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Kuchengarten
In Zietenhorst wird Glück geteilt

Markus Kluge / 29.05.2020, 17:25 Uhr
Zietenhorst (MOZ) Eine frische Brise trägt den Kaffeeduft über den Gartenzaun bis auf die Plattenstraße. Hinter dem Zaun auf einem Teppich aus Gänseblümchen stehen Tische mit fröhlich geblümten Tischdecken, Stühle und Bänke mit Sitzkissen unter bunten balinesischen Schirmen. An den Tischen wird gelacht, Kuchen genascht und geplaudert.

Mitten im Nirgendwo

"Schön, dass Sie da sind. Nehmen Sie Platz. Ich bin sofort bei Ihnen", sagt Solvey Leupolz mit einem gewinnenden Lächeln. Vor zwei Jahren hat sie in Zietenhorst ihren Kuchengarten eröffnet, in einem Ort mitten im Nirgendwo des Rhinluchs zwischen Wustrau und Hakenberg, wo sich bisher Fuchs und Hase gute Nacht sagten und Laufkundschaft nicht zu erwarten ist. "Wenn mein Schild vorne an der Straße steht, dann habe ich aber auf. Wer zu mir kommt, muss es auch wirklich wollen oder kommt zufällig, weil er sich verfahren hat." In Stein gemeißelte Öffnungszeiten gibt es bei Solvey Leupolz nicht. Normalerweise ist freitags bis sonntags von mittags bis in den frühen Abend geöffnet. Aber bereits am vergangenen Sonntag haben ihr da Wind und Regen einen Strich durch die Rechnung gemacht: "Heute nur Außerhausverkauf", steht dann auf ihrer Internetseite.

Solvey Leupolz nimmt solche Wetterkapriolen sportlich, auch wenn sie die Nacht zuvor am Ofen stand und Käsekuchen mit Brombeeren, Tarte au Citron und einiges andere mehr gebacken hat. Stress und Sorgen sind nämlich genau das, was Solvey Leupolz nicht mehr möchte. Davon hatte sie in den vergangenen Jahren genug. Und auch die Leute, die nach Zietenhorst kommen, sollen es so entspannt wie möglich haben: "Ich möchte, dass ihre Sorgen vergessen und sich auch an meinem Garten erfreuen."

Brandenburg und ausgerechnet Zietenhorst standen eigentlich nie auf ihrem Plan. Geboren in Binz auf Rügen verliebt sie sich ins Meer – eine Liebe, die bis heute hält. In Frankfurt, wo sie an der Oder aufwuchs, erfuhr Solvey Leupolz das, was sie nicht wollte: festgefahrene Rollenbilder. "Das war der Horror für mich. Ich war immer anders", sagt sie. Anstelle die Freizeit mit anderen Mädchen zu verbringen, sei sie lieber mit Jungs auf die Bäume geklettert und mit dem Rad an die Oder gefahren. Dass sie aufmüpfig und ein Punk war, kann man sich heute vielleicht noch vorstellen.  Zu DDR-Zeiten brachte ihr genau das Ärger ein, der darin mündete, dass sie kein Abitur machen und nicht studieren durfte. "Dabei wäre ich gerne Paläontologin oder Archäologin geworden", sagt sie. Das Fragment eines Dinosaurierknochens, das sie noch von der Ostsee hatte, und ihre Hartnäckigkeit öffneten ihr später dennoch die Türen ins Berliner Naturkundemuseum, in dem sie unter anderem alte Bernsteine katalogisierte. "Es gab dort keine Weihnachtsfeier. Also habe ich eine organisiert und dafür Kuchen gebacken", erinnert sie sich. Der sei weg gegangen wie die berühmten warmen Semmeln.

Erstes Café 2008

"Ich weiß nicht, was mich damals geritten hat, aber ich eröffnete mein eigenes Café an der Invalidenstraße", sagt sie. Das war 2008. Erfahrungen aus der Gastronomie hatte sie schon in den Jahren zuvor gemacht, als sie in Schöneberger Kneipen jobbte. Das Talent zum Backen habe sie vermutlich von ihrer Oma geerbt – Talent, auf das ungefragt Magazine aufmerksam machten. Ihr Café, in dem sie ihre Idee von leckerem und gesunden Essen verwirklicht, wird zum hippen Ausflugsziel, ihr Job zur Stressfalle. "Dann kam der Burn-Out", erzählt Solvey Leupolz offen. Ab 2012 wollte sie es in einem neuen Café an der Elisabethkirchstraße ruhiger angehen lassen – wieder mit Selbstgebackenem, Kaffee, Tee und er einer guten Portion Freundlichkeit. Die Frau mit dem Händchen für Kuchen avanciert zur Backexpertin aus der Hauptstadt, die im Radio zu hören und mit Moderatorin Enie van der Meiklokjes im Fernsehen zu erleben war.

"Wenn das ein Bäckermeister oder Konditor gehört hat…", schämt sie sich heute etwas dafür. Schließlich hat sie ihr Hobby zum Beruf gemacht.  Aber Berlin veränderte sich. Der Kiez sei auf einmal nur noch etwas für die Wohlhabenden sowie Junge gewesen und plötzlich  wurde überwiegend Englisch gesprochen. "Auf einmal ging es mehr um Schein, als Sein. Das hat die Seele der Stadt, das hat mein Berlin kaputt gemacht", sagt sie. Die soziale Durchmischung sei verloren gegangen. "Irgendwann habe ich da aber mein Herzblut verloren", sagt Solvey Leupolz rückblickend.

Sie wollte raus aus der Stadt – möglichst in Richtung Küste. Freunde, die in Wustrau ein Haus gekauft hatten, luden sie und ihren Mann dann aber ins Zietendorf. Nach einem Gewitter entdeckten sie in Zietenhorst ihr heutiges neues Zuhause vor spektakulärer Wolkenkulisse. Wenn der Luch-Wind durch die großen Pappeln weht, erinnere sie das aber an das Meeresrauschen, sagt die 55-Jährige zufrieden.

Blick ins Luch

An der Stelle, an der Solvey Leupolz einen Garten nach englischem Vorbild angelegt hat und heute Rosen duften, standen damals nur Brennnesseln.  Das Haus samt Waschhaus ist mittlerweile saniert und am Ende des Hofes steht ein kleiner Hochsitz, von dem aus sie über die Weiten des Luchs blicken kann. Auch Besuchern erlaubt Solvey Leupolz hin und wieder, dort hinaufzusteigen, wenn es etwas zu entdecken gibt. So wie kürzlich, als sich auf der Wiese hinter ihrem Grundstück 21 Störche tummelten. In einer kleinen umgebauten Laube, die unter zwei verspielten Korkenzieherweiden steht, kocht sie Kaffee sowie Tee und schneidet Kuchen für Gäste im Garten zurecht.

"Ich benutze zum Backen überwiegend biologische Zutaten", sagt sie. Zudem kommen bei ihr verschiedene Zuckersorten wie der von Kokosblüten oder aus Rohr zum Einsatz. "Alles, nur nicht der Weiße", betont sie. Auf Zusatzstoffe verzichtet die Bäckerin ebenfalls. Serviert wird alles – bei Bedarf auch nur ein halbes Stück – auf altem Geschirr, das durch aufwendiges Blumendekor oder gar Landschaftsbilder besticht. Das haben ihr ältere Berliner Damen für ihr Café überlassen, die sich bei ihr besonders gut aufgehoben fühlten. In Zietenhorst bietet die 55-Jährige immer sonntags eine englische Teatime mit Scones und anderem Gebäck an. Einige Damen haben diese für sich entdeckt. Aber auch Herren kommen zum Plaudern ins Open-Air-Café, durch das hin und wieder auch der rot-weiße Kater mit dem Namen "Rotwein" streift. Der wird künftig auch noch auf andere Gäste treffen. Denn Solvey Leupolz möchte einen Bauwagen ausbauen und Bed & Breakfast anbieten.

Wenn das Café geschlossen ist, Solvey Leupolz nicht gerade bäckt oder Storys für ihren Instagram-Kanal schreibt, trinkt sie mit dem Landwirt von nebenan auch mal ein Bier. "Ich bin hier gut angekommen. Es gibt viele nette Leute", freut sie sich über ihren neuen Mini-Kiez mit etwa 40 Einwohnern. Mit ihrem Kuchengarten will Solvey Leupolz etwas zurückgeben: "Ich habe so viel Glück, dass ich es teilen kann."

Info: Die Öffnungszeiten und weitere Hinweise gibt es online unter www.kuchengarten-zietenhorst.de. Das Café befindet sich in Zietenhorst Nr. 23.

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