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Reckin’s Eiche
Im August geht das letzte Schnitzel über den Tresen

WLAN, Kartenzahlung? Gibt es bei Corinna Schnell in "Reckin’s Eiche" nicht. Sie will die gesellige Esskultur mit deutscher Hausmannskost am Leben halten und für Entschleunigung sorgen.
WLAN, Kartenzahlung? Gibt es bei Corinna Schnell in "Reckin’s Eiche" nicht. Sie will die gesellige Esskultur mit deutscher Hausmannskost am Leben halten und für Entschleunigung sorgen. © Foto: Marco Winkler
Marco Winkler / 02.03.2020, 20:45 Uhr
Klein-Ziethen (MOZ) Ende August verlässt das vorerst letzte Riesenschnitzel die Küche von Gunnar Polzin. Ob es ein "Schwanter Riesenschnitzel" oder "Das total verrückte Schnitzel" sein wird, entscheiden die Gäste zum Abschied. Mehr als ein Dutzend Variationen gibt es. Der Inhaber von "Reckin’s Eiche" in Klein-Ziethen steht seit bald 21 Jahren selbst in der Küche. Seine Kochkünste und der Service von Partnerin Corinna Schnell sind über die Kreisgrenzen hinaus bekannt.

Am Montag ist Ruhetag. In Klein-Ziethen mit seinen wenigen Einwohnern ist es das wohl fast immer. Doch ein Punkt im Dorf erlebt jeweils ab Mittwoch und vor allem am Wochenende Belebung sondergleichen: die Gastro-Institution "Reckin’s Eiche".

Konkurrenz machte sich rar

Im September reichte der Inhaber die Kündigung des Mietvertrages mit der Gemeinde als Gebäudeeigentümerin ein. An mangelnden Gästen lag dieser Schritt nicht. "Wir waren immer voll besetzt." Oft gab es nur mit Reservierung einen Tisch. Corinna Schnell habe nie Probleme gehabt, Gäste nach Bärenklau oder Sommerfeld zu schicken, sah das Angebot als Bereicherung an, nicht als Konkurrenz. Doch auch die machte sich rar in den vorigen Jahren: in Marwitz schloss die Gaststätte "Zur Waage", in Kremmen "Meyhöfers", in Staffelde die "Tenne", in Schwante der "Lindenkrug" und die Schloss-Gastronomie, im größten Ortsteil, Bötzow, gibt es nur ein Bistro. "Die deutsche Hausmannskost stirbt langsam aus", befürchtet Corinna Schnell.

In Klein-Ziethen waren Gunnar Polzin und Corinna Schnell die ganze Zeit alleine. Er in der Küche, sie im Service. Aushilfen gab es selten. Im Januar 2018 schlossen sie deshalb den großen Saal mit 60 Plätzen. "Das war alleine nicht mehr machbar", so die 39-Jährige. "Den Saal würden wir nach wie vor voll kriegen." Doch der 56-jährige Gunnar Polzin, seit 1989 geprüfter Küchenmeister, stehe seit Jahrzehnten alleine hinter dem Herd. Anfangs sieben Tage in der Woche. "Jedes Wochenende, jeden Feiertag." Das Paar kann kaum etwas unternehmen: keine Messen, keine Geburtstage, keine Erntefeste, kein Kinoabend. "Irgendwann fehlt das", sagt Corinna Schnell. "Die Freizeit kommt zu kurz." Die wenigen Urlaubswochen reichen als Erholung nicht aus. Für den Gast da zu sein, sei toll. "Aber irgendwann muss man an sich und sein eigenes Leben denken."

"Reckin’s Eiche" hat sich vor allem durch die großen Schnitzel einen Namen gemacht. Im Sommer komme "ganz Berlin" nach Klein-Ziethen. Die ländliche Idylle lockt die Großstädter raus. "Früher hatten wir auch Königsberger Klopse, süßsaure Eier und Forelle, aber die Leute wollten von Anfang an nur die Schnitzel", sagt Corinna Schnell. 450 bis 500 Gramm wiegt eine Portion. "Sie soll satt machen." Bevor die Schnitzel auf den Tisch kamen, war das Gebäude Teil des Bärenklauer Remonte-Depots. Laut Corinna Schnell wurde mit Pferden experimentiert. Die Tiere seien besamt und die Föten abgetrieben worden, um ein Serum herzustellen. "Die Alteingesessene nennen das Gebäude ‚Das Serum’." Später zog der Jugendclub ein, zu DDR-Zeiten gab es Discos. Nach der Wende kamen Gasstätte, Wohnungen und die Kita (heute eine Arztpraxis) im Haus unter.

Corinna Schnell hofft, dass die Gemeinde einen geeigneten Nachfolger findet. "Auch wir wollen hier abends mal ein Bierchen trinken und etwas essen." Diesmal aber privat und ohne Handy. Sie merke, wie die Gäste abgehetzter geworden sind, sich kaum noch Zeit für gute Gespräche nehmen, nur aufs Smartphone starren und dabei das Essen verschlingen. Sie vermisse eine gesellige Esskultur. Das erste, was sie nach dem finalen Schnitzel machen will: "Handy aus und wegfahren."

Gemeindevertreter entscheiden am 23. April

Bis zum 13. März können sich interessierte Gastronomen an die Gemeinde Oberkrämer wenden. Bewerbungsbedingungen und Exposé können unter bauamt@oberkraemer.de angefordert werden. Nach dem 13. März werden die Unterlagen zeitgleich an die Bewerber versendet.

Die Entscheidung zur Vergabe des Pachtvertrages trifft die Gemeindevertretung im nicht öffentlichen Teil der Sitzung am 23. April.⇥win

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