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Als das jüdische Leben in Glambeck erlosch

Volkmar Ernst / 24.01.2020, 12:16 Uhr
Glambeck (MOZ) Glambeck ist ein idyllisches Dorf im Löwenberger Land. Etwa 120 Einwohner leben dort. Klar, dass jeder jeden kennt. Doch in der Chronik des erstmals im Jahr 1348 als "Glambeke" erwähnten Ortes klaffen einige Lücken, insbesondere in der Neuzeit. Das schließt die Zeit des Nationalsozialismus ebenso ein, wie später jene Zeit um die 1950er-Jahre.

Spurensuche

Für Simone Arndt, die sich selbst als an Geschichte interessiert beschreibt, jedoch sowohl die Bezeichnung Historikerin als auch Hobbyhistorikerin strikt ablehnt, waren die Lücken in der Chronik ein Ansporn, sich auf Spurensuche im Ort zu machen. "Jetzt gibt es noch Einwohner, die in jenen Jahren gelebt haben. Auf die Erinnerungen dieser Zeitzeugen sollte auf keinen Fall verzichtet werden", beschreibt Simone ihre Überlegungen. Sie selbst ist zwar  ein Glambecker Kind, doch ihre Familie stammt aus jenem Teil Brandenburgs, der heute zu Polen gehört. 1946 kam die Familie nach der Flucht in den Ort und wurde heimisch. Deshalb sprach Simone Arndt Alteingesessene und ehemalige Glambecker an, fragte nach ihren Erinnerungen, hörte intensiv zu und machte sich jede Menge Notizen. Dabei kam das Gespräch auch auf die jüdische Familie Labe, die einst im Ort einen Kolonialwarenladen führte. Seit 1927 war Julius Labe in Glambeck gemeldet, hat sie ermittelt.  Geheiratet hatte er Rosalie, eine geborene Simon. Wurde der erste Sohn Paul noch in Berlin geboren, ist alten Registern zu entnehmen, dass sowohl Tochter Dora als auch der zweite Sohn Theodor in Glambeck zur Welt kamen.

Vor allem an die Kinder können sich die Zeitzeugen, darunter Erna Gawlik, die noch heute in Glambeck lebt, und Helga Kramer, die in Grieben zu Hause ist, noch  erinnern. Mit Dora ist Erna Gawlik zur Schule gegangen. Sie haben miteinander gespielt und sich gegenseitig besucht. Wenn Dora in den Laden ging, dann grüßte sie immer mit einem "Ich bin’s", um ihrer Mutter anzuzeigen, dass ihre Tochter und kein Kunde die Ladentür geöffnet hatte, ist eine solche Erinnerung, die Simone Arndt aufgeschrieben hat. Eine andere ist, dass Vater Julius Labe schon mit 32 Jahren starb. Doch seine Frau Rosalie führte den Laden dennoch weiter. Auch an Sohn Paul gibt es eine ganz spezifische Erinnerung. Der soll als Knecht bei einem Bauern im benachbarten Seebeck gearbeitet haben. Zur Arbeit sei er immer mit dem Rad gefahren, morgens hin und am Abend wieder zurück.

Die Labes waren also eine ganz normale Familie, und dennoch wurde ihr Geschäft in jener Progromnacht am 9. November 1938, von den Nazis als Kristallnacht tituliert, von Angehörigen der SA geplündert. Das Inventar trugen sie aus dem Laden, die Möbel, selbst Waren und Lieferscheine waren dabei. Alles wurde dort, wo sich heute der kleine "falsche" Kreisverkehr mit dem Gedenkstein befindet, aufgestapelt und angezündet.

Erinnerung als Mahnung

Ja, es gab die SA-Schergen auch in Glambeck. Es waren die Nachbarn, ganz normale Nachbarn, die dann jedoch, vom Judenhass angestachelt, plötzlich zum Laden marschierten. Auch das ist ein Teil der Glambecker Geschichte, und er darf nicht vergessen werden. Simone Arndts Absicht ist es nicht, den belehrenden Zeigefinger zu heben. Doch wichtig ist ihr, die Erinnerung an diese Geschehnisse dem Vergessen zu entreißen, um zu mahnen, dass derlei nie wieder geschehen darf.

In den 1940er-Jahren verlieren sich die Spuren der Familie. Die von Rosalie Labe führen von Glambeck nach Berlin und weiter nach Kauen, dem heutigen Kownow.

Von Paul wird angenommen, dass er über das Landwerk Neuendorf im Sande ins Warschauer Ghetto kam und es dann weiter nach Treblinka ins Lager ging.

Tochter Dora soll von Glambeck nach Schniebienchen, einem Hachschara-Lager gekommen sein. Als Hachschara wurde die systematische Vorbereitung von Juden auf die Alija bezeichnet, das heißt die Vorbereitung auf die Besiedlung Palästinas vor allem in den 1920er- und 1930er-Jahren. Ob sie dort jemals angekommen ist, darf bezweifelt werden. Hinweise deuten darauf hin, dass ihr Weg über Bielefeld und Berlin nach Auschwitz führte.

Noch weniger ist über den Verbleib von Theodor bekannt. Allerdings belegen Unterlagen, dass er 1940 in Berlin noch zur Schule ging und dort bei einer Pflegefamilie lebte.  Eine Vermutung ist, dass seine Mutter und er es geschafft haben, auszuwandern. Eine andere ist,  dass auch er dem Vernichtungslager nicht entgangen ist.

In seiner Dokumentation begibt sich Andreas Christoph Schmidt auf eben die Suche nach Spuren der Familie Labe. Zu Wort kommen dabei sowohl Zeitzeugen aus Glambeck als auch Angehörige der Familie Simon, darunter Ona und Shabtai Simon, die noch heute in Israel leben und jenem Zweig der Familie angehören, denen in den 1930er-Jahren noch die Auswanderung aus Deutschland gelang.

Sendetermine des Films

Regisseur Andreas Christoph Schmidt macht sich in dem Film auf die Suche nach Spuren der Familie Labe, die in Glambeck lebte, bevor sie von den Nazis auseinandergerissen wurde.

In der ARD wird der Dokumentarfilm am Montag, 27. Januar, um 23.45 Uhr gezeigt.

Beim RBB läuft er am Sonntag, 2. Februar, um 22.20 Uhr. ⇥veb

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