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Liebeserklärung
Der mit dem Wald der Uckermark spricht

Daniela Windolff / 29.05.2020, 04:00 Uhr
Angermünde (MOZ) Der würzig-herbe Duft nach Erde und feuchtem Laub, das Raunen des Windes in den Kronen, die hüpfenden Lichtpunkte, die an den Stämmen auf und nieder tanzen, das kurze Flöten des Pirols, all das bedeutet für Roland Schulz Nachhausekommen.

Der Wald ist sein Wohnzimmer, mal geheimnisvolle Höhle, mal erhabene Kathedrale, mal verwunschenes Märchenland. Und er ist sein Kraftort. "Die grünen Häuser der Heilung haben mich beschenkt", sagt er selbst über seine Erfahrungen eines Jahres, die ihm eine vorher undenkbare Welt eröffneten, die er mit kindlichem Staunen, ungezügelter Neugier und atemberaubender Ehrfurcht betritt, immer wieder aufs Neue.

Nie ist der Wald derselbe, immer wieder im Wandel zu jeder Jahreszeit, zu jeder Tageszeit, an jedem Tag und doch für ihn inzwischen so vertraut, dass seine Seele hier Wurzeln zu schlagen scheint, wie die jungen Buchenkeimlinge auf dem Waldboden.

Eine Begrüßung, ein Dank

"Ich umarme keine Bäume, aber wenn ich den Wald betrete, begrüße ihn ihn, wenn ich ihn verlasse, bedanke ich mich. Das ist unser Ritual", gesteht Roland Schulz, während er vorsichtig zwischen den Bäumen wandert, jeden Schritt sanft gesetzt, als betrete er einen wertvollen Teppich auf gläsernem Boden. Nur nichts zertreten, nur nichts erschrecken, nur nichts übersehen, überhören. Alle Sinne sind auf Empfang, riechen den Waldmeister, erspähen den Schwarzspecht, entdecken in frisch umgebrochener Erde eine Vorratskammer von Bucheckern,  vermutlich das Lager von Mäusen, das Wildschweine plünderten. An der freiliegenden Wurzel eines umgestürzten Baumes haben sich Wildbienen eingenistet. Der Wurzelballen des gefallenen Baumriesen legt 10 000 Jahre alte Erde frei. "Das ist ein Blick in die Eiszeit", sagt Roland Schulz mit fast feierlichem Staunen.

Er wandert durch den Grumsin, den uralten Buchenwald, von der Unesco als Weltnaturerbe gesegnet. Hier kennt Roland Schulz jeden Pfad, jeden Baum. Genauso wie in "seinem" Wald in Alt Galow, im unteren Odertal, den er fast täglich besucht, um "nach Hause" zu kommen. Als studierter  Forstwirt glaubte er,  alles über Bäume zu wissen und muss nun demütig feststellen, dass er ihn nie ganz ergründen wird, den Wald, seinen Wald. "Man kann mit dem Verstand nicht alles erfassen. Man muss sich einlassen, sich treiben lassen. Offen sein", sagt der gebürtige Pfälzer, der Anfang der 1990er Jahre nach Brandenburg kam. Aus echter Neugier auf den Osten.

In der Uckermark ist er geblieben, aus Begeisterung für die Landschaft und die Natur.  Hier hat er als Natur- und Umweltjournalist und in der Öffentlichkeitsarbeit der Naturwacht gearbeitet, Geschichten geschrieben, damit sogar den Ehm Welk-Literaturpreis gewonnen und sich zum zertifizierten Landschaftsführer ausbilden lassen. "Ich fühle mich als Botschafter des Waldes, möchte gern meine Liebe mit anderen teilen. Der Wald braucht Verbündete."

Über seine Erfahrungen im und mit dem Wald hat er ein Buch geschrieben, ein sehr persönliches Bekenntnis seiner Suche nach Seelenfrieden, nach Ankunft, nach Heilung in einer aufgewühlten, rastlosen Zeit, die ihn verloren hatte. Es ist eine sehr persönliche Liebeserklärung an die Uckermark. "Wildes Leben am großen Strom. Mein Uckermarkjahr" ist vielleicht nicht der spannendste Titel, doch das Buch offenbart unglaubliche Wunder der Natur und tiefe Einblicke in das faszinierende Zusammenspiel im Tier- und Pflanzenreich, das den Menschen nicht braucht, ihn aber willkommen heißt, wie ein altes, gastfreundliches Mütterchen, wenn man es achtet. Roland Schulz nimmt den Leser mit in seinen Wald, ein ganzes langes Uckermark-Jahr lang. Er zeigt mystische Elfenbänkchen und verwunschene Schlangenmädchen, staunt über den "blutroten Sonnenball, der über runde Hügel rollt", beobachtet Kraniche, begegnet Hirschrivalen, flüchtet vor einer Wildschweinfamilie auf einen Baum oder sorgt sich um die vertrocknenden Bäume und das sterbende Moor.

Das Geheimnis der Elfenbänke

Sein Buch ist wie ein Waldspaziergang. Es lässt sich nicht in einem Ritt erfassen. Es ist mitunter überfrachtet mit Sinneseindrücken, Gedankensprüngen und Wissen. Der Autor spart jedes überflüssige Wort, schreibt tagebuchartig Notizen, fast im Stenogrammstil, als käme er vor lauter Sehen kaum mit dem Schreiben hinterher. Man muss sich darauf einlassen, eintauchen. Und dann spürt man vielleicht diesen Seelenwunsch, Teil dieser wundersamen Natur zu sein, mit ihr zu verschmelzen,  der Roland Schulz so tief mit seinem Wald verbindet. Dann spürt man vielleicht den Wunsch, ihn zu begleiten und den Wald einmal mit seinen Augen sehen, seinen Ohren hören, seinen Sinnen spüren zu lernen. Und versteht seine Erkenntnis: "Diesen Zauber kann man nicht suchen, er wird geschenkt."

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