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Großbaustelle
Schiffshebewerk Niederfinow: Ganz langsam, aber er bewegt sich

Viola Petersson / 10.04.2020, 02:00 Uhr - Aktualisiert 10.04.2020, 19:18
Niederfinow (MOZ) Seit einer Woche hängt er oben. In 36 Metern Höhe. Der Trog des neuen Schiffshebewerkes Niederfinow. Rolf Dietrich, Direktor des Wasserstraßen-Neubauamtes Berlin (WNA), und sein Projektleiter Klaus Winter sind erleichtert. Die Premiere, die erste Trogfahrt, sie hat geklappt. "Reibungslos", wie die Zwei versichern. Ende voriger Woche hat der Bauherr das Herzstück des Fahrstuhls in Bewegung gesetzt. Ein extrem spannender Moment, weshalb der erste Praxistest ohne Medienvertreter, ohne Kameras und Mikrofone, über die Bühne ging. Und wie es sich für eine Premiere gehört: Die Generalprobe am Tag zuvor, die habe nicht geklappt, verrät Winter am Rande. Da habe sich der Trog eben nicht bewegt, nicht einen Zentimeter geruckt.

Dafür glückte dann das eigentliche Debüt. "Für die Trogfahrt gibt es drei Geschwindigkeiten. Wir sind beim Testlauf mit der geringsten gestartet: 20 Millimeter pro Sekunde", erzählt Winter. Das höchste Tempo seien 250 Millimeter pro Sekunde. Also 25 Zentimeter. Habe sich später mal alles eingespielt, sei eine reine Fahrzeit von etwa drei Minuten kalkuliert, um den Höhenunterschied von 36 Metern zu überwinden. Plus Anfahren und Abbremsen müsse man mit etwa fünf Minuten für die Passage rechnen.

"Wir sind wirklich sehr froh, dass die erste Trogfahrt an der realen Anlage erfolgreich war", unterstreicht Rolf Dietrich. Auch wenn die Funktion vorab an einem digitalen Anlagenzwilling virtuell simuliert wurde, den Praxistest könne dies nicht ersetzen. Gleichwohl helfen die digitalen Testläufe enorm und tragen dazu bei, die Risiken bei der Inbetriebnahme zu minimieren.

Notwendig war die Trogfahrt, um Baufreiheit für die Montage des letzten großen Maschinenbauteils zu schaffen, zeigt Dietrich auf den unteren Andichtrahmen, der schon bereitliegt. Dieses tonnenschwere Teil für das Andocken des Troges an die untere Stauhaltung der Alten Oder könne nun in den unteren Haltungsabschluss eingebaut werden. Damit biegt der Bauherr, das WNA, gewissermaßen auf die Zielgerade beim Neubau des XXL-Schiffsfahrstuhls ein.

Bis zu 500 Testläufe geplant

"Ab August soll die Anlage in den Probebetrieb gehen", sagt Rolf Dietrich. Einen Termin für die Verkehrsfreigabe könne er erst danach bekanntgeben. Vorgesehen seien bis zu 500 Testfahrten mit dem Trog. Dabei soll dann auch die Steuerung optimiert werden. Ursprünglich war eine Fertigstellung 2014 geplant.

Die Verzögerung, so sagt der WNA-Chef, habe mehrere Ursachen. Das Hebewerk sei schließlich eine "hochkomplexe Anlage". Gleich zu Beginn, 2007/08, hatte sich die Auftragsvergabe verzögert. Während der Bauphase traten zudem Lieferschwierigkeiten und Materialengpässe auf. Gleichzeitig machten Insolvenzen von Nachauftragnehmern sowie Fachkräftemangel Probleme. Und aktuell setze natürlich auch die Corona-Krise den Firmen zu. Vor allem jenen, die ausländische Arbeitnehmer im Einsatz haben. Zudem standen jüngst zwei Programmierer unter Quarantäne, fügt Klaus Winter hinzu.

Trotz des Verzugs, Klaus Dietrich und Kollegen sind zufrieden: "Qualität geht vor Zeit", betont der WNA-Chef. Oberste Prämisse sei, dass der Neubau am Ende so zuverlässig läuft wie sein Vorgänger nebenan. Das Hebewerk aus dem Jahr 1934, das nach der Winterreparatur am Dienstag wieder seinen Betrieb aufnahm. Als goldrichtig habe sich aus heutiger Sicht die Entscheidung erwiesen, den Bau als Generalauftrag zu vergeben, sozusagen in einem Stück.  Im Gegensatz zum Bau des Flughafens BER. Dieser Weg sei zwar anfangs etwas teurer gewesen. Dietrich spricht davon, dass der Bund finanziell nachjustieren musste. Aber seit der Vergabe bewege man sich im Kostenrahmen, also bei summa summarum rund 300 Millionen Euro, einschließlich des unteren Vorhafens, der inzwischen ebenfalls fast fertiggestellt ist.

Blick für die Ästhetik der Anlage

Rolf Dietrich und Klaus Winter loben aber nicht nur die Qualität, ob des Betons oder des Sicherungssystems, sie haben auch einen Blick für die Ästhetik der Maschine. Die Idee des Architekten Udo Beuke sei aufgegangen, findet das Duo und verweist beim Rundgang, unter dem Trog stehend mit Sicht auf die Pylone, auf die "Anleihe" bzw. den Vergleich zum Kloster Chorin.  Das Innere des Bauwerkes vermittle schon einen kathedralhaften, erhabenen Eindruck. Diesen besonderen Blick haben die Besucher später freilich nicht. Atemberaubend dürfte die Aussicht für die Gäste dennoch sein. Denn die umlaufende Plattform gewährt den Touristen zum einen einen Einblick in die Technik, etwa in die gläserne Seilscheibenhallen, zum anderen in die Landschaft, das Niederoderbruch.

Diesen Genuss haben die Handwerker gratis. Allerdings liegt ihr Fokus derzeit doch eher auf der Technik. Und auf Präzision. Nachdem der Trog in seine höchste Position gehievt wurde, wird jetzt beispielsweise die Haltevorrichtung für diese obere Stellung justiert. "Und das muss auf den Millimeter stimmen", macht Winter deutlich.

Das neue Schiffshebewerk soll pro Jahr ein Ladungsaufkommen von vier Millionen Gütertonnen bewältigen. So ist es konzipiert. Güterschiffe können nach der Freigabe dann auf dem Oder-Havel-Kanal Container in zwei Lagen übereinander transportieren. Und damit bis zu 104 20-Zoll-Standard-Container pro Fahrzeug laden. Heute sind es lediglich 27. Das alte Hebewerk stellt laut WNA einen "maßgeblichen Engpass" im transeuropäischen Wasserstraßennetz dar. Ein Engpass, der mit dem Neubau, dem Nachfolger, beseitigt wird.

Info: Das alte Schiffshebewerk ist zwar seit Dienstag wieder in Betrieb. Die Besucherplattform wie auch das Besucherzentrum am Fuße des Fahrstuhls sind bis auf Weiteres allerdings wegen der Corona-Krise geschlossen.

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