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Für Tesla müssen Ameisen und Fledermäuse umziehen

Unfreiwilliger Umzug: Kristian Tost (l) und Sebastian Bleffert, Mitarbeiter der Firma Natur und Text GmbH, siedeln Ameisen von dem Baugelände der künftigen Tesla-Fabrik um. Dafür brauchen sie warmes Wetter.
Unfreiwilliger Umzug: Kristian Tost (l) und Sebastian Bleffert, Mitarbeiter der Firma Natur und Text GmbH, siedeln Ameisen von dem Baugelände der künftigen Tesla-Fabrik um. Dafür brauchen sie warmes Wetter. © Foto: Patrick Pleul/dpa
Ina Matthes / 08.04.2020, 03:45 Uhr - Aktualisiert 08.04.2020, 09:22
Grünheide (MOZ) Ein stechender Essiggeruch breitet sich aus. Die Kahlrückige Waldameise wehrt sich mit Wolken voller Ameisensäure. Sie steigen Kristian Tost und Sebastian Bleffert in die Nasen. Die beiden Männer graben ein Ameisennest aus, greifen mit beiden Händen tief in ein Gewusel aus Insekten. Da, wo die Gartenhandschuhe enden, sind Kristian Tosts Handgelenke gesprenkelt mit roten Stellen. Aber übler als die paar Bisse ist der Geruch, meint Sebastian Bleffert.

Die beiden Mitarbeiter des Rangsdorfer Naturschutz-Dienstleisters Natur+Text siedeln Nester von Waldameisen auf dem Baugelände der Tesla-Fabrik bei Grünheide um. Rund 90 Hektar Wald sind hier gerodet worden. Wo einst ein Kiefernforst stand, breitet sich jetzt eine staubige Ebene aus, auf der schwere Baumaschinen  fahren.  Gerodete Stubben sind zu einem Haufengetürmt. Die Fläche wird vorbereitet für die Bodenplatte. Doch zunächst müssen seltene undgeschützte Tiere umgesiedelt werden. Das ist eine der Naturschutz-Auflagen, die Tesla erfüllen muss. Der Autobauer hat Journalisten und Youtube-Blogger eingeladen, sich anzuschauen, wie das umgesetzt wird.

Der Wert der kleinen Tiere - Kommentar zur Umsiedlung von Ina Matthes

Das Rangsdorfer Unternehmen Natur+Text übernimmt das Umsiedeln. An diesem Dienstag passt das Wetter für einen Ameisen-Umzug. Die Sonne scheint und das lockt die Ameisen nach der Winterstarre aus dem Nest. Als wuselige Traube sammeln sie sich auf dem Haufen. Ideal für Tost und Bleffert – sie können viele Tiere zugleich greifen. Es kommt beim Umzug auf den richtigen Zeitpunkt an. "Je später im Jahr, desto weiter sind die Tiere verteilt," erläutert Tost. Rückt er mit seinen Umzugs-Tonnen zu früh an, sind die Insekten noch zu starr. Dann fehlt ihnen die Energie, um ein neues Nest am neuen Ort zu bauen. Tost und Bleffert sammeln Ameisen, Zweige und einen halb verrotteten Baumstamm – den Kern des Nestes – in Plastik-Tonnen.  Zehntausende Tiere gehören zu einer Kolonie. Sie hat bei dieser Art einige hundert Königinnen.

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Ameisen-Umzug im Tesla-Wald

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Ein Kilo Zucker als Aufbauhilfe

Vier solcher Nester werden Tost und seine Kollegen bis Ende April umsiedeln. Umziehen müssen auch die Fledermäuse. Drei überwinternde Abendsegler und eine Zwergfledermaus haben dieNaturschutzexperten in dem Waldstück entdeckt, wo sich jetzt die kahle Baufläche befindet. Die beiden Kiefern, in denen die Tiere überwinterten, wurden stehen gelassen, solange die Tiere inalten Spechthöhlen schliefen.Inzwischen sind sie ausgeflogen, die Bäume abgeholzt. 66 Fledermauskästen sind als Ausweichquartiere in Waldstücken in der unmittelbaren Umgebung angebracht, 380 weitere sollen folgen.

Außerdem suchen die Gutachter nach Eidechsen und Schlangen auf dem Areal. Mitten auf der Baustelle sind neun Inseln mit grünem Zaun abgegrenzt. Dort ragen noch Baumstubben aus dem Waldboden. Dunkle Bleche liegen auf dem Boden. Sie erwärmen sich in der Sonne und sollen Eidechsen und Schlangen anlocken, die sich in Hohlräumen darunter verkriechen. Jens Frayer von Natur+Text hebt die Platten an, eine nach der anderen. Gefunden hat er noch nichts. "Wir wissen nicht, ob es hier Eidechsen und Schlangen gibt", sagt Frayer.

Das hat mit dem Verfahren  zur Genehmigung der Fabrik zu tun. Die Unterlagen zu den Naturschutzbelangen wurden im Herbst und Winter angefertigt, als Flora und Fauna ruhten. So wurde abgeschätzt, welche Arten vorkommen können. Es gab kaum gezielte Suchen und Kartierungen der Vorkommen.

Frayer und seine Kollegen schauen jetzt, ob sie Eidechsen und Schlangen finden, um sie dann umzusetzen. 400 Bleche liegen in dem Gelände verstreut. Sichten und sammeln kannWochen dauern, sagt der Reptilien-Experte.  In den betroffenen Arealen würden im April und Mai wohl keine weiteren Bauschritte erfolgen können. Der Bauherrakzeptiere das, schließlich entspreche es dem Naturschutzgesetz. "Wir haben freie Hand."

So lange dauert der Umzug bei den Ameisen nicht. Bis Ende April sollen alle Nester an einem neuen Ort stehen. Eine Stunde brauchen Tost und Bleffert für das Einsammeln eines Ameisenhaufens. Dann werden die weißen Tonnen mit den Tieren in ein Waldstück gefahren, zwei Autominuten entfernt.

Tost sucht eine lichte Stelle im Wald, schichtet den Inhalt der Tonnen sorgsam übereinander, verteilt Erde mit Ameisen auf dem Waldboden. Ihr Nest bauen sich die Tiere selbst wieder auf. Nach Kristian Tosts Erfahrung klappt der Umzug im Gros der Fälle und die Kolonie lebt am neuen Ort auf. Damit das gelingt, streut er zum Schluss  noch ein Kilo Zucker auf den Boden. Nährstoff  für den Nestbau.

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