Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Märchen-Nachmittag in Rädigke
Gute, alte Märchen aus überraschenden Blickwinkeln

Siegfried Frenzel führte durch den ersten Salonabend des Jahres 2020.
Siegfried Frenzel führte durch den ersten Salonabend des Jahres 2020. © Foto: Foto: B. Kraemer
Bärbel Kraemer / 16.01.2020, 17:00 Uhr
Rädigke "Es war einmal ..." - mit diesen Worten beginnen wohl die meisten Märchen. Kaum einer, der sie nicht kennt. Auch wenn es scheint, dass Fantasy-Geschichten heute immer mehr das gute alte Märchenbuch aus den Bücherregalen und Bibliotheken verdrängen, heißt es noch lange nicht, dass Märchen wie die der Gebrüder Grimm ausgedient haben.

Die knapp 40 Gäste des Theologischen Salons in Rädigke werden vermutlich allesamt noch einmal zu den Märchenbüchern greifen. Inspiriert von Siegfried Frenzel, der durch den ersten Salonabend des Jahres 2020 führte und eingeladen hatte, die Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm einmal anders zu betrachten.

Mit dem Märchen "Die Stadt der Brunnen" aus Jorge Bucays Buch "Geschichten zum Nachdenken" gelang Frenzel ein faszinierender Einstieg in den Abend. Er trug den Gästen des Abends ein Märchen vor, in dem - beim aufmerksamen Zuhören - schnell ein tieferer Sinn entdeckt wurde. Die Brücke von Jorge Bucays Brunnengeschichten zu den Grimmschen Märchen war damit gebaut. Denn ob im Froschkönig, bei Frau Holle, bei Hans im Glück oder bei der Geschichte von Jesus und der Samariterin - Brunnen spielen auch in diesen Überlieferungen eine bedeutende Rolle.

Das muss einen Grund haben - dachte sich Siegfried Frenzel, der sich seit einiger Zeit damit befasst, die guten alten Kinder- und Hausmärchen aus überraschenden Blickwinkeln zu erforschen.

"Obwohl ich als kleines Kind keine Märchen gelesen habe", gestand er am Ende seines Vortrages ein. Die Begeisterung für Märchen wurde erst viel später in ihm wach. Während des Theologiestudiums Mitte der 1980er Jahre. Ein Professor hatte den Studenten damals empfohlen, Märchen doch einmal aus christlicher Sicht zu deuten.

Mittlerweile hat Siegfried Frenzel bereits einige von Grimms Märchen unter diesem Blickwinkel analysiert. Jedoch anders als Eugen Drewermann, der sie psychoanalytischen Analysen unterzog. "Mein Ansatz ist ein Zeitgeschichtlicher", erklärt Frenzel und lädt ein, ihn erst einmal auf eine kleine Zeitreise ins Land der Märchen zu begleiten. Es geht zurück in das Jahr 1812, als die Aufzeichnungen der Gebrüder Grimm zum ersten mal publiziert wurden. Damals herrschten ganz andere Sitten- und Moralwerte, so dass es schnell zurück ins 21. Jahrhundert geht und es durchaus berechtigt ist, die alten Märchen neu zu interpretieren.

Dabei wird deutlich, dass die dieselben oberflächlich gesehen nichts anderes als Märchen sind; bei tiefer gehenden Betrachtungen sie aber einen ganz neuen Inhalt offenbaren und ursprünglich nicht nur für Kinder gedacht gewesen sein können.

Doch zurück zu den Brunnen, die Teil vieler Märchen sind. Welche Bedeutung hinter dem Wort Brunnen steckt, will Frenzel von den Gästen wissen. Die sind um Antwort nicht verlegen. Die Worte Quelle und Born - darin wiederum versteckt das Wort geboren - werden genannt. Der Brunnen steht damit für das Leben.

Anders jedoch beim Wolf und den sieben Geißlein - Grimms einzigem Märchen, in dem der Brunnen nicht Leben schenkt, sondern den Tod bringt. Siegfried Frenzel erzählt, dass er als Kind über dieses Märchen - konkret über die Passage, in der die Geißlein die Pfote des Wolfes mit der Klaue der Ziegenmutter verwechseln - ordentlich grübelte. Heute glaubt er, den tieferen Sinn des Märchens entdeckt zu haben. Er deutet den Wolf in diesem Märchen für den Tod, oder den Teufel mit seinem Hinkefuß - die Verwechslung wird damit verständlich.

Dann ist Frau Holle an der Reihe. Ein Märchen, das aufgeschrieben wurde, als die Spinnstuben und mit ihnen die "Spinnichten" immer mehr in Verruf gerieten und bald darauf verboten wurden. Schließlich wurde dort nicht nur gesponnen, sondern auch "unzüchtige Lieder" gesungen. Mit der Moral sollen es die jungen Leute in den Spinnstuben damals nicht so ernst genommen haben. Doch was hat das mit Frau Holle zu tun? Frenzel hat im Märchen einen ernsten Hintergrund ausgemacht. Marie, die sich mit der Spindel in den Finger stach, in den Brunnen sprang um dieselbe wieder herauszuholen, auf einer grünen Wiese erwachte und dann den Apfelbaum schüttelte und die Brote aus dem Backofen zog, könnte schwanger gewesen sein - ein uneheliches Kind unter dem Herzen getragen haben!

Die Begründung für diese These lautete wie folgt: Der Brunnen ist Quell alles neuen Lebens.

Der Apfel als Symbol der weiblichen Brust steht in der Szene für das Stillen eines Kindes und in Backöfen wurden dereinst Neugeborene gelegt, um sie vor Unterkühlungen zu schützen. Daher auch der Ausdruck "einen Braten in der Röhre haben". Und Frau Holle? Sie erscheint im Märchen als alte Frau mit großen Zähnen, vor der Marie erst einmal erschrickt. "Sie erschrickt vor der Fratze des Lebens", glaubt Siegfried Frenzel und lenkt die Aufmerksamkeit auf Frau Holle, die die Angelegenheit zum guten wendet, aus Marie die Goldmarie macht, sie zurück ins Leben entlässt und das uneheliche Kind ins positive wendet - eine Interpretation, die überrascht.

Aufgeschrieben hat Siegfried Frenzel seine Neuinterpretationen noch nicht, Interessierte können sie also nicht nachlesen. Aber: Jedermann kann den Griff ins Bücherregal wagen und sich den alten Märchen aus der Kindheit noch einmal hingeben. Mit dem Mut, eigene Interpretationen in den Beschreibungen der Gebrüder Grimm zu entdecken.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
© 2020 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG