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Corona
Polnische Händler in Słubice warten sehnlichst auf deutsche Kunden

Dietrich Schröder / 31.05.2020, 03:15 Uhr - Aktualisiert 02.06.2020, 16:17
Frankfurt (Oder) (MOZ) Pawel Sławiak ist traurig: "Nach Ostern, dem 1. Mai und Himmelfahrt wird Pfingsten nun schon das vierte lange Wochenende, an dem uns die Geschäfte durch die Lappen gehen." Der Händler und seine Frau verkaufen auf dem großen Basar in Słubice Kleider, Jeans und Schmuck für Frauen und Mädchen. Doch die Corona-Krise, wegen der schon seit Mitte März die Grenze für Ausländer geschlossen ist, hat den Händlern das gesamte Frühjahrsgeschäft verdorben.

Die Basare in Słubice bieten einen traurigen Anblick. Dort, wo sich sonst gerade an Wochenenden und Feiertagen tausende deutsche Kunden vor den bunten Buden und in gemütlichen Gaststätten drängen, ist fast alles alles verrammelt. Nur einige Händler und Wachschutzleute schauen nach dem Rechten.

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Waldemar Urbaniak, der sich so wie Sławiak seit Jahrzehnten in der Händlervereinigung engagiert, vergleicht das Geschehen mit den biblischen Plagen. "Uns Händlern erscheint es, als hätten sich die Elemente gegen uns vereint.  Im Januar 2007 vernichtete das Feuer bei einem großen Brand viele Stände und Waren. 1997 und 2010 war es das Wasser bei zwei Oderfluten, wegen dem wir schließen mussten. Und nun liegt dieses Virus in der Luft."

Viele Anrufer aus Deutschland beim Polenmarkt-Händler

Doch immer, so Urbaniaks positiver Ansatz, "haben wir weitergemacht". Darauf hoffen die Polen auch jetzt. "Fast täglich rufen mich deutsche Stammkunden an, die wissen wollen, wann wir endlich wieder aufmachen", berichtet Urbaniak.

Momentan sind zwei Termine im Gespräch. Die von der polnischen Regierung für ausländische Besucher und Touristen verhängte Grenzschließung gilt bis zum 12. Juni. "Und ihr in Deutschland wollt eure Grenzen zu Österreich und Frankreich doch am 15. Juni öffnen, haben wir gehört?", fragt Pawel Sławiak nach.

Diese Differenz von wenigen Tagen macht für die Händler einen großen Unterschied. Denn der 12. Juni ist ein Freitag. "Wenn es dabei bleibt, könnten wir schon am 13. öffnen und hätten ein Wochenende mehr", rechnet Urbaniak vor. Der 15. wäre dagegen ein Montag, an dem ohnehin kaum Deutsche kommen würden. Auf jeden Fall wurden bereits Desinfektionsmittel-Spender an den Eingängen zum Basar aufgehängt, um auf alles vorbereitet zu sein.

Die Händler haben einige Hilfen erhalten. Vom polnischen Staat erhielten Kleinunternehmern 2080 Złoty (umgerechnet 500 Euro) Hilfe, die nicht zurückbezahlt werden muss. Zudem konnte eine Art Kurzarbeitergeld beantragt werden, dessen Modalitäten aber noch nicht ganz klar sind. "Und die Stadtverwaltung hat unsere Pachtzahlungen im April und Mai um 90 Prozent reduziert", berichtet Sławiak. Dies alles wiege aber nicht die Einbußen und Verluste auf. "Viele Lebensmittel, die wir vor der überraschenden Grenzschließung noch hatten, haben wir an soziale Einrichtungen gespendet, damit sie nicht schlecht werden", ergänzt Urbaniak.

Auch auf den Straßen, bei den Friseuren, in den Restaurants und vor allem an den zahlreichen Tankstellen der polnischen Grenzstadt geht es ohne die deutschen Kunden sehr viel ruhiger zu. "Wir durften wegen Corona erst an diesem Montag wieder öffnen. Aber Sie sehen ja,  bisher kommen kaum Kunden", sagt der Kellner eines beliebten Steakhauses. Auch dieser Bericht wurde nur möglich, weil der Kommandeur des polnischen Grenzschutzes eine Sondererlaubnis dafür gab.

"Besonders getroffen hat es die  vielen Ukrainerinnen und Ukrainer, die bei uns Arbeit gefunden hatten", berichtet eine Friseurin. Die Frau ist sichtlich erfreut, dass sie sich mal wieder mit einem Deutschen unterhalten kann. Etwa die Hälfte der Ukrainer seien nach Hause gefahren. "Dort mussten sie erst 14 Tage in Quarantäne und wenn sie wieder herkommen, erneut." Auf jeden Fall sei vielen Słubicern noch deutlicher bewusst geworden, wie eng ihr Schicksal doch mit den Deutschen verflochten ist.

Die Gesamtverluste der Grenzstadt durch die Ausfälle der Besucher hat bisher noch niemand errechnet. "Dies wird erst später möglich sein", meint Rathaussprecherin Beata Bielecka. Neben den Pachterlassen hat die Stadt unter anderem die Abfallgebühren für kleine Unternehmen gesenkt. Und die Gaststättenbetreiber sollen auch kostenlos kommunale Flächen sowie Gehwege nutzen können, um mehr Platz für ihre Gäste zu haben. Aber dafür müssen diese erst Mal wieder über die Oder kommen dürfen.

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Auch in Polen wird das Leben wieder normaler

Die bisherige Pflicht, auch im Freien  ständig Gesichtsmasken zu tragen, entfällt im Nachbarland an diesem Wochenende. Allerdings sollen Personen dafür nach Möglichkeit zwei Meter Abstand zueinander halten. In Gottesdiensten, Läden und öffentlichen Verkehrsmitteln gilt die Maskenpflicht jedoch weiter. Ab dem 6. Juni können auch Kinos, Theater und Fitnessstudios wieder öffnen. Eine weitere Regelung sorgt für Erleichterung und spöttische Anmerkungen über ihre Einhaltbarkeit zugleich: Ab kommenden Wochenende sollen Hochzeiten mit bis zu 150 Gästen gefeiert werden können. ⇥ds

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