Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Coronavirus
Corona lässt Reichenwalde singen

Ilona und Manfred Kastner bitten wegen Corona zum abendlichen Singen vor ihr Haus in der Kolpiner Straße. Abends erklingt über Reichenwalde Matthias Claudius’ "Der Mond ist aufgegangen". Die Bürger treffen sich zum Singen.
Ilona und Manfred Kastner bitten wegen Corona zum abendlichen Singen vor ihr Haus in der Kolpiner Straße. Abends erklingt über Reichenwalde Matthias Claudius’ "Der Mond ist aufgegangen". Die Bürger treffen sich zum Singen. © Foto: Ruth Buder
Ruth Buder / 04.04.2020, 03:00 Uhr - Aktualisiert 06.04.2020, 11:43
Reichenwalde (MOZ) "… und lass uns ruhig schlafen und unseren Nachbarn auch", mit dieser Liedzeile beenden derzeit jeden Abend Bürger aus Reichenwalde ihr musikalisches Treffen. Immer um 19 Uhr kommen sie vor ihren Häusern zusammen, mit Instrumenten oder um einfach nur gemeinsam zu singen. Natürlich im gebotenen Abstand.

"Wir folgen dem Aufruf der evangelischen Kirche, sich in diesen Zeiten, wo viele einsam zu Hause sind, jeden Abend zu begegnen und gemeinsam zu singen", erklärt Gemeindepädagogin Elisabeth Neumeister. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hatte in einem Aufruf am 18. März empfohlen, das Lied "Der Mond ist aufgegangen" von Matthias Claudius (1740–1815) als Zeichen des Verbundenseins abends gemeinsam zu singen.

Gemeinschaft trotz Corona

Das tun rund 20 Männer, Frauen und Kinder auch am vergangenen Donnerstag an der großen grünen Wiese hinter der Kirche. Wolfgang Kage bläst die Posaune, Martin Kastner die Trompete und Ernst Neumeister spielt Gitarre. Und oben auf dem Balkon seines Hauses sitzt Christian Hofmüller und stimmt mit seiner Tuba in das Konzert mit ein. Dazu wird der Text – immerhin hat er sieben Strophen – gesungen. Den können Kantorin Annemarie Mai und ihre vier Kinder sowie Katrin Möser, die an diesem Abend ebenfalls ihre drei Kinder mit dabei hat, bereits auswendig. "Man ist ja den ganzen Tag allein zu Hause, da ist das abendliche Treffen eine schöne Abwechslung", findet Katrin Möser.

Gespielt und gesungen wird auch vor dem Haus von Ilona und Manfred Kastner in der Kolpiner Straße. Der 70-Jährige ist ein begnadeter Trompeter, hat mehr als 50 Jahre Musik gemacht und spielte einst in der "Märkischen Blasmusik". Dass er mal zu solch einem Anlass spielen werde, hätte er sich nie träumen lassen. "Wir haben vergangenen Sonnabend damit angefangen", erzählt seine Frau. "Das war noch vor der Umstellung auf die Sommerzeit und es war um 19 Uhr schon etwas dunkel. Eine sehr schöne Atmosphäre, um dieses Lied zu singen", findet llona Kastner.

Alles über das Coronavirus und seine Folgen für Brandenburg und Berlin in unserem Coronablog.

Rund 20 Nachbarn kommen dann zusammen, genießen die Minuten der Gemeinsamkeit, ehe sie wieder in ihre Häuser verschwinden und alles ganz still wird in Reichenwalde. Ilona Kastner muss in diesen Tagen der Einschränkungen oft an ihre Mutter denken, wenn sie vom Krieg erzählt und sich über die wachsende Maßlosigkeit der Menschen erregt habe. "Oft konnte ich es nicht mehr hören, heute sehe ich es mit anderen Augen."

Auch im Mühlenweg wird täglich um 19 Uhr "Der Mond ist aufgegangen" gesungen. Initiatorin ist Waltraud Böker, die Ortsvorsteherin und Vorsitzende des Awo-Ortsvereins. "Heute waren wir nur zwei, meine Tochter und ich. Aber wenn sich das herumspricht, kommen sicher noch mehr", denkt die 60-Jährige. Ihr liegt vor allem das Wohl der älteren Reichenwalder am Herzen. "Ich versuche, sie regelmäßig anzurufen, frage wie es geht und ob sie Hilfe brauchen. Schön ist, dass wir in Reichenwalde gut funktionierende Familienbünde haben, die sich um einander kümmern." Manche alte Menschen lehnen aber auch das Angebot, den Einkauf mitzubringen, ab. "Das wollen sie trotz aller Warnungen selber machen, nach dem Motto: Ich bin alt, dann ist es wie es ist", erzählt Waltraud Böker.

Auch heute wird wieder in Reichenwalde gespielt und gesungen "…verschon uns, Gott, mit Strafen und lass uns ruhig schlafen und meinen kranken Nachbarn auch." Jeder ist willkommen oder kann seine Fenster öffnen, um zuzuhören.

Alles über das Coronavirus und seine Folgen für Brandenburg und Berlin in unserem Coronablog.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
© 2020 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG