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Corona-Krise
Brandenburger mit bipolarer Störung berichtet über sein wackliges Seelenheil

Gerrit Fuhs, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Psychiatrie-Erfahrene Brandenburg, berichtet von seinen Erfahrungen mit extreme Gefühsschwankungen, die bei bipolaren Störungen typisch sind.
Gerrit Fuhs, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Psychiatrie-Erfahrene Brandenburg, berichtet von seinen Erfahrungen mit extreme Gefühsschwankungen, die bei bipolaren Störungen typisch sind. © Foto: Hausding
Mathias Hausding / 01.06.2020, 16:37 Uhr - Aktualisiert 02.06.2020, 08:39
Frankfurt (Oder) (MOZ) Ein Betroffener erzählt von seiner psychischen Erkrankung. Er fordert ein Ende der Stigmatisierung und rechnet mit steigenden Fallzahlen.

Seit 35 Jahren gleicht sein Leben oft einer Achterbahnfahrt. Manische Phasen wechseln sich mit längeren depressiven Episoden ab. Aber längst hat Gerrit Fuhs gelernt, mit seiner bipolaren Störung umzugehen und ein weitgehend normales Leben zu führen. Er redet offen über das Tabuthema psychische Erkrankung und gehört mehreren Gremien an, die sich in Brandenburg für die Belange der Betroffenen einsetzen.

Und es werden in der kommenden Zeit mehr Menschen werden, die große seelische Probleme haben. Da ist er sich ganz sicher. In Stress- und Krisensituationen sei die Psyche enormen Belastungen ausgesetzt. Firmeninsolvenzen und daraus folgende Arbeitslosigkeit sowie vielfältige Beziehungsprobleme als Folgen der Corona-Pandemie würden zu mehr Depressionen und einer erhöhten Suizidgefahr führen.

Stigmatisierung dauert an

Gerrit Fuhs sagt das nicht, um Angst zu verbreiten, sondern um Politik und Gesellschaft aufzurütteln. "Denn Menschen in Not müssen die richtige Hilfe erhalten. Daran hapert es in Brandenburg an vielen Stellen", betont der 55-Jährige.

Das geht für ihn mit der Stigmatisierung los. Zwar werde immer wieder gesagt, dass zum Beispiel die Fälle prominenter Fußballer das Verständnis für psychische Erkrankungen erhöht hätten. Aber da widerspricht Gerrit Fuhs energisch: "Es hat sich nichts gebessert." Mit psychisch Kranken werde nicht auf Augenhöhe kommuniziert. "Sie werden belächelt, man blickt von oben auf sie herab." In Familien würden Krankheitsfälle am liebsten totgeschwiegen.

Besonders ärgerlich sei, wie zuweilen darüber berichtet werde, wenn ein psychisch Kranker eine Straftat begeht. Die Tat werde dann ohne Belege pauschal mit der Erkrankung begründet. Das sei ein falscher und gefährlicher Schluss, der zu weiterer Stigmatisierung führt. "Und das hat übrigens oft eine Selbst-Stigmatisierung zur Folge", ergänzt der Psychiatrie-Erfahrene. "Seelisch Kranke reagieren nämlich sehr sensibel darauf, wie sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden."

Wenig Personal in Kliniken

Eine ähnlich große Baustelle wie der gesellschaftliche Umgang mit psychisch Kranken sind nach Einschätzung von Gerrit Fuhs die medizinischen Strukturen in Brandenburg. Der im Kreis Oder-Spree lebende gelernte Betriebswirt im Handwerk ist Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Psychiatrie-Erfahrene Brandenburg und Mitglied in zwei sogenannten Besuchskommissionen, die die Situation in psychiatrischen Einrichtungen in Brandenburg überprüfen.

Fuhs weiß, wie es aussieht im Land. In den Kliniken seien oft viel weniger Pflegekräfte als vorgeschrieben auf den Stationen. Auch der sehr wichtige sozialpsychiatrische Dienst sei in manchen Landkreisen und kreisfreien Städten schon jetzt unterbesetzt. "Was wird erst, wenn nun die Fallzahlen steigen und die Brandenburger Kommunen gleichzeitig durch Steuerausfälle in Finanznot geraten?", gibt Fuhs zu bedenken.

Kein Krisendienst wie in Berlin

Extrem wichtig und im Flächenland Brandenburg nicht ausreichend vorhanden sind nach seiner Einschätzung niedrigschwellige Hilfsangebote. "Wenn jemand in Berlin erstmals eine Depression spürt oder plötzlich einen Nervenzusammenbruch hat, dann kommt der Krisendienst." Etwas Vergleichbares gebe es in Brandenburg leider nicht. "365 Tage rund um die Uhr. Anonym und kostenlos", so fasst der Berliner Krisendienst auf seiner Homepage das Hilfe- und Beratungsangebot für Menschen in akuten Nöten zusammen.

In Brandenburg würde es häufig so laufen, dass Menschen in einer erstmaligen Krisensituation von Feuerwehr oder Polizei in eine Klinik gebracht werden. Das sei sicherlich gut gemeint, aber leider oft kontraproduktiv und für die Betroffenen traumatisierend. "Sie wollen nicht den ‚Psychiatrie’-Stempel."

Gerrit Fuhs findet, dass die Landesregierung gerade mit Blick auf die zu erwartenden Folgen der Corona-Krise deutlich mehr tun kann und tun muss. Die Arbeitsgemeinschaft der Psychiatrie-Erfahrenen hat sich bereits im April mit einem mahnenden Brief an Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) gewandt: Bessere Unterstützung kommunaler Strukturen der psychiatrischen Versorgung, Schaffung von landesweiten Krisendiensten und Versorgungssicherheit durch niedergelassene Psychiater und Psychologen in ausreichender Zahl – das sind drei zentrale Forderungen der AG.

Ein fast normales Leben

Über sich selbst sagt Gerrit Fuhs, dass das Auftreten seiner Erkrankung, als er um die 20 war, natürlich ein Einschnitt gewesen sei. Er habe dann das Glück gehabt, schrittweise in seinen Job zurückkehren zu können. Das sei extrem wichtig, dürfte aber heutzutage vielfach schwierig sein, schiebt er ein. Auch in seinem Fall habe Stress die Krankheit in späteren Jahren chronisch werden lassen. Seit mehr als zehn Jahren sei er berufsunfähig.

"Ich führe auch mit Hilfe von Medikamenten insgesamt ein normales Leben, bin aber nicht so belastbar, wie ich es mir wünschen würde", sagt Gerrit Fuhs. Bewegung und viel Licht seien für ihn genauso wichtig wie feste Strukturen und ein Frühwarnsystem für mögliche neuerliche Krisen. "Mein Hund hält mich auf Trab, und Verwandte geben mir Feedback, wenn ihnen an meinem Verhalten etwas auffällt." Von den Mitbürgern wünscht er sich für alle psychisch Kranken mehr Mitgefühl, die Chance auf Teilhabe und ein Ende der Stigmatisierung.

Zahl der Krankentage steigt von Jahr zu Jahr

Im Jahre 2019 waren laut Techniker Krankenkasse bundesweit so viele Menschen wegen psychischer Leiden krankgeschrieben wie nie zuvor. Die Versicherten fehlten im Schnitt an 2,89 Tagen etwa wegen einer Depression. Im Jahr zuvor seien es noch 2,77 Arbeitsunfähigkeitstage gewesen, im Jahr 2017 2,71 Tage. Psychische Erkrankungen waren für fast 20 Prozent aller Fehlzeiten verantwortlich – mehr als für Rückenschmerzen oder Erkältungen.

Die Arbeitsgemeinschaft der Psychiatrie-Erfahrenen in Brandenburg sieht sich als Ansprechpartnerin bei diesen und ähnlichen Themen – Tel. 0160 976 35918 oder E-Mail agpeb@gesundheitbb.de ⇥mat

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