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Coronavirus
Ortwigs Ortsvorsteherin Evelin Miethke muss wegen Corona umdenken

Im heimischen Garten: Evelin Miethke erfreut sich an der Obstblüte, hier an einer Süßkirsche. Nachmittags ist die Ortsvorsteherin von Ortwig und Seniorenbeiratsvorsitzende in Letschin meist mit Mischlingshündin Julia unterwegs.
Im heimischen Garten: Evelin Miethke erfreut sich an der Obstblüte, hier an einer Süßkirsche. Nachmittags ist die Ortsvorsteherin von Ortwig und Seniorenbeiratsvorsitzende in Letschin meist mit Mischlingshündin Julia unterwegs. © Foto: Anett Zimmermann/MOZ
Anett Zimmermann / 21.04.2020, 03:00 Uhr - Aktualisiert 21.04.2020, 16:06
Letschin (MOZ) Zu ihrer Goldenen Hochzeit im März hagelte es bereits Absagen und ihren Geburtstag im Mai hat Evelin Miethke auch schon abgehakt. Das Kontaktverbot gelte ja bis zum dritten des Monats.

Die 69-Jährige weiß nicht nur aus eigener Erfahrung, wie es Senioren in Corona-Zeiten geht. Schließlich ist sie Ortsvorsteherin in Ortwig, dort auch Seniorenbeauftragte, Seniorenbeiratsvorsitzende der Gemeinde Letschin und Vorsitzende des Sozialausschusses, um nur die wichtigsten ihrer Ehrenämter aufzuzählen.

Allein 79 Senioren in Ortwig gratuliere sie zu Geburtstagen, sagt Evelin Miethke. "Zurzeit natürlich mit Abstand. Manch einer öffnet nicht einmal die Tür, aber wenn ich anrufe und Bescheid gebe, dass ich einen Gruß in den Briefkasten gesteckt habe, wird gern aufgelegt, um schnell nachzusehen." Sonst ruhe das gesellschaftliche Leben. Keine Spielenachmittage, kein Seniorensport, keine Sturzprävention im "Haus Hanna", dem für Besucher zurzeit geschlossenen Pflegeheim in Letschin, keine Verkehrsteilnehmerschulung.

Altersruhesitz in Ortwig

"Für die zuletzt geplante Schulung hatten wir mehr als 30 Anmeldungen", berichtet die gebürtige Angermünderin, die zehn Jahre in Letschin zur Schule ging, im Kaufhaus des Friedens in Seelow lernte, unter anderem in Berlin studierte und dann erst einmal dort geblieben war.

Seit 1993 habe sie die Wochenenden in Ortwig verbracht, blickt sie zurück. Inzwischen sei das Elternhaus ihres Mannes Bernd längst gemeinsamer Altersruhesitz. Er sei jetzt übrigens auch viel disziplinierter als sie. "Er macht jeden Tag seine Gymnastik", sagt sie anerkennend.

Vor dem Treffen, das bei herrlichem Sonnenschein im Garten stattfindet, hat sie auch noch einmal per Handy und WhatsApp herumgefragt, wie es anderen Senioren geht. "Im Grunde sind alle beschäftigt", erzählt Evelin Miethke. Aber die Veranstaltungen würden doch sehr vermisst. Dazu zählen auch andere Angebote, bei denen sich Ältere mit den neuen Medien vertraut machen können und der Smartphone-Stammtisch.

"Ich hoffe, dass wir im Juni wieder loslegen können", sagt sie. Die Teilnehmerzahl könnte zum Beispiel auf 15 begrenzt werden, hat sie bereits klare Vorstellungen. "Mundschutz nähen wir ja bereits eifrig", fügt sie hinzu. So hält sie auch Spielenachmittage für denkbar. Nur auf Kaffee und Kuchen müsste man wohl erst einmal verzichten.

Ach ja, ausrangierten Baumwollstoff könnten die Näherinnen – meist Frauen in ihrem Alter – noch gebrauchen, fällt ihr ein. Einige hätten zu DDR-Zeiten in der Goldpunkt-Schuhfabrik in Kienitz gearbeitet, sagt Evelin Miethke, die auch die geplanten Fahrten in den Wörlitzer Park und nach Bad Segeberg absagen musste. "Wir wollten zu den Karl-May-Spielen, aber die sollen erst im nächsten Jahr wieder stattfinden. Großveranstaltungen sind ja bis 31. August nicht erlaubt."

Wichtig sei ihr, jüngere Senioren in die ehrenamtliche Arbeit einzubinden. "Die fühlen sich ja noch nicht alt und reisen viel", weiß sie und freut sich, dass über die Goldene Jugendweihe immer wieder ein, zwei Neue dabeibleiben. Neben dieser Gruppe der Junggebliebenen gebe es noch das "Mittelalter" mit den über 80-Jährigen und die Hochaltrigen über 90. Von Letzteren würde etwa ein Drittel noch im eigenen Haushalt leben, ein Drittel aber auch "weggeholt". "Da bestimmen dann die Kinder über die Alten", bedauert Evelin Miethke. So habe ihr eine Seniorin, die nach Potsdam gezogen ist, erzählt, dass sie gern geblieben wäre, wenn es Betreutes Wohnen auch in Letschin geben würde. "Unsere eigenen Leute wissen mitunter nicht, was wir hier alles haben", schüttelt sie den Kopf und wünscht sich in jedem Dorf eine Senioren-WG. Dafür fehle meist aber nicht nur eine geeignete Immobilie.

"Wir sind mit unseren Gedanken oft selbst noch nicht weit genug, wollen aber selbstbestimmt bis ins hohe Alter leben." Auch der Rufbus sei ihr Steckenpferd. Fortgeschrieben werden müssten zudem die seniorenpolitischen Leitlinien der Gemeinde, nennt sie eine weitere anstehende Aufgabe, nicht nur für sie allein.

"Wir sind isoliert trotz Telefon", kommt sie auf die Gefühlslage der Älteren in diesen Tagen zurück. Die Kommunikation von Angesicht zu Angesicht sei nun einmal durch nichts zu ersetzen. Und wenn sie jemanden im Garten entdecke, gehe sie schon mal ran an den Zaun für einen kurzen Plausch. "Heute stand ich nach dem Einkaufen plötzlich mit jemandem aus Sietzing und Kienitz zusammen, beides Ehrenamtliche, die in ihren Orten den Kaffeeklatsch organisieren. Wir haben uns Mut gemacht."

Nachbarschafthilfe funktioniert

Besonders schwer hätten es zurzeit natürlich auch Familien, die Angehörige in der Tagespflege haben. "Die ist ja ebenfalls geschlossen." Sonst müsse man sich um die Älteren auf dem Land aber wohl nicht mehr Sorgen machen als sonst. "Oft sind hier die Kinder in der Nähe und gibt es gewachsene Nachbarschaftshilfe. Da fährt man gemeinsam einkaufen, auch zum Arzt." Ehemalige Kollegen kümmern sich meist ebenfalls.

Zudem sei man im Oderbruch nicht ganz ungeübt mit besonderen Situationen, sagt Evelin Miethke und meint damit nicht nur das Hochwasser von 1997. "In den 1970-er Jahren kamen die Leute hier acht Wochen nicht raus", erinnert sie sich. Grund sei die Schweinepest gewesen. "Unser ältester Sohn hat bitterlich geweint, als er wieder mit uns nach Berlin musste." Allerdings habe es damals noch drei Läden im Dorf gegeben, den Bäcker, den Fleischer und den Konsum. "Auch waren die meisten einst Eigenversorger."

Wer Kontakt zu Evelin Miethke aufnehmen möchte, erreicht sie unter Telefon 033478 262 beziehungsweise per E-Mail an: GSB-Letschin@t-online.de.

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