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Schach-Erinnerungen
Der Wiesenburger Manfred Kuhle kam als junger "Steppke" zum Schachsport

Manfred Kuhle / 06.04.2020, 10:07 Uhr
Wiesenburg (Martin Terstegge\BRAWO) 2012 trat der pensionierte Lehrer Manfred Kuhle bei der Senioren-Tischtennis-WM in Stockholm gegen den Russen Gennadi Myljajew an. Nach der Partie unterhielten sie sich und stellten fest, dass beide eine traurige Gemeinsamkeit teilten. Ihre Väter fielen jeweils kurz vor dem Weihnachtsfest im Jahr 1943. Sie kamen zum folgenden Resümee: "Wir schießen auch aufeinander – aber nur mit Tischtennisbällen."

Seinem späteren Doppelpartner erzählte er seine ersten Erfahrungen mit der Sowjetunion.  Er wuchs in der Wiesenburger Friedrich-Ebert-Straße 3 auf, in der Gaststätte "Karl Frähsdorf" (benannt nach einem Onkel Manfred Kuhles) auf, die 1945 Sitz der sowjetischen Administration (GPU). wurde.

Während viele Deutschen nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands es mit der Angst bekamen, wenn es hieß: "Die Russen kommen", war es bei dem jungen Manfred anders: "Der Kommandant Nicolai rief sich zu mir: "Gitler kaputt, Du Bandit". Er war kinderlieb und hatte einen Narren an mir gefressen. Ich wurde zum Maskottchen, wurde verwöhnt, beschenkt und zum Entsetzen meiner Mutter im Seitenwagen des Motorrads bei hohem Tempo mitgenommen.

Doch was machen die Russkis da? Sie spielten Schach. Wie wurden die Figuren mit ihren Gangarten erklärt? Rakirowka – die Rochade, lang und kurz, fand ich gut. Ein Konj-Krasawitza ("Schönheit") war ein gut stehender Springer. Schlagen im Vorübergehen, en passant, mimo hodem verstand ich damals nicht. Ich avancierte zum "Potschemutschik", dem Warum-Frager."

Ein paar Jahre später kam Kurt Steinbrecher, Verfolgter des Nazi-Regimes, auf die Idee eine Schach-Schülergruppe  aufzumachen. Er ging zur Grundschule mit der Forderung ihm interessierte Kinder in die Dorfkneipe zu schicken. Er wollte sein Bier beim Training trinken - das war damals noch machbar.

Kuhles Stiefvater, der den Krieg als U-Boot-Fahrer (nur einer von Vieren kehrte zurück) überlebt hatte, brachte im Vereinszimmer ein Bild von Ernst Thälmann ("Teddy") an. Das gab den Ausschlag für die Wahl des Spiellokals. Thälmann war ein Kampfgefährte Steinbrechers, die sich im Zuchthaus Brandenburg kennengelernt hatten. Steinbrecher erzählte den Kindern viel über seine Zeit im 1. Weltkrieg, wo er in Frankreich stationiert war, und dem späteren Konflikt mit den Nationalsozialisten. Für seine jungen Zuhörer war das spannender als Geschichtsunterricht.

Da er als Opfer des Faschismus (OdF) reichlich Geld für Kinder- und Jugendarbeit bekam, konnte eine starke Mannschaft gebildet werden. Sie spielte in  der Bezirksliga, reiste viel und errang mehrfach Vizemeistertitel. Die Wiesenburger scheiterten stets an einem Potsdamer-Mädchenteam. Das wurmte die Jungen natürlich, doch beim Kontrahenten spielte Eveline Nünchert mit, die spätere mehrmalige DDR-Meisterin.

Manfred Kuhle war als "Dorfboy" nicht sofort die 1. Wahl für das Schachteam. Besser eingeschätzt wurde "Johnny" Lewandowski, dessen Leumund aber nicht der beste war. Der Ostvertriebene galt unter den Klassenkamerad als "doof". Dies war er jedoch keinesfalls, sondern milieugeschädigt. In seinem Umfeld "regierte man mit der harten Faust", Schläge galten damals als probates Erziehungsmittel.  Er flüchtete häufig in die Schuhmacherwerkstatt Krüger, in der Görzker Straße 12 (damals "Dutzend" genannt), wo er in den Arbeitspausen mit den Gesellen Schach spielte.

Doch schnell bekam Manfred seinen Rivalen in den Griff. Er maß sich mit den starken Jugendspielern der Landesoberschule, die im Schloss Wiesenburg untergebracht war. Dort unterrichtete Kuhle späterauch von 1965 bis 1992. Von den Jugendlichen Rischauk und Fomferra schaute sich Kuhle viel ab. Die Mannschaft etablierte sich und durfte dank der Großzügigkeit des Trainers Steinbrecher in einer DDR-Auswahl als "SV Traktor" in Erfurt gegen Auswahlmannschaften, wie etwa den SV Post, antreten. Zu seiner Verwunderung  saß Manfred Kuhle sogar am Spitzenbrett.

Eine kleine Episode am Rande. Die Wiesenburger wohnten zu dieser Zeit, in dem gleichen Hotel ("Erfurter Hof"), dass später durch den Besuch des deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt, viel Aufmerksamkeit genoss.

Zum Bedauern seiner Schüler verstarb Kurt Steinbrecher sehr früh. Es fand sich leider kein Nachfolger, der mit den gleichen phantastischen finanziellen Möglichkeiten ausstaffiert war.

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