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Brisanten Geschehnissen vor 75 Jahre
Böhne: Was haben die Sowjets mit von Kluges Leichnam gemacht?

Hans-Jürgen Wodtke / 30.05.2020, 06:00 Uhr
Böhne Auf dem Böhner Friedhof befindet sich neben der Kriegsgräberstätte, in dem die zum Kriegsende im Ort gefallenen Soldaten und eine Zivilistin beigesetzt sind, eine weitere Grabstätte aus dieser Zeit. Es handelt sich dabei um die letzte Ruhestätte von Elise von Kluge, der Mutter des einstigen Böhner Gutsbesitzers und Generalfeldmarschalls Günter von Kluge. Sie wurde am 14. Februar 1862 geboren und heiratete am 8. Oktober 1881, den 1913 von Kaiser Wilhelm II. in den erblichen preußischen Adelsstand erhobenen, Max von Kluge. Aus der Ehe gingen die beiden Söhne Günther (1882–1944) und Wolfgang (1892-1976) hervor.

Wie den Tagebuchaufzeichnungen von Kluges Schwager, Otto Rahtgens, zu entnehmen ist, lebte sie zum Kriegsende auf dem Böhner Gut. Des Weiteren hielt er fest, dass er und Lenzchen, wie sie von allen genannt wurde, am 24. April 1945 im Böhner Forst unterwegs waren. Hier hatten sie gemeinsam versucht, Wertsachen vor dem Zugriff der bereits anrückenden russischen Soldaten zu vergraben. Offensichtlich war die 83-jährige Dame zu diesem Zeitpunkt gesundheitlich noch recht fit. Dieses sollte sich mit dem Einzug der Roten Armee in Böhne, am Morgen des 5. Mai 1945, rasch ändern.

Aus den weiteren Aufzeichnungen von Rahtgens geht hervor, dass die alte Dame von den Besatzern sofort massiv unter Druck gesetzt und schließlich aus dem Gutshaus in einen zugigen Geräteschuppen verwiesen wurde. Die daraufhin von Rahtgens eingeleitete Intervention bei den Rotarmisten zu Gunsten der Bedrängten blieb ohne Erfolg. Unverkennbar hatten diese Elise von Kluge als die Mutter des von den Sowjets gesuchten einstigen Oberbefehlshabers der Heeresgruppe Mitte erkannt. In dieser mehrjährigen Funktion stand er nun auf deren Kriegsverbrecherliste. Jetzt wollten sie wissen, wo die sterbliche Überreste des Generalfeldmarschalls zu finden waren. Denn dass dieser am 19. August 1944 den Freitod gewählt und in Böhne beigesetzt wurde, dürfte ihnen zu dem Zeitpunkt mit Sicherheit bekannt gewesen sein.

Warum also der Druck auf die alte Dame? Nur aus Freude am Spaß? Oder war von Kluges Grabstätte außerhalb des Dorfes, neben dem Mausoleum, bereits zu diesem Zeitpunkt geräumt? Diese These bekommt durch einen am 15. August 1995 erschienen Presseartikel von Rudolf Bergau Nahrung. In diesem wird davon berichtet, dass SS-Einheiten vor dem Eintreffen der ersten Rotarmisten das Böhner Mausoleum geplündert haben sollen. Haben diese dabei etwa auch Günther von Kluges Leichnam, zu welchem Zweck auch immer, entfernt?

Eine aus mehreren Gründen kaum haltbare Vermutung. Zum einen, wenn auch immer wieder anders behauptet, gab es zu der Zeit kaum SS-Angehörige, die sich hier aufhielten. So findet man, laut aktuellen Forschungen des Rathenower Heimatforschers Wolfram Bleis, weder auf hiesigen Gefallenenlisten noch auf den zahlreichen Fotos vom Elbübergang der 12. Armee nennenswerte Hinweise auf deren Anwesenheit.

Zum anderen sind derartige Ereignisse auch nicht in Rahtgens Tagebuch erwähnt. Und das wären sie ganz sicher. Schließlich waren er, der Gutsförster Benasse, Gutsinspektor Brendel und andere Böhner Personen vor dem 5. Mai 1945 noch regelmäßig, auch in diesem Waldgebiet, unterwegs. Ein Besuch des Mausoleums nach der Besetzung gelang Rahtgens am 9. Mai 1945. Er notierte: "das Mausoleum geschändet, verwüstet, alle Särge zerbrochen. Pfui!" Das außerhalb des Mausoleums angelegte Grab Günther von Kluges ist dagegen zu diesem Zeitpunkt offensichtlich noch unberührt gewesen. Weitere Besuche des Waldes und Mausoleumshügels waren danach nicht mehr möglich, denn die Rote Armee baute in den Folgewochen westlich des Schmetzdorfer Weges, zwischen der Böhner Schäferei und der Vieritzer Bünsche ein riesiges Waldlager auf.

Zeitzeugen vermuteten, dass hier etwa 10.000 Rotarmisten stationiert waren und auf eine Verlegung in die Gebiete westlich der Elbe warteten. Diese erfolgte nach dem 1. Juli 1945.  Laut Aufzeichnungen von Rahtgens erreichten ihn am 5. Juli 1945 erstmals Informationen von der Schändung des Grabes seines Schwagers. Dass jedoch der Sarg mit dem Leichnam entfernt wurde, erfuhrt er erst später. Elise von Kluge hat das alles nicht mehr erlebt. Sie setzte ihrem Leben bereits in der Nacht vom 6. auf den 7. Mai 1945 ein Ende und wurde auf dem Böhner Friedhof beigesetzt.

Im Juni 1945 wurde die 3. Stoßarmee, eine sowjetische Elitearmee, von Finow nach Rathenow verlegt. Zu dem militärischen Verband gehörte auch eine starke Abteilung des SMERSch (militärischer Nachrichtendienst der Sowjetunion). Einige wenige ausgewählte Mitarbeiter unterstanden direkt Stalin. Diese hatten sich bei strikter Geheimhaltung um einen besonders brisanten "Schatz" zu kümmern – um die sterblichen Überreste von Hitler, seiner Frau und der Familie Goebbels. Hierüber berichtet Sven Felix Kellerhoff in einer Ausgabe DER WELT vom 29. April 2016. Danach wurden die sterblichen Überreste dieser vier Erwachsenen und sechs Kinder Anfang Juni 1945 am Rande Rathenows in einem Wald begraben. Zur Tarnung pflanzte man Kiefern auf das Grab. In seinem Sachbuch "Die Verteidigung der Stadt Rathenow 1945" bezeichnet Dr. Müller die Grabstelle mit – Jaden 32 an der Stechower Landstraße – sogar noch genauer. Bei Kellerhoff heißt es weiter: "Während Stalin [die Welt] weiter über den Verbleib des ‘Führers‘ im Ungewissen ließ,[….] wurde[n] die Leiche[n] im Juli 1945 […] ausgegraben, im ‘halbverfaulten Zustand‘ nach Stendal gebracht und dort in einem Waldstück verscharrt." Dr. Müller weist darauf hin, dass das 79. Schützencorps der 3. Stoßarmee speziell für derartige "Bestattungsaufgaben" von Nazigrößen herangezogen wurde.

Hat diese Spezialeinheit auch von Kluges Leichnam exhumiert und zu weiteren Untersuchungen abtransportiert? Umstand und Zeitpunkt sprechen recht deutlich dafür. Doch was ist danach mit der sterblichen Hülle geschehen? Wohin hat man sie gebracht? Trotz umfangreicher Recherchen der Nachfahren und des einstigen Ordonnanzoffiziers Philipp Freiherr von Boeselager konnte kein Hinweis zum Verbleib von Kluges sterblichen Überresten ermittelt werden. Damit bleibt auch diese Geschichte wohl für immer eine von hunderttausenden ungeklärten Geschehnissen des Zweiten Weltkrieges.

Mehr Informationen zu den Geschehnissen zum Ende des Zweiten Weltkrieges sind in den Broschüren mit dem Titel "Die letzten Tage im Krieg und die ersten Wochen im Frieden in der Region um Rathenow", Teil 1 bis 4 zu finden. Die vom Rathenower Heimatbund e.V. herausgegeben Publikationen können in der Buchhandlung Tieke, in der Ladengalerie Stein 40 und beim Tourismusverein Westhavelland e.V. erworben werden. Der Preis pro Broschüre beträgt 7,50 Euro. Wer in Zeiten von Corona lieber zu Hause bleibt, kann die Hefte unter 03385/510232 auch telefonisch bestellen und sich zuschicken lassen.

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