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Landbevölkerung in früher Zeit
Böhne: Bauern und Kossaten zwischen Freiheit und Hörigkeit

Zeitgenössische Ansicht einer Bauernkate.
Zeitgenössische Ansicht einer Bauernkate. © Foto: Archiv Wodtke
Hans-Jürgen Wodtke / 26.05.2020, 14:32 Uhr
Böhne In der Zeit von etwa 950 bis 1200 gelang deutschen Eroberern die schrittweise Kolonisierung des von den Wenden zwischen Elbe und Havel bewohnten Gebietes. Zuvor waren mehrere, zum Teil brutal ausgetragene, Annexionsversuche erfolglos gescheitert. Als Faktoren für den Erfolg benennt der einstige Böhner Kantor Meyer in seinen Aufzeichnungen zwei wesentliche Gründe. Neben der besonderen militär-politischen Situation zu der Zeit war für ihn die veränderte Strategie der Invasoren maßgeblich entscheidend. Waren doch nun auch deutsche, später auch flämische und niederländische Bauern, Handwerker und Kaufleute an der Niederwerfung der einheimischen Slawen beteiligt. Jene versuchten sich auf diese Weise der eigenen feudalen Abhängigkeit oder den schlechten Lebensbedingungen an ihren bisherigen Wohnorten zu entziehen. Zur Förderung der Siedlungspolitik, so Meyer, wurde von den neuen deutschen Herren den ins Land einwandernden Kolonisten eine Reihe von sozialen Vergünstigungen eingeräumt. Dazu zählten neben der Übereignung von Grund und Boden auch die Entbindung vom Kriegsdienst. Die wahren Gewinner aber waren die adligen Ritter und Landbesitzer, die die Arbeitskraft, das Wissen und Engagement der Neusiedler für die Aufbereitung der zumeist landwirtschaftlich noch unerschlossenen Landstriche geschickt nutzten.

Im späten Mittelalter, also in der Zeit bis etwa 1500, und darüber hinaus, lebten und arbeiteten weit über neunzig Prozent der Bevölkerung auf dem Lande. Zu der Zeit bearbeiteten in Ermangelung von ernsthaften Alternativen neben den zumeist nur bedingt freien Kossaten, die freien Bauern das den adligen Rittern gehörende Land. Im Gegenzug hatten sie dafür von den adligen Landbesitzern festgelegte Abgaben und Leistungen zu erbringen. Nach Arthur Federecke, einem Heimatforscher aus dem Elb-Havel-Winkel, stellte sich die Situation damals wie folgt dar: "Die Bauern unterschieden sich in Einhüfner und Zweihüfner oder Halbspänner und Vollbauern. Eine Hufe umfasste so viel Land, wie man mit einem Gespann Pferde an einem Tag bestellen konnte. Späterhin bezeichnete das Wort Hufe ein Feldmaß von 30 - 40 Morgen. […] Anfangs hatten sie eine sehr große Selbstständigkeit in rechtlicher und wirtschaftlicher Hinsicht und volle persönliche Freiheit. Sie bekamen das Land gegen Entrichtung eines Erbzinses in Geld und/ oder Naturalien als festen Besitz. Dieser Zins war für alle Hufen gleichmäßig festgesetzt. [So waren einst im Ort] Parey/ Elbe für jede Hufe zehn Schilling (ein Schilling gleich zwölf alte Pfennige) zu zahlen, an Naturalien musste je Hufe drei Scheffel und zwei Viertel Roggen, zwei Scheffel Gerste, zwei Scheffel Hafer und ein Rauchhuhn (Huhn nach der Mauser) abgeliefert werden. […] Dem Priester waren von jeder Hufe drei Scheffel Roggen, zwei Scheffel Gerste, zwei Scheffel Hafer und sechs Eier jährlich zu liefern. Der Küster erhielt einen halben Scheffel Roggen, ein Brot, eine Wurst und drei Eier.

An männliche und weibliche direkte Nachkommen konnten die Bauernhöfe frei vererbt werden, Seitenverwandte (Bruder, Schwester, Onkel, Tante usw.) waren von dem Erbgang ausgeschlossen. Vom 14. Jahrhundert ab [musste] eine Erbschaftsgebühr in Höhe eines Jahreszinses entrichtet werden.

Mit [der Einführung] des römischen Rechtes (16./17. Jahrhundert) wurden die Bauern verpflichtet, noch [zusätzlich] eine Einweisegebühr bei der Besitzveränderung an den Gerichtsherrn zu zahlen. Dieser konnte den Verkauf oder sonstigen Besitzerwechsel verhindern, die Freizügigkeit beschränken oder an erhöhte Leistungen (Abgaben) knüpfen, ja selbst den Hof [für immer] an sich reißen. Gründe hierzu wurden bald gefunden. War dennoch einmal kein Grund zu finden, so behauptet der Gerichtsherr, der Zustand der Wirtschaft habe sich verschlechtert." Eine durchaus gängige Praxis wie Zeitzeugenberichte aus jener Zeit belegen. Ein wesentlicher Grund für dieses räuberische Verhalten des Landadels, auch als "Bauernlegen" bezeichnet, war die gewachsene Gier auf Ackerland. Denn die Grundherren, deren ursprüngliche Dienste als Ritter nicht mehr benötigt wurden, verlegten sich nun zur Absicherung ihres Lebensunterhalts selbst auf die Landwirtschaft. Bei Fredecke heißt es hierzu: "Einige Landesfürsten versuchten zwar, dieses ,Bauernlegen‘ einzuschränken, [denn] sie waren an einem steuerkräftigen, wehrfähigen Bauernstand interessiert. Doch die Grundherren waren schon zu mächtig geworden. Und die Landesherren waren nicht immer, in der Lage, dass ‚Bauernlegen’ zu verhindern."

Auch aus Böhne gibt es, nach Kantor Meyer, in dieser Hinsicht "eigentümliches" zu berichten. Er beschreibt in seinen Aufzeichnungen wie die von Briest, als adlige Herrschaft zu Böhne, ihr Verhalten im 16. Jahrhundert bei der Annexion von Grund und Boden rechtfertigten, wie folgt:  "[Es ist schon merkwürdig],dass es um 1560 vier Ackerhöfe und acht Kossathengüter [sic!] in der Ortslage gab, die wüst lagen, ganz verfallen und nicht wiederaufgebaut waren und, obwohl der Gutsherr, willens gewesen sein will, sie wieder aufzutun, hätte sich wollen Niemand finden. Aus der Hälfte der wüsten Grundstücke aber 1561 ein neues, weiteres adliges Gut – Der Kleine Hof – entsteht". Die Reste der Ländereien werden offensichtlich auf höherer Weisung hin auf die sechs Bauern und zehn Kossaten aufgeteilt. "Doch die [zusätzlichen] Prästationen (Abgabe, Leistung) waren im Verhältnis zum [gewonnenen] Besitze sehr hoch bemessen", beklagt Kantor Meyer weiter.

Wie vorstehend bereits erwähnt, lebten neben den freien, wenn auch lehensabhängigen, Bauern von Anbeginn der Kolonisationszeit noch die Kossaten hier bei uns auf dem Lande. Heimatforscher Arthur Federecke weiß hierzu zu berichten: "Sie bestanden in der Hauptsache aus den Überresten der slawischen Bevölkerung, die sich aber im Laufe der Zeit mit den deutschen Bevölkerungsteilen vermischt hatten. Bei der schnellen Kolonisierung des Landes […] gelang es einigen von ihnen, Grund und Boden zu erhalten. Aus dem "Laßgute" (zur Nutzung überlassen) wurde zuweilen erbliches Eigentum.

Die Mehrzahl der Kossaten aber saß ohne Grundeigentum und ohne Erbrecht auf ihrer Kate oder Kote; deshalb wurden auch Kotsassen oder Kossaten [in unserer Region auch Kotze] genannt.

[Doch die meisten von ihnen waren im Haupterwerb] Tagelöhner, später auch Handwerker, und bewirtschafteten nebenbei ein kleines Stück Land. Sie waren dem Grundherren leibeigen und zu Frondiensten verpflichtet. Man bezeichnet sie deshalb auch als "Handfröner" (Handdienste Leistender.)

Die Lage der Kossaten war anfänglich denkbar ungünstig. Denn erwarben sie Besitz, so wurde dieser [automatisch] Eigentum des Grundherrn. Starb der Kossat, so fiel dem Grundherren die gesamte Hinterlassenschaft, [selbst Eheweib und Kinder] zu. Später milderten sich diese Bestimmungen. Der Grundherr verlangte nur noch das "Buteil", etwa die Hälfte des Nachlasses. Die weitere Entwicklung brachte es mit sich, dass er nur das "Besthaupt", das beste Tier im Stalle oder im "Gewandfalle" das beste Kleidungsstück oder die beste Waffe des Toten beanspruchte.

Der Kossat war an die Scholle gebunden. Ohne Erlaubnis des Grundherren durfte er das Dorf nicht verlassen [oder jemanden] aus dem Kreis der Dorfgemeinschaft heiraten. Für die Heiratsbewilligung musste er die "Bumede" (Erlaubnisgebühr) entrichten. Der Erzbischof Wichmann von Magdeburg setzte die Bumede auf einen Schilling fest, eine Hälfte davon bekam der Grundherr, die andere das Dorfoberhaupt. Die Frauen slawischer Abstammung mussten diese Abgabe auch zahlen. Allerdings wurde ihnen nach wendischem Recht gestattet, ihren Gatten gegen Zahlung der "Fersenpfennige" wieder zu verlassen.

[Erst] im Laufe der Jahrhunderte wurden durch mannigfache Ereignisse einige Kossaten frei. Etliche erhielten Freiheit durch die Teilnahme an den Kreuzzügen und [Kriegsdiensten]. Andere konnten sich durch Zahlung einer größeren Summe [an ihren] in Geldnot geratenen Grundherren befreien."

Mit Beginn des 19. Jahrhunderts lösten sich als Folge der Stein-Hardenbergschen Reformen in Preußen die auf dem Lande jahrhundertelang praktizierte Ständegesellschaft mit den Abhängigkeitsverhältnissen langsam auf. So auch, trotz massiver Gegenwehr der ostelbischen Junker, im Elb-Havel-Winkel. Nach den Aufzeichnungen des Böhner Kantors Meyer war es Jenny Briesen, die letzte Nachfahre des einstigen hiesigen Adelsgeschlechtes derer von Briest, die zum Ende des 18. Jahrhunderts viel für die Unabhängigkeit der Bauernschaft in Böhne unternahm.

Quellen:

Kantor Meyer, persönliche Aufzeichnungen, 1850 -1886 Arthur Fredeke, "Die Landbevölkerung in früher Zeit", Zwischen "ELBE UND HAVEL-Heimathefte des Kreises Genthin, Abt. Kultur beim Rat des Kreises Genthin, 2/1960, S. 8 uff.

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