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Vereinsamung
Demenzkranke Frau liegt allein im Krankenhaus

Besuch hinterm Zaun: Um mit seiner pflegebedürftigen Mutter Christel (r.) in ihrem Heim bei Leipzig zu sprechen, muss sich Holger Swazinna hinter eine Konstruktion aus Schneefang- und Bauzaun begeben, die für den nötigen Mindestabstand sorgt.
Besuch hinterm Zaun: Um mit seiner pflegebedürftigen Mutter Christel (r.) in ihrem Heim bei Leipzig zu sprechen, muss sich Holger Swazinna hinter eine Konstruktion aus Schneefang- und Bauzaun begeben, die für den nötigen Mindestabstand sorgt. © Foto: privat/H. Swazinna
Robert Iwanetz / 31.05.2020, 03:30 Uhr - Aktualisiert 03.06.2020, 15:52
Leipzig Wenn Holger Swazinna aktuell seine Mutter Christel in ihrem Pflegeheim bei Leipzig besuchen will, muss er zunächst sein Schamgefühl überwinden. Das liegt am neuen Besuchsbereich des Heims, der seit Ende April Freiluft-Begegnungen ermöglicht. Seine Mutter sieht er dort hinter einer Konstruktion aus Schneefang- und Bauzaun im Innenhof der Anlage, die für den nötigen Mindestabstand sorgt. Neben ihm stehen dabei manchmal bis zu zwei, drei, vier weitere Besucher, die sich ebenfalls für Termine angemeldet haben.

Das Problem dabei: Christel Swazinna ist schwerhörig und demenzkrank, erkennt nur noch ein paar wenige Familienmitglieder. Wenn ihr Sohn ihr etwas berichten will, oftmals Anekdoten aus der Vergangenheit, muss er mehr brüllen als sprechen. "Wenn ich persönliche Sachen erzählen will und daneben Fremde stehen, ist das schon sehr unangenehm. Ein Gespräch ist nur sehr eingeschränkt möglich", sagt Holger Swazinna, der selbst in Leipzig aufwuchs und nach seinem Sportstudium 1983 nach Frankfurt (Oder) kam.

Trotzdem fährt er jede Woche die insgesamt 500 Kilometer hin und zurück, auch wenn seiner Mutter manchmal nach zwanzig Minuten kalt wird. Denn hinter Christel Swazinna liegt eine wochenlange Leidensgeschichte. Am Schicksal der 91-Jährigen zeigt sich, wie die Maßnahmen zur Einschränkung der Corona-Pandemie zwar eine Infektion verhindern, aber dennoch stark auf die Gesundheit von Pflegebedürftigen einwirken können. Holger Swazinna selbst sagt: "Corona beschleunigt das Gehen der Alten. Auf ihre Bedürfnisse wird nicht genügend Rücksicht genommen."

Der Fall beginnt am 5. März mit einer kleinen Unachtsamkeit: einem Sturz in der Notaufnahme des St. Georg-Krankenhauses in Leipzig. Die ehemalige Krippenerzieherin lebt da bereits schwer demenzkrank seit zwei Jahren in einem DRK-Heim in Taucha, einer Kleinstadt an der Stadtgrenze von Leipzig. In die Notaufnahme kommt sie mit dem Verdacht auf einen Schlaganfall. Der Verdacht erhärtet sich aber nicht. Doch auf dem Rückweg ins Heim stürzt die Seniorin. Diagnose: Oberarmfraktur. Nach Komplikationen bei der Heilung ist bald eine Operation notwendig. Kurz darauf wird sie in die Uni-Klinik verlegt, weil sie außerdem mit einer Auto-Immun-Hauterkrankung zu kämpfen hat.

Fast einen Monat verbringt sie insgesamt im Krankenhaus. Ihr Zustand verschlechtert sich in diesem Zeitraum immens. Ihr Sohn vermutet, dass sie in der Zeit fast ausschließlich im Bett gelegen hat. "Meine Mutter konnte vorher ohne Rollator laufen, nun hatte sie nicht mal mehr genug Kraft um alleine zu sitzen", sagt Holger Swazinna. Reha-Maßnahmen in der Geriatrie waren laut Aussage der Ärzte nicht vorgesehen, weil diese Corona-Notfällen vorbehalten waren. Besuche wurden ihm als einzige Bezugsperson einmal pro Woche für 30 bis 45 Minuten, manchmal nur in Schutzkleidung gestattet. Körperkontakt war untersagt. "Dabei brauchen Demenzkranke vor allem körperliche Zuwendung", sagt der 61-Jährige. So konnte er seine Mutter nicht einmal trösten, als diese mit starken Schmerzen durch einen Katheter laut in ihrem Zimmer brüllte. "Ihre Schreie sind schwer zu vergessen."

Seit Ende April lebt sie nun wieder in ihrem DRK-Pflegeheim in Taucha. Dort arbeitet Marco Niezgoda als Heimleiter. Es war seine Idee mit dem Schneefang- und Bauzaun, um als eines der ersten Heime in Sachsen wieder Besuche im Freien zu ermöglichen. Die Umsetzung erfolgte schnell in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung und dem Bauhof. Dass die Situation für die Besucher nicht ideal sei, ist ihm bewusst, doch anders funktioniere es nicht. "Die Belastung für unsere Mitarbeiter ist aktuell enorm. Es geht dabei längst nicht nur um die Koordination der Besuche. Dadurch, dass uns die Angehörigen nicht mehr unterstützen können, haben wir einen erheblichen Mehraufwand in der Pflege", berichtet der Heimleiter.

Dazu zählt auch die beginnende Mobilisation von Christel Swazinna. Die Pflegekräfte und Physiotherapeuten sind dabei, sie wieder "aufzupäppeln", wofür Holger Swazinna sehr dankbar ist. Die ersten Fortschritte sind bereits erkennbar: Die gebürtige Leipzigerin hat wieder mehr Kraft und schafft es, allein zu sitzen. Ihr Sohn hat die Hoffnung deshalb noch nicht aufgegeben, dass sie irgendwann wieder alleine laufen kann.

Und so wird er sich auch in dieser Woche wieder in sein Auto in Frankfurt setzen und sich zweieinhalb Stunden später an den Schneefangzaun in Taucha stellen, um sich mit seiner Mutter in erhöhter Lautstärke zu unterhalten. "Ich hoffe nur, dass weiter die Sonne scheint", sagt Holger Swazinna. Das Besuchskonzept für schlechtes Wetter sei noch eingeschränkter.

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