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Hunderte Vögel verscheucht
Radikal und unnatürlich: Kahlschlag auf dem Schenkenberger Fliederberg

Umweltfreunde trafen sich zur "Stunde der Wintervögel" auf dem Fliederberg in Schenkenberg. Viel zu zählen gab es nicht, dafür plakativen Protest.
Umweltfreunde trafen sich zur "Stunde der Wintervögel" auf dem Fliederberg in Schenkenberg. Viel zu zählen gab es nicht, dafür plakativen Protest. © Foto: Th. Messerschmidt
Th. Messerschmidt / 16.01.2020, 11:30 Uhr
Schenkenberg (BTAWO) In Schenkenberg gibt es eine Fliederstraße und einen Fliederberg. Nur vom namensgebenden Flieder ist nicht viel übrig. Verabredete Einschnitte auf dem dicht bewachsenen "Berg" brachte in den Jahren 2015/16 der Bau einer Erinnerungsstätte für die hier von 1832 bis 1849 betriebene Telegraphenstation mit sich. Fortan pflegten die Telegraphenfreunde das Gelände zwischen Feuerwehr und Bushaltestelle, hielten die Wege frei und sauber und ließen das Grün den Vögeln und Insekten. Schließlich war in dem Nutzungsvertrag mit der Kirche als Grundstückseigentümer eine "behutsame Pflege" vereinbart. So vollzogen auch beim Herbstputz am 02. November, für den die NABU-Expertin Beatrix Wuntke, die nahe Fliederberg wohnt und Mittlerin zwischen Kirche und Telegraphenfreunden ist , "nur die Wege zu beräumen und am besten auch soviel von dem zusammengefegten Laub wie möglich zwischen die Sträucher zu pusten und nicht abzutransportieren." Um die Winterschlafplätze der Igel zu erhalten wie auch die Insektenvielfalt, die wiederum Grundlage für die vielen dort angesiedelten Vogelarten ist. Amseln, Bachstelzen, Blaumeisen, Buch-  und Grünfink, Grünspecht, Kleiber, Mönchsgrasmücke, Singdrossel, Zaunkönig und sogar ein Nachtigall-Pärchen zählten zu den Brutvögeln auf dem Fliederberg. Zählten! Denn kurz vor Weihnachten wurden erst sämtliche Büsche und Sträucher im südlichen Wäldchen des Fliederbergs rasiert, nach Neujahr dann im Norden. Einzig der Streifen zur  einstigen Schule blieb bestehen. Egal ob Kartoffelrosen, Knallerbsen, Brombeeren oder Flieder – alles verschwand.

Beatrix Wuntke wusste zwar, dass der Bauhof das Werk vollbracht hatte, aber nicht auf wessen Geheiß. Wolfgang Groch von den Telegraphenfreunden habe ihr versichert, sie hätten es nicht beauftragt, doch finde er es gut, dass im vorderen Bereich die Büsche weggekommen seien. Von der Kirche war der Auftrag auch nicht gekommen. Also von der Gemeinde? Bürgermeister Reth Kalsow lässt wissen: "Der Rückschnitt des Unterwuchses wurde im Zuge der anstehenden Baumpflegearbeiten durch die Verwaltung veranlasst. Hierbei wurde das Unterholz nur oberflächlich entfernt. Der Wurzelstock blieb erhalten. Dadurch ist ein Neuaustrieb im Frühjahr gewährleistet. Die Arbeiten wurden gemäß der naturschutzrechtlichen Bestimmungen außerhalb der Vegetationszeit (Nist- und Brutzeit) ausgeführt. Für das Frühjahr sind weiterhin Nachpflanzungen von Flieder entlang der bestehenden Wege vorgesehen." Warum vorher nicht mit allen Beteiligten gesprochen wurde und die "Baumpflege" behutsamer erfolgen konnte, versteht Beatrix Wuntke nicht, zumal der Kahlschlag nur  den Robinien in die Karten spielt. Deren Stumpen würden nun ungehemmt austreiben und viel schneller sein als der Flieder – wenn er kommt.

Schnell reagiert hatte in jedem Fall der NABU-Regionalverband und bereits am Nachmittag des 9. Januars ein großes Plakat zwischen zwei Bäume geschnürt, darauf die Aufschrift: "Hier brüteten über Jahrzehnte Nachtigallen, Rotkehlchen und andere geschützte Vogelarten. Jetzt nicht mehr." Das Plakat verschwand binnen 24 Stunden spurlos. Doch hatte der NABU ein zweites, das gleich nach der 10. bundesweiten "Stunde der Wintervögel" am 12. Januar verknotet wurde (und drei Tage schaffte).  Während zuvor Tausende Vogelfreunde fast 2,9 Millionen Vögel zählten und dem NABU meldeten, waren’s auf dem gesamten Fliederberg in Schenkenberg noch genau drei. Zwei Kohlmeisen, ein Haussperling.

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