Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Radball
Eine besondere Spielwiese weckte die Leidenschaft

Gunnar Reblin / 09.04.2020, 07:45 Uhr
Neuruppin (moz) In die Pedale tritt André Nagel derzeit nur, um zur Arbeit zu fahren. Dabei ist er mit dem Rad laut eigener Aussage "schon flott" unterwegs. Der 53-Jährige liebt die Fortbewegung auf und zugleich mit dem Drahtesel. Denn seit 44 Jahren verbindet der Neuruppiner mit dem Rad eine Leidenschaft, die, man glaubt es kaum, ihn schon das eine oder andere Mal an die Kotzgrenze gebracht hat. Das sagt der Radballer. Nagel weiß: "Radball ist eine Sportart, die dir alles abfordert, wenn du es denn willst." Die Faszination, mit einem Spezialfahrrad einer 600 Gramm schweren gepressten Rosshaar-Kugel nachzujagen, bis die Muskeln glühen, hat die ganze Familie gepackt. Okay, nicht die ganze. Aber die drei Nagel-Brüder Torsten (58 Jahre/kleines Foto oben), André (53) und Marcus (49/kleines Foto unten) schon. Für den allseits so geliebten Fußball konnte Vater Hans-Joachim Nagel seine drei Sprösslinge nicht begeistern. "Er hat`s versucht, aber wir wollten nicht", muss André Nagel schmunzeln.

Mit neun Jahren angefangen

Er selbst hat im Alter von neun Jahren angefangen, auf dem Rad einem anderen, kleineren Ball nachzujagen. "Ich habe mit elf dann zwei Jahre ausgesetzt und auch mal Handball gespielt und Leichtathletik gemacht", blickt der langjährige Oberliga-Spieler des Ruppiner Randsportclubs (RRC) zurück. "1977", weiß er noch ganz genau, "habe ich wieder angefangen und im Jahr darauf meinen ersten Mitgliedsausweis bekommen." Dass er und seine Brüder Torsten und Marcus ebenso in den Bann dieser Randsportart gezogen wurden, lag an einem Umstand, der früher öfter gegeben war. Heutzutage jedoch eher selten ist. Die Familie Nagel war lange Jahre sprichwörtlich quasi in der Rosenhalle zu Hause. Mutter Ingrid war als Hausmeisterin der Sporthalle in der Neuruppiner Rosenstraße "Herrin" über 312 Quadratmeter. André Nagel erinnert sich: "Oma und Opa haben da schon gewohnt. Wir hatten eine Wohnung direkt im Hallengebäude. Einmal schnell raus, einmal schnell rein, so waren wir ruckzuck vom Kinderzimmer in der Halle." Ein riesiges Spielzimmer zum Austoben. Und da in der Rosenhalle über Jahrzehnte hinweg Radball gespielt wurde, schwangen sich alsbald auch Torsten, André und Marcus aufs Rad.

Aufholjagd jäh gestoppt

Zurück in die Gegenwart: Aufs Rad geschwungen hätte sich André Nagel auch gerne am vierten Spieltag der aktuell unterbrochenen Oberliga-Saison. Dieser hätte gar einen Heimvorteil geboten. Der RRC wäre am 14. März Ausrichter gewesen. Doch dann stoppte der Bund Deutscher Radfahrer (BDR), dem der Brandenburgische Radsportverband (BRV) angegliedert ist, jeglichen Spielbetrieb. In einer Eilmeldung, die am Freitagabend, wenige Stunden vor Turnierstart auch die Neuruppiner erreichte, hieß es: "Hiermit wird bekanntgegeben, dass aufgrund des derzeit bestehenden gesundheitlichen Risikos und der Gefahr der Verbreitung des Corona Virus, der Spielbetrieb in allen Hallenradsportdisziplinen, vorerst eingestellt wird. Bis einschließlich 19. April 2020 finden keine nationalen Wettbewerbe statt." André Nagel: "Davon habe ich Freitagabend auch erfahren." Bruder Torsten habe ihn informiert. So wurde die anvisierte Aufholjagd gestoppt, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Denn die aktuelle Lage des Neuruppiner Oberliga-Gespanns ist nach der Hälfte der Saison kritisch. Mit sieben erspielten Punkten ist das RRC-Team Schlusslicht der Liga. Lediglich beim ersten von drei absolvierten Turnieren konnten André Nagel und sein langjähriger Spielpartner Jens Dreschler gemeinsam antreten. Immer wieder bremsten Verletzungen und Krankheit die Oldies der Liga aus. "Wir sind halt nicht mehr die Jüngsten", nimmt es Nagel mit Galgenhumor. Doch er (53) und Dreschler, der noch zwei Jahre älter ist, seien, wenn sie denn fit sind, immer noch in der Lage, "um in dieser Liga eine gute Rolle zu spielen", so Nagel.

"Bislang war es immer so, dass wir schwer in die Puschen gekommen sind. Wir haben uns auch noch nicht abgeschrieben. Da ist noch alles drin. Drei Turniere sind noch zu spielen. Da gibt es genug Punkte zu vergeben." Wenn es denn überhaupt weitergeht. "Richtig", weiß auch Nagel. "Ob die Saison fortgesetzt wird, kann ich mir beinahe nicht vorstellen." Er führt den Terminengpass und vor allem die erkennbar fehlenden Hallenzeiten als schwergewichtige Gründe an. Die halbe Saison werten – schwierig. Sie annullieren – ebenso schwierig. "Ich möchte jedenfalls nicht die Entscheidung treffen, die nun andere treffen müssen. Eine einfache Lösung, die allen gerecht wird, wird’s wohl nicht geben können", sagt der RRC-Oldie. Aber das treffe ja auf alle Sportarten gleichermaßen zu.

Unschönes Tabellenbild

André Nagel wäre jedenfalls am 14. März gerne noch einmal angetreten. Auch, um das aus seiner Sicht unschöne Tabellenbild etwas geradezurücken. Jedoch wäre er erneut mit Olaf Lukaszewicz aufs Parkett gefahren. Denn Partner Jens Dreschler, die beiden bilden seit einer gefühlten Ewigkeit ein Gespann und verstehen sich nahezu blind, hatte zu damaligen Zeitpunkt krankheitsbedingt abgesagt. "Ich hatte Olaf schon vorgewarnt. Und wir sind ja auch schon beim dritten Saisonturnier zusammen gestartet", erklärt Nagel. Beim zweiten Turnier war Bruder Torsten sein Ersatz-Nebenmann gewesen. Nagel: "Ich denke, mit Olaf an meiner Seite hätten wir beim Heimturnier auch etwas Boden gutmachen können." Und wenn’s zu einer Wertung der Saison kommen sollte, die den Abstieg bedeuten würde, was wäre dann? "Das wäre kein Beinbruch. Aber ich kann es mir nicht vorstellen. Ich denke eher, die Liegen würden von der Teamanzahl angepasst werden. Entscheidend ist ja auch, ob überhaupt jemand aufsteigen will", so Nagel. Er wolle sich überraschen lassen. Bis eine Entscheidung gefällt ist, wird wohl noch einige Zeit vergehen. Ohne Spiele. Ohne Training.

Fitness und Yoga

"Aber fit halten muss sein", lässt Nagel keine Zweifel an seinem Durst nach dem Sport aufkommen. "Das brauch‘ der Mensch ja auch. Dann fahre ich einfach so mit dem Rad, mache auch Kraft- und Stabilitätsübungen zu Hause." Auch Yoga stehe auf seinem Trainingsplan. "Das mache ich schon eine Weile. Weil Radball so extrem auf den Rücken geht, helfen die Yoga-Übungen prima, um den Rücken wieder geschmeidig zu bekommen." Bislang hatte André Nagel immer nach dem Radball-Training noch eine halbe Stunde Yoga daheim drangehangen. "Ohne Radball muss ich wohl länger Yoga machen, was?", scherzt der 53-Jährige. Irgendwann, so hofft er, geht es ja auch wieder weiter. Denn Radball möchte Andre Nagel noch so lange spielen, "bis ich vom Rad falle. Also mindestens noch zehn Jahre." Er fühle sich auch nach wie vor noch fit genug, um diesen Sport betreiben zu können. "Ich mache ja auch etwas dafür. Und wenn ich sehe, was bei uns Norbert Schliebner noch so spielt, der ist 67, dann kann ich auch noch paar Jahre in die Pedale treten. Immer Richtung "Kotzgrenze."

Stand Oberliga / Hintergrund

Tabellenstand nach drei von sechs absolvierten Spieltagen:1. RC Ludwigsfelde I ⇥12 46:36  272. RSV Großkoschen U19 ⇥12 66:32  243. RSV Großkoschen II ⇥12 42:33  22 4. RSV Großkoschen III ⇥12 43:37  22 5. RC Ludwigsfelde II ⇥12 50:41   216. FSV Brandenburg II ⇥12  37:31   21 7. FSV Brandenburg I ⇥12  43:39 18 8. RC Ludwigsfelde IV ⇥12 39:47  16 9. LRV Cottbus I ⇥12 35:48 15 10. RC Ludwigsfelde III ⇥12  31:40 12 11. SV Mühlenbeck I ⇥12  21:39  11 12. SG Cottbus/Spremberg ⇥12 32:40  9 13. RRC Neuruppin I ⇥12  11:53   7

Der Ruppiner Radsportclub (RRC) hat im Seniorenbereich insgesamt sieben Mannschaften im Spielbetrieb.Oberliga - Neuruppin I:André Nagel/Jens Dreschler (Platz 13)Verbandsliga - Neuruppin II, III, IV:Olaf und Thomas Lukaszewicz ⇥(7.)Marcus Nagel/André Schliebner⇥ (12.)Eric Hoppe/Christoph Soika⇥(10.)Landesliga - Neuruppin V, VI, VII:Torsten Nagel/Norbert Schliebner⇥(2.)Martin Otto/Torsten Hoppe⇥(3.)Jonas El Sirwy/Joseph Schüler⇥(6.)

Eine intensive Nachwuchsarbeit betreibt der RRC seit Jahren.

Die Rosenhalle in der Rosenstraße war seit den 50ziger Jahren das Zuhause der Neuruppiner Radballer. Zum 31. August 2013 musste der RRC die Halle räumen. Mit dem traditionellen Helmut-Schliebner-Gedenkturnier nahmen die Radballer im Juni 2013 Abschied von ihrer geliebten Heimstätte. Der RRC bezog kurz darauf mit der Halle an der Karl-Liebknecht-Schule ein neues Domizil. Die Stadt Neuruppin verkaufte die Rosenhalle im Jahr 2013 an eine Privatperson, weil sie die Kosten einer erforderlichen Sanierung des Gebäudes allein nicht tragen konnte.⇥gü

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
© 2020 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG