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Strausberg
Gnadenhochzeit nach 70 Jahren Ehe

Ein Herz für die Liebste: Evamaria und Heinz Dzick aus Strausberg feierten am Mittwoch mit dem gebotenen Abstand ihren 70. Hochzeitstag – die Gnadenhochzeit. 1950 hatten sie sich in Torgau das Ja-Wort gegeben.
Ein Herz für die Liebste: Evamaria und Heinz Dzick aus Strausberg feierten am Mittwoch mit dem gebotenen Abstand ihren 70. Hochzeitstag – die Gnadenhochzeit. 1950 hatten sie sich in Torgau das Ja-Wort gegeben. © Foto: Martin Stralau/MOZ
Martin Stralau / 09.04.2020, 03:00 Uhr
Strausberg (MOZ) Hätte man Evamaria und Heinz Dzick am 8. April 1950, dem Tag ihrer Hochzeit im sächsischen Torgau, erzählt, dass sie einmal 70 Jahre verheiratet sein würden – sie hätten denjenigen wohl für verrückt erklärt.

Insofern passte es ganz gut, dass der tatsächlich eingetretene, sehr seltene Jubiläums-Fall und die dazugehörige Feier im Garten des Awo-Seniorenzentrums "Am Mühlenberg" am Mittwochnachmittag auch ein bisschen verrückt waren. Statt wie geplant im Kreis ihrer großen Familie saßen sich die beiden 92-Jährigen an dem von den Awo-Mitarbeiterinnen, den einzigen Gästen, festlich gedeckten Kaffeetisch gegenüber. Natürlich mit dem in diesen Zeiten gebotenen Abstand.

Er dachte, sie oder keine

Denn streng genommen ist Heinz Dzick, der in einer Wohnung in der Hegermühlenstraße wohnt, Besucher – und das Seniorenzent­rum, in dem seine Frau seit sechs Jahren lebt, coronabedingt für die Öffentlichkeit geschlossen. Damit sich die beiden dennoch zuprosten und in die Augen sehen konnten, hatten Einrichtungsleiterin Viola Thürmann und Quartiersmanagerin Ramona Stock die Feier im Freien organisiert. Das Wetter spielte mit. "Damals hat auch die Sonne geschienen, aber so schön wie heute war es nicht", erzählte Heinz Dzick beim Erdbeerkuchen und zeigte auf die vielen Glückwunschkarten, die den beiden Rentnern neben vielen Anrufen der Familie – notgedrungen aus der Ferne – ihren Tag versüßten.

Ein Sohn, zwei Töchter, acht Enkel und neun Urenkel sind das stolze Ergebnis ihrer Ehe. Die nahm in der Kaserne der Polizeioffiziersschule in Torgau ihren Anfang, wo – nach einem Exkurs zur Reichsbahn – Heinz Dzicks berufliche Laufbahn begann, die ihn später dauerhaft zur Armee führte. Seine Frau, eine Kindergärtnerin, sah er das erste Mal, als sie mit einem Kinderwagen in die Kaserne kam. Zuerst dachte er deshalb, sie sei schon vergeben, bis sich herausstellte, dass sie in dem Wagen Essen transportierte. Essen, das ihre Schwester gegen Essensmarken aus der Kaserne eingetauscht hatte. "Meine Frau war die Botin", sagt Heinz Dzick. Als er realisierte, dass sie noch zu haben sei, habe er sich gesagt: "Die heirate ich – oder nie."

14-mal zogen die beiden Eheleute berufsbedingt um. Sie lebten in Weißenfels, Eggesin, aber auch 21 Jahre in Strausberg, das sie 1979 zunächst verlassen mussten, weil Heinz Dzick zur Militär­akademie nach Dresden versetzt wurde. 2013 kehrten sie nach ­Strausberg zurück, weil es hier für seine pflegebedürftige Frau einen Platz im Seniorenzentrum gab. Heinz Dzick spricht der Einfachheit halber von "getrennten Wohnungen". Vor der Krise, als es noch möglich war, besuchte er seine Frau täglich. Jetzt kommunizieren sie seltener und auf Abstand durchs geöffnete Fenster. Sie drinnen, er draußen auf dem Hof. "Wir haben so viele gesellschaftliche Umbrüche erlebt und trotzdem zusammengehalten", sagt er und lächelt seine Frau an. Warum ihre Ehe so lange hält? "Weil wir uns lieben und immer ehrlich zueinander waren", sagt sie.

Auch Bürgermeisterin Elke Stadeler hatte angerufen, um zu gratulieren. "Die Feier müssen wir nachholen, weil solch ein Jubiläum so selten ist, hat sie gesagt", erzählt Heinz Dzick. Auch Viola Thürmann kann sich nicht erinnern, dass es in ihrem Seniorenzentrum schon mal eine Gnadenhochzeit gab – zumindest nicht in den 15 Jahren, in denen sie es leitet. Vielleicht lässt sich die Feier ja später noch einmal in größerem Rahmen wiederholen. So, wie es eigentlich geplant war: mit Familie und einem Konzert von Heinz Dzick und seinen alten Mitspielern vom Musikverein Dresden 71, einem Blasorchester, dessen Leiter er einst war. "Auf das Konzert hatte sich meine Frau sehr gefreut", sagt er wehmütig.

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