Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Leere Kirchen in Corona-Zeiten
Pfarrerin Almuth Wisch mit Gedanken zum Sonntag

Pfarrerin Almuth Wisch / 03.05.2020, 08:30 Uhr
Lehnin Die Eindämmungsverordnung lässt in Corona-Zeiten auch Kirchen leer bleiben. BRAWO hat Pfarrerinnen und Pfarrer das Angebot unterbreitet, sonntags mittels Zeitung das "Wort Gottes" zu ihren Gemeindemitgliedern zu bringen.

Heute: Almuth Wisch, Pfarrerin der Evangelischen St. Marien-Klosterkirchengemeinde und der Kirchengemeinde Rädel.

In einigen chinesischen Städten – und nicht nur da – sehen Kinder erstmals in ihrem Leben einen blauen Himmel. Wie werden sie staunen! Mehr als wir darüber, dass wir kaum noch Kondensstreifen der Flugzeuge ausmachen können? Und die Fotos aus Indien: 30 Jahre war das Himalajapanorama am Horizont vom Smog verschluckt. Jetzt ist diese atemberaubende Kulisse wieder deutlich sichtbar. Ob die Menschen darüber in Jubel ausbrechen? Ob es sie zuinnerst erhebt bei diesem Anblick? Ob es ihren Horizont weitet?

Jubilate – so heißt der erste Sonntag in diesem Mai. Jubelt! Er fordert uns auf zur Freude und glücklich zu sein. Worüber? Über die Schöpfung, über die Natur, über die Neuschöpfung, die wir im Frühling so sehr genießen. Und vielleicht sind Sie in diesem Frühjahr besonders erfreut über das Grünen und Blühen, weil uns so vieles wegbricht gerade. Die Selbstverständlichkeit mit der "nicht aufhört Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht" (1. Mose 8, 22) hat etwas ungemein Tröstliches. Und die Freude über die Neuschöpfung reicht darüber hinaus: Ostern, es klingt noch nach in diesen Tagen bis Pfingsten. Der Sieg des Lebens über den Tod gibt dem Freuen an der Welt eine neue Dimension. Der Horizont wird durchbrochen. Wir können auf mehr hoffen als wir zu sehen, zu messen und zu beweisen in der Lage sind. Ein Neuanfang steht uns in Aussicht, nicht die Apokalypse.

Findet vielleicht jetzt gerade sowas wie ein neuer Anfang, eine Neuschöpfung statt? Verbirgt sich in der derzeitigen Krise, in der wohl manchem der Jubel im Halse stecken bleibt, der Keim von etwas Neuem? Eine Krise kann zum Turbobeschleuniger werden. Plötzlich sehen wir, worauf es ankommt. Plötzlich werden Stärken und Schwachpunkte eines Systems deutlich sichtbar. Die Krise fokussiert uns darauf wie ein Blick durch eine Lupe. Sie führt in die Katastrophe oder bietet Chancen zur Weiterentwicklung. Jubilate – Freude an der Schöpfung. Sind vielleicht gar wir Menschen dazu herausgefordert, manche Dinge ‚neu zu schöpfen‘?

Ich lasse mich ein auf den Gedanken: In diesen Wochen ist plötzlich möglich, was vor Kurzem noch als völlig ausgeschlossen galt. Unser Lebenstempo ist – zumindest bei den meisten – regelrecht ausgebremst worden. Ich führe derzeit viele Gespräche, entweder am Telefon oder über`n Gartenzaun. Ich führe sie entspannt und ohne den nächsten Termin im Nacken. Und ich denke, dass die Menschen das von einer Pfarrerin auch erwarten. Zu Recht! Ich glaube, dass sich ohne Zeitdruck ein schöpferisches Potenzial entfalten kann, das sich bei rasendem Abarbeiten, beim Hetzen von einem zum anderen, kaum Geltung verschaffen wird. Will ich hinter diese Erfahrung einer besseren Qualität meiner Arbeit zurück? Wird mir am Ende nichts anderes übrigbleiben?

Ein ehemaliger Studienkollege rief mich an. Er ist dienstlich oft per Flug unterwegs. Ein zweistündiges Meeting in München, dann weiter nach Hamburg. Geht nun nicht. Keine Kondensstreifen am Himmel. Nun haben sich alle an Videokonferenzen gewöhnt. Werden sie vergessen, um wie viel entspannter es mit weniger Reisen sein kann?

Der blaue Himmel; der Himalaja, der sich soweit das Auge reicht auftürmt – wollen wir das wieder rückgängig machen? Können wir die Klimaziele nicht erreichen, weil sie unsere Wirtschaft, unseren Konsum und unseren Wohlstand bedrohen? Wird von dem, was jetzt im globalen Maßstab möglich ist, dann, wenn wir wieder zum ‚Normalzustand‘ steuern, nichts bleiben? Kein blauer Himmel über Peking? Werden wir uns von den Ökonomen und Konzernbossen wieder sagen lassen, dass wir eben keine Ahnung von den wirtschaftlichen Notwendigkeiten haben? Werden wir uns anhören müssen, dass ein vorübergehender Shutdown zwar möglich, dauerhafte Veränderungen zugunsten der Umwelt, der Schöpfung aber leider unrealistisch sind? Werden wir uns weiter über Greta lustig machen?

In der Schöpfungsgeschichte am Anfang der Bibel wird von jedem Geschöpften gesagt, dass es gut sei. In der Summe sogar sehr gut! Das geht gegen jede Schulnotenberechnung, hat aber einen interessanten Aspekt: Im Zusammenspiel des vielen Guten wird es sehr gut. Welches Prädikat würde Gottes Schöpfung heute bekommen? Sicher, es ist viel geworden über die Jahrtausende. Wir haben eine Menge gemacht aus dem Material, das uns geschenkt wurde. Wir haben Errungenschaften, die sich vor wenigen Jahrzehnten höchstens ein Sciencefiction-Autor ausdenken konnte. Sollten wir nicht auch Wege finden, dass diese Welt wieder eine bessere Note bekommt?

Das Jubilate erschallt in dieser Krisenzeit, hinein in viel Leid, Trauer und Unsicherheit. Es will unseren Blick lenken auf das Schöne und Gute, das es trotzdem gibt. Jubelt, denn es gibt Hoffnung für diese Welt! Jubelt, denn es gibt Hoffnung über diese Welt hinaus!

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
© 2020 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG