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Auf Befehl des Königs
Brandenburger Alt- und Neustadt wurden vor 305 Jahren "vereinigt"

Manfred Lutzens / 31.05.2020, 12:30 Uhr
Brandenburg an der Havel In dem noch immer von Corona weitgehend bestimmten Geschehen dürfte wohl kaum ein Brandenburger auch nur einen Gedanken an ein bedeutendes historisches Ereignis aus längst vergangenen Zeiten verschwenden.  Kurzum: Genau 305 Jahre ist es mittlerweile her, dass die bis dahin jeweils  eigenständige Alt- und Neustadt vereinigt wurden. Der so rührige Historische Verein Brandenburg, stets darum bemüht, möglichst viele Havelstädter mit bedeutenden Ereignissen vertraut zu machen, hatte in dem Zusammenhang bereits 2015 anlässlich der 300. Wiederkehr besagten Zusammenschlusses in lobenswerter Weise viel Wissenswertes vermittelt. Dem seinen fundierten Fachvortrag von Lehrer Udo Geiseler als Vorsitzenden des 1990 wiedergegründeten Vereins war zeitaufwendiger und zugleich mühevolle Forschungsarbeit viel Interessantes zusammengetragen worden. Er hatte sich gewissermaßen selbst als Chronist versucht – und das mit Erfolg. Zeitgenössisch indes wurde dereinst (1715) dagegen kaum etwas über diesen Zusammenschluss berichtet, der letztlich eher ein verwaltungstechnischer Vorgang bleiben sollte. Man beließ es  vor gut 300 Jahren bei wenigen Zeilen oder jenem Hinweis zu  "einer merkwürdigen Vereinigung beider Brandenburger Städte". Selbst viel später, wie 1868 im Jahresbericht des Historischen Vereins, hatte Oberbürgermeister Rudolf Hammer ebenfalls nur recht spärliche Erkenntnisse zu präsentieren. Und so folgerte Udo Geiseler, "dass im Jahr 1715 und danach keiner etwas von besagter Vereinigung gemerkt habe, zumal es wohl auch kaum zu irgendwelchen Klagen seitens der hiesigen Bewohner kam." Gerüttelt werden kann aber keinesfalls an der geschichtlichen Tatsache: König Friedrich Wilhelm I. – wohl besser als Soldatenkönig bekannt, obwohl er nie das Heer einsetzte – sah einen Teil seiner Städtepolitik mit sogenannten Kombinationsreglements bestätigt. Sie betrafen Berlin (1700), Salzwedel (1713) und schließlich auch Königsberg (1724). Gewissermaßen dazwischen war unser Brandenburg an der  Reihe. In diesem Zusammenhang könnte der von 1713 bis 1740 regierende Soldatenkönig im Heerlager vor Stettin am 27. Mai des Jahres 1715 mit einem entsprechenden Schriftstück eben derartige Anordnungen verfügt haben, die in der Praxis aber wohl eher eine Kombination der Rathäuser beinhalteten. Ergo stand schließlich unsere Havelstadt zwei Monate danach, nämlich am 29. Juli, ganz im Zeichen dieser ihr vorgegebenen "Vereinigung".  Darauf hin machten sich an diesem für Brandenburg (Havel) so bedeutenden Tag königliche Abgesandte auf den beschwerlichen Weg, um im Neustädtischen Rathaus den hiesigen Honoratioren inklusive Geistlichkeit und Lehrerschaft den Wortlaut des Erlasses zu übergeben. Dieses Dokument befindet sich übrigens heutzutage wohl verwahrt im Stadtarchiv. Welch ein illustres Bild dürfte es da anno 1715 gegeben haben! Es schritten nämlich die Altstädter, die befürchteten, den Kürzeren zu ziehen (auch wegen des Plauer Brückenzolls), in Begleitung der Stadtknechte zur anderen Havelseite. Große Teile der Bevölkerung - die Einwohnerzahl lag noch unter 8000 -, waren unterdessen bereits auf dem Markt versammelt. Im Saal begrüßten sich die Vertreter der beiden Magistrate und die Beauftragten von König Friedrich Wilhelm I. Es herrschte offenbar eine recht friedliche Atmosphäre, wenngleich die Brandenburger Ratsleute aus verständlichen Gründen gespannt sein durften, "was sie nun erwarten würde". Zwischen 10 und 12 Uhr etwa könnte sich an jenem 29. Juli 1715 dieser historische Akt, zu dem das Verlesen der 25 Punkte gehörte, zugetragen haben.  Sie beinhalteten u. a. die Vorgabe, künftighin mit nur noch einem Magistrat zu arbeiten. Diesem gehörten nun 19 Mitglieder statt bisher 25 an; die meisten Altgedienten wurden allerdings übernommen. Sitz der neugebildeten Verwaltung war fortan das für dieses "vereinigte" Gremium genügend Platz bietende Neustädtische Rathaus. Sein Pendant diente dagegen später als Barchentfabrik. Ungeachtet dessen stand damals offenbar kurzzeitig sogar ein Rathaus-Neubau unweit der Havel  zur Diskussion. Nicht die beiden Städte Brandenburgs, sondern genauer betrachtet, die bislang bestehenden zwei Rathäuser wurden nun "ebenmäßig" kombiniert. "Es handelte sich um ein äußerst maßvolles Vorgehen des Regenten, beinhaltete einen behutsamen Eingriff in die Stadtautonomie", so Geiselers Resümee an Hand seiner umfangreichen Recherchen. Schließlich sollten damals Schlendrian und Versäumnisse ebenso wie bisher immer wieder auflebende Streitigkeiten zwischen den beiden "Brandenburgs" links und rechts der Havel , aber auch oftmals unzulängliche Arbeit in Verwaltung und Kämmerei deutlich verbessert werden. Zugleich wurden  Polizei und Justiz voneinander getrennt. Friedrich Wilhelm I. nahm die hier dargestellte "Vereinigung"   zum Anlaß, ein gemeinsames Brandenburger Siegel vorzuschlagen. Unter der Königskrone wurden nun die beiden Wappenschilde nebeneinander gestellt, ergänzt durch die Jahreszahl 1715. Gleichzeitig kam der Begriff Chur- und Hauptstadt erstmals auf, wenngleich ein solcher Titel nie verliehen wurde. "War das  etwa ein Trostpflaster oder vielleicht doch eine Rangerhöhung?, spekulierte Geiseler nun drei Jahrhunderte danach. Die hiesige Bevölkerung indes blieb damals zumindest vorerst weitgehend unbeeinflusst von alledem, ja, bemerkte kaum etwas. Es schien ein gutes "Zeichen der Zeit" zu sein, dass sich Alt- und Neustadt beispielsweise über gemeinsame Trauerfeierlichkeiten einigen konnten, als der Soldatenkönig im Jahr 1740 verstarb.  Ansonsten gingen die Ratsherren - mehrere hatte man inzwischen behutsam in den Ruhestand versetzt -, vorerst weiterhin überwiegend eigenständig vor.  Aus heutiger Sicht ist es wohl dagegen eher verwunderlich, dass man noch 1723 zwischen den beiden eigentlich längst zusammengeführten Städten sogar neue Palisaden errichtet hatte. Erst 1798 (!) beispielsweise erfolgte die Gründung eines vereinigten städtischen Gymnasiums. Unterdessen aber bewirkte das erlassene Kombinationsreglement u. a. eine sichtlich bessere Arbeit der Verwaltung wie auch einen Aufwärtstrend in der zuvor meist kritischen Finanzlage. Der ruhig und zudem  sachlich vorgehende Monarch befahl dereinst außerdem, die Zünfte beider Städte zusammenzuschließen. Ansonsten aber zog sich der "Vereinigungsprozess" über das gesamte 18. Jahrhundert hin. Gewiß, unser Heimatort war mittlerweile enger in das absolutistische Staatswesen einbezogen, gleichwohl aber wahrte er in erheblichem Maße seine Selbstbestimmung.

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