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Corona-Pandemie
Pflegedienst in Wiesenau wehrt sich gegen Vorwürfe

Setzt sich gegen Anschuldigungen zur Wehr: Diana Schickram, Geschäftsführerin des Ambulanten Pflegedienstes "In guten Händen", steht am Mittwochnachmittag vor der altersgerechten Wohnanlage "Wiesenauer Wäldchen".
Setzt sich gegen Anschuldigungen zur Wehr: Diana Schickram, Geschäftsführerin des Ambulanten Pflegedienstes "In guten Händen", steht am Mittwochnachmittag vor der altersgerechten Wohnanlage "Wiesenauer Wäldchen". © Foto: Frank Groneberg
Diana Schickram / 10.04.2020, 07:00 Uhr - Aktualisiert 10.04.2020, 11:26
Wiesenau (MOZ) Die Mitarbeiter des Ambulanten Pflegedienstes "In guten Händen" in Wiesenau, der auch die altersgerechte Wohnanlage "Wiesenauer Wäldchen" mit zwei ambulant betreuten Wohngemeinschaften betreibt, sehen sich momentan heftigen Vorwürfen ausgesetzt, sie würden die von ihnen betreuten Menschen nur unzureichend vor dem neuartigen Coronavirus schützen.

In einem sehr emotionalen Brief an die MOZ wehrt sich Geschäftsführerin Diana Schickram gegen diese Vorwürfe.

Alles über das Coronavirus und seine Folgen für Brandenburg und Berlin in unserem Corona-Blog.

"Die aktuelle Lage bezüglich des Coronavirus verunsichert die Menschen weltweit! Doch nicht jede Nachricht, die in den Me­dien herumschwirrt, entspricht auch tatsächlich der Realität. Wir begegnen tagtäglich Falschmeldungen oder vorschnellen Panikreaktionen und viele Menschen nehmen dies sehr ernst. Anstatt in diesen schwierigen Zeiten mit Verständnis und Umsicht aufeinander zuzugehen, begegnen wir immer wieder Menschen, die unsere Arbeit durch mangelndes Wissen und unangebrachte Vorurteile zusätzlich erschweren.

Dies hat mich dazu bewegt, ein paar Zeilen zu schreiben, um einigen Mythen auf den Grund zu gehen und einige Tatsachen ins richtige Licht zu rücken. Ich hoffe, dass ich damit möglichst viele Menschen erreiche und zum Nachdenken anrege! Denn das ist es, was wir derzeit brauchen: Menschen, die nachdenken und dann erst handeln und nicht kopflos durchs Leben stürzen und überreagieren!

Wohnanlage ist kein Pflegeheim

Ich betreibe die altersgerechte Wohnanlage "Wiesenauer Wäldchen" mit ambulantem Pflegedienst, einer Tagespflege, einem Tagescafé und zwei ambulant betreuten Wohngemeinschaften. Mit meinem ambulanten Pflegedienst versorgen wir derzeit mehr als 100 Patienten in den Gemeinden des Amtes Brieskow-Finkenheerd und in Eisenhüttenstadt. In der Tagespflege betreuen wir täglich 20 Gäste in der Zeit von 8 Uhr bis 15.30 Uhr. In jeder Wohngemeinschaft leben bis zu zehn mehr oder weniger hilfebedürftige Menschen in einer Gemeinschaft zusammen. Sie verfügen jeder über ein eigenes Zimmer mit Bad und teilen sich die Gemeinschaftsräume Wohnzimmer, Esszimmer und Küche. Es sind rund um die Uhr Pflegekräfte vor Ort, die das alltägliche Leben begleiten und unterstützen.

Unsere ambulant betreute Wohngemeinschaft wird von der Allgemeinheit gern mit einem Pflegeheim gleichgesetzt. Das ist falsch! Ein Teil unserer Bewohner lebt nur deshalb bei uns, weil sie nicht mehr allein sein wollten und weil sie hier aufgrund der Präsenz der Pflegekräfte das Gefühl der Sicherheit haben. Einige unter ihnen können ihren Alltag noch sehr gut selbstständig bestreiten und benötigen lediglich kleinere Hilfestellungen. Daher ist die ambulant betreute WG so zu sehen wie der ambulante Pflegedienst: Die Pflegekraft kommt zu den älteren Menschen nach Hause und versorgt sie dort nach individuellem Bedarf: entweder nur zur Gabe von Medikamenten oder aber zur Körperpflege.

In den letzten Wochen müssen wir uns mit verschiedenen Problemen auseinandersetzen: Die Corona-Pandemie hat uns alle im Griff. Trotzdem versuchen wir, unsere Patienten nach denselben Grundsätzen zu behandeln, wie wir das immer tun: mit Respekt und Empathie! Wir Pflegekräfte stehen neben den Ärzten derzeit vor der größten Herausforderung überhaupt! Wir versorgen tagtäglich unsere Patienten ohne ausreichend Schutzbekleidung, da diese seit Wochen nicht mehr lieferbar ist. Wir haben keine Schutzmasken mehr und unsere Vorräte an Desinfektionsmitteln und Handschuhen neigen sich dem Ende, ohne dass eine Nachlieferung in Sicht ist. Die Versorgung ist nicht gesichert. Trotzdem gehen wir tagtäglich unserer gewohnten Arbeit nach!

Was mir hier richtig aufstößt, ist die Tatsache, dass uns mittlerweile Patienten und Angehörige oder sogar Fremde ansprechen, ja gar beschimpfen, weil wir keine Schutzkleidung tragen! Es fallen Aussagen wie: "Ist Ihnen denn die Gesundheit Ihrer Patienten nichts wert?" Wir wurden sogar von erbosten Angehörigen wieder aus den Haushalten rausgeschmissen, weil wir keinen Mundschutz getragen haben.

Um das mal klarzustellen: Die Gesundheit unserer Patienten ist uns alles wert! Sogar unsere Gesundheit und die unserer Familie setzen wir dadurch aufs Spiel! Genau das ist es, was wir jeden Tag tun! Wir gehen ungeschützt zu Patienten, von denen wir nicht wissen, ob sie erkrankt sind oder nicht. Und nach unserer Arbeit gehen wir mit den möglicherweise eingeatmeten Viren nach Hause zu unseren Familien, zu unseren Ehepartnern, zu unseren Kindern und Babys oder unseren risikogefährdeten Eltern, die bei uns mit im Haushalt wohnen, da sie nicht mehr allein leben können. Um anderen Menschen zu helfen, riskieren wir unser Leben und das unserer Familie. Es gab bisher kaum einen Menschen, der uns dafür mal gedankt hat. Das ist sehr schade! Die Menschen sollten sich mal eines fragen: Wer kommt pflegen, wenn wir es nicht mehr können?

Wir erhielten in dieser Woche einen äußerst unangenehmen Anruf einer besorgten Bürgerin aus Brieskow-Finkenheerd. Sie war brüskiert darüber, dass die Bewohner unserer Wohngemeinschaft zusammen auf einer Bank vor der Tür gesessen haben. Sie äußerte sich erbost mit den Worten: "Habt ihr überhaupt kein Verantwortungsgefühl gegenüber euren Patienten? Sind die euch völlig egal?"

Uns wurde sogar mit einer Anzeige beim Gesundheitsamt gedroht. Aber: Wenn unsere Bewohner uns egal wären, dann würden wir alle zu Hause bei unseren Familien sitzen und das Haus nur noch im Notfall verlassen und uns nur um unsere Familie kümmern. Aber das tun wir nicht: Wir setzen wie bereits gesagt tagtäglich unser Leben und das unserer Familien aufs Spiel, um unsere Patienten zu versorgen!

Ich habe unsere Wohnanlage einschließlich unseres Tagescafés schon am 14. März geschlossen. Besuche sind nicht erlaubt. Die Bewohner dürfen auch die Anlage grundsätzlich nicht verlassen. Auch unsere Tagespflege ist geschlossen und hält lediglich eine Notbetreuung vor. Unsere Bewohner sind seitdem nur noch unter sich. Kontakt zu Familienangehörigen haben sie nur noch per Telefon oder aber über das offene Fenster. Haben Sie eine Ahnung, wie schwer das für unsere Bewohner ist, ihre Liebsten nicht sehen zu dürfen und wie schwer das für meine Mitarbeiter und mich ist, weil wir die dadurch entstehenden Emotionen auffangen und damit umgehen müssen ohne einen Lichtblick, wann sich der Zustand wieder normalisiert? Und mal ehrlich: Ob die Bewohner nun nebeneinander am Esstisch oder nebeneinander auf der Bank vor dem Haus sitzen, das ist wohl kein Unterschied!

Bevor Menschen wie diese besorgte Bürgerin aus Brieskow-Finkenheerd sich also zu unserer angeblichen Unverantwortlichkeit äußern, sollte doch bitte zunächst erst einmal nachgedacht werden. Ich kann nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Wenn ich keine Ahnung habe, was das für eine Versorgungsform ist, dann habe ich mir darüber auch kein Urteil zu erlauben. Und wer sich mit den erforderlichen Schutzmaßnahmen und dem Einsatz der Schutzmaterialien nicht auskennt, der sollte sich ebenso zurückhalten.

Es gibt aber auch ein paar Menschen, die uns in diesen schwierigen Zeiten zur Seite stehen. So hat der Heimatverein Ziltendorf zum Beispiel unseren Bewohnern eine äußerst gelungene Osterüberraschung in Form von wunderschönen selbst gebastelten Osterhasen beschwert. Ein herzliches Dankeschön an alle fleißigen Helfer des Vereins, auch im Namen unserer Bewohner und Angehörigen! Zudem hat eine Angehörige auch von sich aus Schutzmasken genäht und sie uns gespendet, auch dafür ein herzliches Dankeschön!

Ich habe mit Absprache der Eltern einer 3. Klasse einer Grundschule eine Art Patenschaft für unsere WG-Bewohner geschaffen. Die Kinder und unsere Bewohner tauschen sich seit zwei Wochen regelmäßig im Rahmen einer Briefbekanntschaft aus und beide Seiten profitieren davon.

Schutzausrüstung spenden

In den Krankenhäusern, Arztpraxen, Pflegediensten, Pflegeheimen und anderen Pflegeeinrichtungen arbeiten wir zum Teil alle ohne Schutzausrüstung, weil die an allen Ecken und Enden fehlt. Denn Schutzausrüstung korrekt anzuwenden bedeutet, sie nach jedem Patientenkontakt vollständig zu entsorgen und auch die Technik, wie man sich dieser Ausrüstung entledigt, ist entscheidend darüber, ob man sich mit Viren ansteckt oder nicht. Es ist schön, dass sich so viele Menschen mit Mundschutz und Handschuhen eingedeckt haben und damit einkaufen gehen. Allerdings bringt das herzlich wenig, wenn sie sich hinterher nicht ihrer Kleidung vollständig entledigen und diese am besten verbrennen, weil sie eh nicht bei 90 Grad gewaschen werden kann; wenn sie die eingekauften Lebensmittel nicht vollständig desinfizieren, bevor sie den Kofferraum ihres Autos (oder gar ihren Kühlschrank) erreichen; wenn sie ihre Schutzmasken und Handschuhe nicht so ausziehen, dass sie mit dem Erreger nicht in Berührung kommen. Das will gelernt sein!

Sie merken schon: Da steckt ein wenig Sarkasmus in meinen Ausführungen, aber letztlich ist es genauso! Statt auf den gehorteten Handschuhen und Schutzmasken zu sitzen, sollten die Menschen diese lieber den Pflegeeinrichtungen spenden – in erster Linie aber den Krankenhäusern und Arztpraxen, denn deren Mitarbeiter sind es, die den direkten Kontakt zu Infizierten haben und sich schützen müssen."

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Werner Matzat 10.04.2020 - 17:06:57

Werte Frau Schickram - Es gab bisher kaum einen Menschen, der Ihnen dafür mal gedankt hat? - doch Ihre Kanzlerin: Angela Merkel dankt den Bürgerinnen und Bürgern!

Werte Frau Schickram, zur ihrer eigenen Information verweise ich hier auf den Kanzlerin Dank. Angela Merkel ist zwar eine Meisterin des guten Verkaufs schlechter, weil engstirniger politischer Entscheidungen. Aber sie haben andere Folgen ihres Tuns nicht einbezogen, weil sie davon nichts wussten oder nichts wissen wollten. Die einen Experten wurden gehört, die anderen nicht. Angela Merkels wiederholte Statements sind meisterhaft formuliert und gestaltet. Voller Sorgen in Text und Anmutung, bis hin zum Dank. Zur Dankesquelle: https://www.spiegel.de/politik/deutschland/coronavirus-krise-angela-merkel-dankt-fuer-disziplin-a-eb3ec432-6aaf-4f98-9e4f-173baf94a843 --- und zu Merkels TV-Rede zur Corona-Krise: geht es hier entlang. Quelle: https://www.daserste.de/information/nachrichten-wetter/ard-extra/videos/angela-merkel-corona-fernsehansprache-100.html --- Doch für die Folgen ihrer Entscheidungen für die Menschen, für ihre sozialen Beziehungen, für die Kinder, für die Familien und für die Gesellschaft als Ganzes und die zu erwartenden großen Brüche kamen nicht zur Sprache. Werte Frau Schickram, zu Risiken und Nebenwirkungen beim anhaltenden Mangel an Schutzmasken, Desinfektionsmitteln und Handschuhen, wenden sie doch ganz unkompliziert und vertrauensvoll an Ihre Bundeskanzlerin, Frau Dr. Angela Merkel, (CDU) bzw. Gesundheitsminister Jens Spahn, (CDU), da wird Ihnen mit Sicherheit geholfen. Und bitte nicht vergessen, oben gewinnt die Politik an Profil, während unten die Existenznot bleibt! Oder etwa nicht?

Carolin Speerlich 10.04.2020 - 13:01:34

Nachvollziehbar

Frau Schickram hat mit dem Meisten was sie hier geschrieben hat recht, insbesondere damit, daß es tatsächlich nach wie vor überall an Schutzbekleidung fehlt. Das ist inzwischen seit Monaten bekannt, aber gleichwohl seitens der Politik immer noch nicht gelöst. Dafür dann die Pflegekräfte, Ärzte oder Krankenschwestern zu attackieren, ist Bellen vor der völlig falschen Hütte. Tatsächlich müssen sich diese Fachkräfte auch persönlich einer erheblichen Gesundheitsgefahr aussetzen, aber was wäre die Alternative? Das Einstellen der Betreuung der Pflegebedürftigen und Kranken? Mit dem Verbrennen der Kleidung übertreibt es Frau Schickram allerdings, zumal behüllte Viren wie das Coronavirus wenig umweltstabil sind. Auf abgelegter Kleidung würde es nach heutigem Kenntnisstand bestenfalls bis zu drei Tagen überleben, Gleiches gilt für etwaig beim Einkaufen mal kurz benutzte Masken, die, würde man erst nach einer Woche erneut von ihnen Gebrauch machen, nicht mehr infektiös wären. Das sogar dann nicht, wenn man sie lediglich trocknen läßt, aber nicht jedes Mal wäscht. Gegen manche Infektionsübertragungen hilft aber auch die beste Schutzausrüstung nichts, wie ich in meiner Nachbarschaft leider sehen mußte. Denn dort haben wir eine junge Dame, die bei einem ambulanten Pflegedienst arbeitet und mitten in der Zeit der steten Ermahnung Mindestabstand zu wahren und unnötige soziale Kontakte zu meiden den Kumpels weiterhin zur Begrüßung um den Hals fällt und Küßchen verteilt. Da fehlt es dann nicht nur an Schutzausrüstung, sondern auch am Verstand. Ich möchte das aber ausdrücklich nicht verallgemeinern.

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