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Stadtarchiv
Eine Urkundenabschrift von unsagbarem Wert kehrt nach Frankfurt (Oder) zurück

Denny Becker / 01.06.2020, 07:00 Uhr
Frankfurt (Oder) Nach fast 200 Jahren ist eine wertvolle Urkundenabschrift nach Frankfurt (Oder) in das Stadtarchiv zurückgekehrt – das Lehmannsche Kopiar.

Seit dem Entstehen der Schriftkultur im antiken Europa wurden Privilegien und Verträge in Textform gegossen und mit Siegeln und Unterschriften zu rechtswirksamen Dokumenten. Daran hat sich nicht viel geändert, noch heute werden verliehene Rechte und Auszeichnungen in Form von Urkunden ausgehändigt.

Das Mittelalter wird allgemein als Urkundenzeitalter bezeichnet und so verwundert es nicht, dass aus dieser Epoche vor allem Urkunden aus Pergament und später aus Hadernpapier überliefert sind. In den verschlossenen Truhen und Schränken der Burgen, Klöster, Kirchen und Rathäuser lagerten die Urkunden vor unberechtigten Zugriffen geschützt. Weltberühmt ist die Tresekammer des Rates der Hansestadt Lübeck in der dortigen Marienkirche.

In den Behörden, die sich seit dem Mittelalter entwickelten, wurden und werden Registratoren beschäftigt. Sie sind zuständig für die Schriftgutverwaltung, erfassen die Posteingänge, steuern die Dokumente im Geschäftsgang und legen sie nach der Bearbeitung nach sachlichen Ordnungskriterien ab. Registratoren besaßen Schlüsselgewalt über die verwahrten Unterlagen und verfügten über intimes Wissen ihrer Dienstherren. Weil Urkunden bei jedem Rechtsstreit herangezogen werden mussten und um sie dabei vor Beschädigungen oder Verlust durch die häufigen Nutzungen zu schützen, wurden sie in Amtsbücher abgeschrieben. Die buchgebundenen Urkundenabschriften erleichterten die Schriftgutverwaltung, denn die sogenannten Kopiare ersparten das mühselige Suchen und Entfalten der Urkunden für die Einsichtnahme.

Die Registratur im Rathaus der "Haupt- und Handelsstadt Frankfurt an der Oder" beherbergte einen reichhaltigen Urkundenschatz. Über die Jahrhunderte hatte die Stadt Privilegien erworben und immer wieder erneut vom Landesherrn bestätigen lassen. Die Urkunden waren die Rechtsgrundlage für das Handeln des Rates und der Bürger. Mitte des 18. Jahrhunderts war Johann Bernhard Lehmann Registrator im Rathaus. Über ihn ist nicht allzu viel bekannt. Der Frankfurter war 1718 an der Viadrina immatrikuliert worden. Ab 1722 war er als Sekretär bei der Juristischen Fakultät beschäftigt. 1751 bewarb er sich beim Magistrat um das vakante Registratorenamt und wechselte als 50-jähriger von der Universitäts- zur Stadtverwaltung. In seiner Tätigkeit als städtischer Registrator fertigte er zwei Urkundenkopiare. Das erste enthält Privilegien und Verträge zu den Kämmereidörfern und Stadtgütern, das zweite die Privilegien und Verträge des Magistrats, der Bürgerschaft, der Gilden und Zünfte. Von diesem zweiten Lehmannschen Urkundenkopiar ist im Stadtarchiv Frankfurt (Oder) nur eine, wenige Blatt umfassende, Vorstudie erhalten. Stadtarchivarin Elfriede Schirrmacher vermerkte am 14. September 1950: "Band 2 seit 1945 vermisst". Doch nicht Kriegseinwirkungen waren ursächlich für den Verlust – das Kopiar verschwand schon sehr viel früher.

Bis 1974 in der Staatsbibliothek

Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts öffnete sich erst nach und nach der Zutritt zu den Archivbeständen im Rathaus. Der Frankfurter Superintendent Christian Wilhelm Spieker nutzte beide Kopiare für seine "Geschichte der Stadt Frankfurt an der Oder" und lokalisierte sie noch in der Ratsregistratur. Ihm folgte als Nutzer der Geheime Ministerialarchivar und Professor für Staatswissenschaften an der Berliner Universität Adolph Friedrich Riedel, der Teile des zweiten Lehmannschen Kopiars für den "Codex Diplomaticus Brandenburgensis" edierte. Riedel verwies auf das Stadtarchiv Frankfurt (Oder) als Aufbewahrungsort. Der letzte Nutzer des verschollenen Kopiars muss der hochbetagte Kriegsrat und Landeshistoriker Siegmund Wilhelm Wohlbrück gewesen sein. Für seine Forschung verwendete er Archivalien im Geheimen Staatsarchiv in Berlin, im Staatsarchiv Breslau und im Stadtarchiv Frankfurt. Wohlbrück wurde verdächtigt, im Geheimen Staatsarchiv Siegel entwendet zu haben, um sie seiner eigenen Sammlung einzuverleiben. Offenbar ereilte das Kopiar dasselbe Schicksal, denn Wohlbrück veräußerte ein Jahr vor seinem Tod 1834 seine Sammlungen. Die Preußische Königliche Bibliothek erwarb das Lehmannsche Kopiar und arbeitete es als Foliant 603 in den Bestand der "Manuscripta Borussica" ein. Bis 1974 verblieb es in der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin, dann wurde es an das Staatsarchiv Potsdam, dem heutigen Brandenburgischen Landeshauptarchiv, übergeben.

Inhaltlich gliedert sich das "Copiarum Civitatis Francofurthi ad Oderam" in 11 Kapitel. Sie enthalten die Urkunden zu den Straßen- und Schifffahrtsrechten, zu den Besteuerungs- und Handelsprivilegien sowie zur Gerichtsbarkeit und zu den Liegenschaften der Stadt. Das Kopiar endet mit den Privilegien und Satzungen der Handwerksinnungen.

Das Kopiar ist für Frankfurt von unschätzbarem Wert, denn ein Großteil der 115 abgeschriebenen Urkunden ging im Zweiten Weltkrieg verloren. Auf den ersten Seiten befindet sich die Abschrift der Stadtrechtsverleihung vom 12. Juli 1253. Diese Urkunde ist schon seit dem 19. Jahrhundert verschollen. Wir erfahren aus dem Kopiar, dass Frankfurt das Zoll- und Niederlagsrecht seit dem 13. Jahrhundert besaß und in der Ausübung dieses Rechts ständig im Streit mit den flussaufwärts liegenden Städten, vor allem mit Breslau, befand.

Als im 16. Jahrhundert der Bau des Oder-Spree-Kanals begann, der in der Folge Handelsströme von und nach Schlesien änderte und die einträgliche Einnahmequelle aus dem Stapelrecht gefährdete, gründete Frankfurt kurzerhand eine Niederlage am Kersdorfer See und ließ sich dieses Recht mehrmals vom Landesherrn bestätigen. Flussabwärts verhandelte man im 14. Jahrhundert mit der Stadt Stettin, die ihrerseits den Zugang zur Ostsee und damit zu den wichtigen Absatzmärkten im Hanseraum kontrollierte. In der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs erfahren wir aus dem Kopiar, dass die Handelswege auf der Spree, der Havel und der Elbe versiegt waren und Kaufleute aus Italien, Augsburg und Amsterdam auf die Oder auswichen. Im Jahr 1658 bestätigte Kurfürst Friedrich Wilhelm der Stadt, die Messen veranstalten zu dürfen. Die Messezeit sollte jedoch nicht überzogen und der Beginn erst montags eingeläutet werden. Die Händler dürften zwar schon am Sonntag ihre Marktbuden aufbauen, aber bei aller Betriebsamkeit sollte der Kirchgang am Sonntag nicht vergessen werden, so die mahnenden Worte des Landesherrn.

Digitalisierung geplant

Das Urkundenkopiar ist für die Erforschung der Rechts- und Wirtschaftsgeschichte der Stadt und der Region im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit eine der wichtigsten Quellen. Nach fast 200 Jahren ist es nach Frankfurt (Oder) zurückgekehrt. Es wurde vom Landeshauptarchiv dem Stadtarchiv übergeben und ist mit der Signatur: "StAFF, 1-100 Magistrat Frankfurt (O), Foliant 200" in den teilweise rekonstruierten Registraturzusammenhang eingeordnet worden. Nur für kurze Zeit kann es nach Terminvereinbarung im Lesesaal des Stadtarchivs eingesehen werden, denn es wird digitalisiert werden und danach auf der Webseite des Stadtarchivs jederzeit online verfügbar sein.

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