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Leere Kirchen in Corona-Zeiten
Pfarrerin Christiane Klußmann mit Gedanken zum Sonntag

Pfarrerin Christiane Klußmann / 05.04.2020, 11:45 Uhr
Schenkenberg Die Eindämmungsverordnung lässt in Corona-Zeiten auch Kirchen leer bleiben. BRAWO hat Pfarrerinnen und Pfarrer das Angebot unterbreitet, sonntags mittels Zeitung das "Wort Gottes" zu ihren Gemeindemitgliedern zu bringen. Heute: Christiane Klußmann, Evangelische Lukas-Kirchengemeinde Jeserig & Kirchengemeinde Brandenburg-Ost:

Die kalte Luft weht mir in diesen Tagen ins Gesicht, wenn ich morgens das Fenster öffne. Aber es riecht schon gut nach Frühling. Die Vögel zwitschern, die Forsythien blühen, und bald auch die Kirschbäume. Mein Gefühl ist: Einfach nur raus jetzt, zum Brunch oder zu einem Ausflug. Aber wir durchleben eine ungewöhnliche Zeit. Und diese Zeit lässt all das nicht zu.

Wie lange? Noch ist es zu früh. Es ist zu früh, detailreich über das Danach zu spekulieren und vorrangig darüber nachzudenken, wann und wie sich das Leben irgendwann normalisiert. Es reicht zu wissen, dass es ein Danach gibt. Hoffnung ist nicht nur erlaubt, sondern lebensnotwendig. Wer nicht hofft, der kann nicht leben. Und doch: Momentan sind wir noch mittendrin, und wenn man den Experten glaubt, dann steht uns das Schlimmste in der Corona-Pandemie noch bevor. Es betrifft jeden einzelnen, und es betrifft uns als Gemeinschaft, diese gesamtgesellschaftlich mehr oder weniger strenge Quarantäne, in der wir uns befinden. Und das Ganze widerfährt uns kirchlich genau in der Fastenzeit, die in den Wochen vor Ostern einen Weg nach innen, in die Stille, weist.

"Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde", heißt es in der Bibel. Momentan ist Vereinzelung an der Zeit. In den Medien heißen die Hashtags #SocialDistancing oder #QuarantineAndChill. Und das gilt für die Fastenzeit genauso wie für die Corona-bedingte zwischenmenschliche Distanz.

Das Wort Quarantäne leitet sich ab vom französischen quarante, und das heißt: vierzig. Vierzig ist die biblische Zahl der Absonderung: Vierzig Tage verlebte Noah mit den seinen die Flutzeit in der Arche; vierzig Jahre irrte das Volk Israel in einer kollektiven Quarantäne durch die Wüste. Vierzig Tage lang fastete und betete Jesus in der Wüste. Damit ist die Vierzig gleichzeitig Symbol für Rettung: Es gibt ein Ende der Flut und neues Leben, angezeigt durch ein zartgrünes Zweiglein, das eine Taube Noah bringt. Es gibt für die Israeliten ein Leben im verheißenen Land – kein Paradies auf Erden, aber Land zum Leben für ein ganzes Volk. Jesus geht nach der Zeit in der Wüste zu den Menschen in die Städte und Dörfer, um zu predigen und zu heilen.

Ein jegliches hat seine Zeit. Ich empfinde diese verordnete Auszeit auch als Chance. Ich kann, wie es viele andere längst vernetzt über Nachbarschafts- und soziale Hilfsportale tun, meine Augen öffnen für diejenigen, die jetzt Unterstützung brauchen – ganz praktische Hilfe, weil es um die nackte Existenz geht. Ich kenne Menschen in meiner Umgebung, die sich über dieses Angebot freuen: Für einige Ältere fahre ich einkaufen. Obendrauf liegt immer eine kleine Schokolade, ein Blümchen – eine Kleinigkeit zum Freuen. Der Nachbarin habe ich ein Stück Kuchen mit einem Gruß vor die Tür gestellt.

"Ein jegliches hat seine Zeit. Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit." Und Trauer muss Zeit haben. Mein Vater ist gestorben, vor drei Wochen, am Beginn dieses Ausnahmezustandes. Und doch - ich habe jetzt Zeit zum Trauern – mehr Zeit, als in der Hektik der Normalität möglich wäre. Dafür bin ich dankbar. Und es gibt viele Menschen, die sich Zeit nehmen und mich begleiten. Blumen erreichen mich, Briefe, E-Mails, Anrufe. Nachrichten mit angehängten Musikstücken, Gebete, Bilder von brennenden Kerzen, über Wochen. Das ist wunderbar, das ist echte Nähe in der Zeit der Distanz. Und wenn ich weine, dann sind es Tränen der Trauer und der Erinnerung – und des Glücks.

Ein jegliches hat seine Zeit. Manches Vertraute bleibt oder kehrt wieder und wird mir erst jetzt richtig bewusst. Ich öffne mein Fenster weit und höre auf den Klang der Kirchenglocken. Diesen Klang kenne und liebe ich seit Kindertagen. Zu meiner Konfirmation haben die Glocken geläutet, und wenn ich auf dem Friedhof bin, ist das Geläute leise aus der Ferne zu vernehmen. In diesen Tagen höre ich die Glocken als Zeichen der Verbundenheit aller Menschen, wenn sie zu stillem Gebet und zum Innehalten einladen. Schön klingen sie. Hoffnung klingt gut.

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