Trainer und Vereinsurgestein Reinhard Hebekerl mauserte er sich schnell zu einem Verteidiger der Extraklasse. Die Berufung in die Kreisauswahl war die logische Folge. Scouts wurden aufmerksam. Mit zwölf Jahren wechselte Haufe auf eine Sportschule in Stuttgart. "Ich habe für die Internatsteams der Stuttgarter Kickers gespielt. Es waren Förderkader für die Stuttgarter Vereine, wir hatten täglich Training", blickt er zurück. "Leider hat mir dann mit 16 Jahren der richtige Biss gefehlt. Zum großen Sprung hat es daher nicht gereicht. Aber es waren keine verlorene Jahre dort. Ich habe den Schritt nie bereut."

In dieser Zeit blieb Haufe seinem SV Dreetz stets treu. "Ich bin immer mit dem Zug gependelt. Egal, wo es mich danach auch hingezogen hat, das Wochenende war ich meistens in Dreetz." Mit 22 Jahren brach er seine Zelte in Stuttgart, wo er eine Ausbildung zum Sport- und Gymnastiklehrer absolvierte, ab. Ihn zog es nach Hannover – Sportlehrer an einer Grundschule. Pendeln inklusive. "Aber das war nur für ein Jahr. Ich bin dann mit meiner Freundin Julia", mit der er seit elf Jahren liiert ist, "nach Potsdam gezogen, habe dort nochmal eine Ausbildung zum Physiotherapeuten gemacht." Mit 26 Jahren schloss er sich der Bundeswehr an, arbeitete in Berlin im Bundeswehr-Krankenhaus, ehe es ihn zurück nach Dreetz zog. Töchterchen Leni Karlotta kam vor knapp vier Jahren zur Welt. Haufes Elternhaus liegt direkt am Sportplatz. Damals ein Spieleparadies für die Haufe-Brüder Matthias (30), Sebastian (34) und Oliver (40). Heute wohnt Matthias mit seiner Familie in einem neuen Eigenheim am Amselweg in Dreetz.

Seine Fußballer-Laufbahn lag nach einem Kreuzbandriss im linken Knie 2014 auf Eis. "Das ist in einem Spiel bei Stahl Wittstock passiert, ohne Fremdeinwirkung bin ich mit dem Fuß im Rasen hängengeblieben", erinnert sich Haufe. Er pausierte ein Jahr. Dann erfolgte der Lockruf vom Pankower SV. "Dort habe ich noch einmal zwei Jahre gespielt, bis ich mir erneut einen Kreuzbandriss, diesmal im rechten Knie, zugezogen habe." Im Spiel hatte ihn ein Gegenspieler so unglücklich an der Fußspitze getroffen, dass er sich dabei das Knie verdrehte. Den Schiri-Schein hatte er zu diesem Zeitpunkt schon erworben. Das Ende der Fußballer- ging mit dem Start der Schiri-Laufbahn einher. In der Saison 2018/2019 hatte er bereits 34 Einsätze. In dieser Spielzeit bislang 28. Als Vorbilder nennt Haufe den Italiener Pierluigi Collina und den Engländer Howard Webb – beide zu ihrer aktiven Zeit Top-Referees mit markanter Glatze.

Dagegen hat Patrick Jammrath, der als Schweißer bei der Firma Hüffermann Transportsysteme GmbH in Neustadt arbeitet, kein Schiri-Vorbild. "Mir fällt jedenfalls keines ein", lacht der 37-Jährige. Er begann ebenso als Steppkes im Alter von fünf Jahren beim SV Dreetz. Und er kickte im Männerbereich gar eine Saison (2004/2005) in Frankreich beim FC Entzheim. "Ich war zu dieser Zeit als Soldat dort stationiert. Das Niveau in Entzheim war vergleichbar mit der Landesklasse hier", erklärt der Ex-Stürmer. Nach einer halben Saison beim FC Schutterwald in Baden-Württemberg kam ein Hilferuf aus Dreetz. "Ich habe mich erweichen lassen, konnte meinen Heimatverein ja nicht im Stich lassen und bin zurück." Jammrath kickte dann noch in Fehrbellin und Kyritz, ehe er seine Töppen 2017 nach einem Kreuzbandriss an den Nagel hing.

Mit der Pfeife im Mund haben Matthias Haufe und Patrick Jammrath inzwischen ihrer ersten Laufbahn eine zweite folgen lassen.

Wichtige Stützen

Für Sebastian Werner aus dem Schiedsrichter-Ausschuss des FK Prignitz/Ruppin sind Haufe und Jammrath bereits "wichtige Stützen fürs Schiedsrichterwesen" geworden. "Mit Patrick haben wir ja seit dieser Spielzeit einen neuen Leiter der Ansetzergruppe. Ich habe höchsten Respekt vor diesem Amt", so Werner. "Als Fußballer hat sich Patrick im Fußballkreis bereits einen Namen gemacht. Zudem weiß er, wie die Maschinerie läuft", betont Werner. Der Aufwand sei wirklich groß, aber kaum jemand wisse dieses Ehrenamt zu schätzen, da vieles im Hintergrund ablaufe. "Dass Patrick neben seiner Tätigkeit in der Feuerwehr und im Ausschuss auch selbst Spiele leitet, ist bemerkenswert", findet Werner. Er schätzt ihn als aufrichtigen und zuverlässigen Teamplayer. Und Matthias Haufe habe sich zu einer zuverlässigen und einsatzbereiten Größe gemausert. "Matthias hat aus meiner Sicht auf dem Platz eine gute Körpersprache." Im Kalenderjahr 2019 hat Haufe 54 Ansetzungen wahrgenommen, 28 davon in der aktuell laufenden Saison. Werner: "Wenn man bedenkt, dass es eine Winter- und eine Sommerpause gibt und das Jahr nur 52 Wochen hat, bedeutet das, dass Matthias an vielen Wochenenden mehrfach als Unparteiischer unterwegs war. Es freut mich, dass Matthias nach seiner Laufbahn als Spieler ein so großes Kribbeln verspürt hat und dem Sport weiterhin treu geblieben ist."

Der Erfinder von Gelb und Rot

Rudolf Kreitlein, ein deutscher Schiedsrichter, der vor Kurzem 100 Jahre alt geworden wäre, gilt als Erfinder der Gelben und Roten Karten. Er wollte bei der Weltmeisterschaft 1966 in England den Argentinier Antonio Rattin vom Platz stellen. Doch der Kapitän der Gauchos tat in der Partie gegen das Team des Ausrichters so, als würde er nichts verstehen. Es dauerte sieben Minuten mit tumultartigen Szenen, ehe Bobbys Rattin Richtung Kabine führten.Rudolf Kreitlein saß am Tag darauf zusammen mit Schiedsrichterbetreuer Ken Aston im Auto und war in London unterwegs, als sie an einer roten Ampel anhalten mussten. Ihnen kam die Idee: Die Spieler müssten mittels äußeres Zeichen der Entscheidung Gelbe oder Rote Karten gezeigt bekommen, damit auch Außenstehende sofort erkennen, worum es geht. Das International Football Association Board prüfte den Vorschlag. Drei Jahre später wurden die Gelben und Roten Karten eingeführt. Bei der WM 1970 in Mexiko folgte dann die Premiere: der deutsche Referee Kurt Tschenscher hielt dem Russen Jevgenij Lovchev erstmals einen Gelben Karton unter die Nase.⇥red

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