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Als der Elbedeich brach
Vor 175 Jahren: das Wunder von Böhne

Friedlich dahinplätschernder Königsgraben westlich von Böhne. Von hier aus hatte den Dorfbewohnern 1845 große Gefahr für Leben, Hab und Gut gedroht.
Friedlich dahinplätschernder Königsgraben westlich von Böhne. Von hier aus hatte den Dorfbewohnern 1845 große Gefahr für Leben, Hab und Gut gedroht. © Foto: Wodtke
Hans-Jürgen Wodtke / 09.04.2020, 11:30 Uhr
Rathenow In der Nacht zum 2. April 1845 steuerte unsere Region einer Katastrophe entgegen. Kurz zuvor war bei Fischbeck der Elbdeich gebrochen. Nun wälzten sich Wassermassen auf breiter Front der Havel entgegen. Der um Böhne in einem großen Bogen herumfließende und ansonsten träge dahinplätschernde Königsgraben wurde zum alles mit sich reißenden Strom. Das Haveldorf war nur rund neun Jahre zuvor fast vollständig abgebrannt. Nun, kaum wieder aufgebaut, drohte den geplagten Menschen erneut großes Unheil. Doch die Dorfbewohner stemmten sich mit aller Kraft gegen die Wassermassen und wurden für ihren Mut schließlich belohnt.

Der Winter 1844/45 war sehr streng und schneereich. Als Ende März das Wetter plötzlich umschlug, stieg der Pegel der Elbe rasch an und versetzte die Elbanrainer schon bald in Unruhe. Dagegen behielt die Havel ihren verhältnismäßig niedrigen Wasserstand. Damit erschienen den Havelbewohnern die von der Elbe herüberdringenden gefahrverkündenden Nachrichten kaum glaubhaft. So erging es auch dem Böhner Gastwirt Dalchau, der mit seiner Frau am Dienstag, 31. März 1845, auf Verwandtenbesuch in Kabelitz war und dabei auch den Nachbarort Fischbeck aufsuchte. Was er dort erlebte schilderte der Böhner Kantor Meyer in seinen Aufzeichnungen wie folgt: "Die Krone des Deiches stand voll emsig beschäftigter Menschen, denen Dalchau ob ihres Gebarens von unten lachend zusah. Die aber riefen ihm zu, er glaube wohl noch nicht recht an die Gefährlichkeit der Lage, er möge nur heraufkommen. […] Als er oben ankam und sich nun überzeugte, dass das Wasser bereits so hochstehe, dass es mit einem Finger über die Krone des Deiches geleitet werden konnte, da ergriff ihn Entsetzen und seine kecke Zuversicht machte einer ängstlichen Beklemmung Raum. Er eilte vom Damm und fuhr, so schnell die Pferde vorankonnten heim. Noch in derselben Nacht kam eine Stafette, um aus [Böhne] Hilfe zur Abwehr der Gefahr zu requirieren. Trotz aller aufgebotenen Anstrengungen brach das Wasser am Mittwoch, dem 1. April durch. Am Donnerstagmittag kamen die Elbefluten in rasender Schnelle daher gebraust. Der Königsgraben war […] nicht imstande, die ganze sich heranwälzende Wasserflut aufzunehmen. Letztere überschwemmte Wald und Flur und stürzte dem Bett der Havel zu, welches bekanntlich hier ziemlich 4 m tiefer liegt als das der Elbe. Weit und breit ward die ganze Niederung mit dem Wasserschwall erfüllt. Damit derselbe sich nicht auch ins Dorf ergieße, ward in aller Eile vor dem Westende des Dorfes ein Wall aufgeworfen, der die Flut den Eintritt [ver]wehrte.

Das Wasser stieg schnell und unaufhörlich. Alles war auf den Beinen und traf Vorkehrungen für schlimme Eventualitäten, denen man beklommenen Herzens entgegensah. Um 1 Uhr trat Stillstand ein. Man atmete erleichtert auf, dankte Gott für Abwendung größerer Gefahr, und überließ sich nach der fieberhaften Aufregung und gewaltsamsten Anstrengung einer erquicklichen Ruhe.

Böhne war [nun] ringsum von Wasser umflutet, zwischen hier und Bützer, Vieritz, Buckow, Rathenow eine [einzige] weite Wasserfläche. Drei Tage lang dauerte die Wasserzuflut von der Elbe her, […] dann vernahm man das Rauschen nicht mehr. Der Abfluss begann, und nach 14 Tagen waren die Felder mit Ausnahme der Niederungen wieder entleert."

Jetzt stand fest, dass der gerade erst zum Teil wieder aufgebaute Ort einer erneuten Katastrophe nur knapp entgangen war. Möglicherweise erfolgte der Besuch des Gastwirtes Dalchau am Fischbecker Elbdeich gerade zur rechten Zeit. Im Heimatort wieder angekommen, konnte niemand den Dorfbewohner den Ernst der Lage besser klar machen als er. So hatten die Böhner offensichtlich noch, nun bestens informiert, die Zeit das Unmögliche zu versuchen, die Wassermassen vom Dorf fern zu halten. Der eilig unter Aufbietung aller Kräfte aufgeschüttete kleine Wall zwischen Königsgrabenniederung und Dorf sollte dieses schützen. Dass dieser Versuch schließlich gelang, wurde fortan als ein Wunder in der Dorfgeschichte angesehen.

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