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Firmenjubiläum
In Neuruppin entstehen seit 70 Jahren Denkmäler für Verstorbene

Siegmar Trenkler / 01.06.2020, 18:00 Uhr
Neuruppin (MOZ) Für die Neuruppinerin Anke Kneifel bringt dieses Jahr mehrere Jubiläen mit sich. Seit 20 Jahren führt sie nun den Familienbetrieb, vor 25 Jahren legte sie ihre Meisterprüfung im Steinmetz- und Steinbildhauer-Handwerk ab. Vor 40 Jahren begann sie ihre Lehre, und das Unternehmen wird stolze 70 Jahre alt. Groß gefeiert wird aber nichts davon. Die 57-Jährige möchte sich nicht in den Mittelpunkt rücken. Im Vordergrund steht immer die Arbeit, auch wenn ihr ihre Freizeit sehr wichtig ist, wie sie sagt.

Dass sie das Familienhandwerk fortführen würde, war ihr schon immer klar. "Ich bin hier in diesem Haus geboren und habe nie etwas anderes gesehen. Da war für mich klar, dass ich das auch machen werde."  Begonnen hatte die Tradition aber mit ihrem Großvater Emil Kneifel in Hockenau in Schlesien. 1948 wurde die Familie vertrieben und ließ sich danach in Neuruppin nieder. 1950 wurde das Unternehmen in Neuruppin neugegründet. 1962 übernahm dann Anke Kneifels Vater Manfred den Betrieb. "Damals hatte er bis zu zehn Mitarbeiter", erinnert sie sich. Die heutige Firmenchefin begann nach der Schule 1980 mit ihrer zweijährigen Lehre zur Steinmetzin. 1995 folgte die Meisterprüfung, die sie als Jahrgangsbeste absolvierte. Am 1. Januar 2000 trat sie komplett in die Fußstapfen ihres Vaters und übernahm den Familienbetrieb.

Vieles hat sich verändert

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich das Handwerk stark verändert. "Früher wurden die Steine noch mit Sackkarren und langen Brettern bewegt", erinnert sie sich. "Heute haben wir dafür einen Kran." Und wo früher Hammer und Meißel zum Einsatz kamen, sind es jetzt Akkubohrhämmer oder eine Maschine zum Sandstrahlen. Auch die Palette dessen, was sie ihren Kunden an farbigen Steinen anbieten kann, ist vor allem seit der Wende gewachsen. "Vorher hatten wir hauptsächlich Steine aus der Lausitz, die grau waren. Jetzt können wir überall auf der Welt bestellen, von Portugal bis Indien. Dadurch ist alles viel bunter." Zudem sei früher noch mehr selbst hergestellt worden. "Heute kriegen wir die Steine vorgefertigt. Wir schneiden sie zwar auch auf Maß zu, sind aber eher darauf spezialisiert, sie zu verschönern und mit Ornamenten und Schrift zu versehen." Bis vor wenigen Jahrzehnten seien auch die Steine noch selbst aus Rohblöcken gehauen worden. Heute würde sich ein solcher Aufwand gar nicht mehr lohnen. "Die Maschinen machen das schneller und gesundheitsschonender."

Schließlich hat sich auch die Bestattungskultur geändert, konstatiert Anke Kneifel. Gemeinschaftsanlagen, Bestattungen im Friedwald, auf halbanonymen oder anonymen Anlagen – inzwischen gibt es deutlich mehr Möglichkeiten. Und damit auch verschiedene Wünsche. Doch nach Kneifels Erfahrung brauchen die Menschen unverändert einen Ort zum Trauern. "Es kommt schon vor, dass jemand anonym beerdigt wird und dann Angehörige nach einem halben Jahr zu mir kommen, weil sie doch irgendetwas haben wollen, was sie an die Stelle legen können." Und sei es nur ein handtellergroßer Stein mit einem Namen drauf.

Zwischen Handwerk und Trauer

Darin, diese Erinnerung so schön wie möglich zu gestalten, sieht die Steinmetzin auch ihre Aufgabe. "Ein Grabstein ist ein Denkmal für den Menschen", ist sie überzeugt. Sie konzentriert sich dabei vor allem auf das Handwerk. "Man nimmt schon trotzdem einige Sachen mit, manchmal viel zu viel." Gleichzeitig sieht sie dann aber auch immer, dass sie mit ihrer Arbeit den Angehörigen helfen kann, ihre Trauer zu bewältigen. "Ich habe ja fast täglich mit trauernden Kunden zu tun. Die Menschen kommen in einer sehr unschönen Situation zu mir. Für sie ist das immer ein schwerer Gang. Sie sind zu Beginn immer sehr aufgelöst. Doch am Ende bedanken sich viele und umarmen mich auch schon einmal",  berichtet sie. Das kann zuweilen sehr nahe gehen, wenn etwa sehr junge Menschen versterben. "Aber ich spreche mit den Menschen ganz offen über die Trauer."

Abschied vom Vater

Auch ihre eigene Trauer konnte Anke Kneifel mit einem Grabstein verarbeiten. Nach dem Tode ihres Vaters hat sie dessen Denkmal ebenfalls selbst gestaltet. "Das war damals natürlich schon kein schöner Anlass. Aber es war eine Möglichkeit, mich von ihm zu verabschieden", erinnert sie sich. Dieses Glück hatten zuletzt nicht alle ihre Kunden. "In letzter Zeit war das schon ziemlich extrem, wenn Kranke nicht im Krankenhaus besucht werden durften und sich die Familie nicht von ihnen verabschieden konnte", berichtet sie von ihren Erfahrungen. Und auch bei Beerdigungen seien die Einschränkungen eine zusätzliche Bürde gewesen.

Seit Anke Kneifel begonnen hat, im Beruf zu arbeiten, sind einige tausend Grabsteine durch ihre Hände gegangen. Beliebig wird die Arbeit dadurch aber nicht. "Ich kann mich an fast jeden Stein erinnern", sagt sie. Damit kann sie Kunden teilweise überraschen. "Es ist ja oft so: Ein Ehepartner stirbt und vielleicht zehn oder 15 Jahre später auch der andere. Wenn die Familie dann zu mir kommt, und sagt ,Sie haben damals den Stein für unseren Vater gemacht‘ staunen sie schon, wenn ich ihnen den sofort beschreiben kann."

Nicht nur Grabsteine

Die Arbeit beschränkt sich aber schon lange nicht mehr nur auf Grabsteine. In ihrem Haus entstehen inzwischen genauso Küchenplatten, Gedenktafeln oder figürliche Arbeiten, wie etwa die Stele für Marianne Kühn-Berger, die vor knapp einem Jahr am Neuruppiner Rathaus aufgestellt worden ist. Und seit der Gründung der Evangelischen Schule fertigt der Steinmetz-Betrieb auch die Steinplatten an, auf denen die Namen aller Absolventen eines Jahrgangs verewigt werden. Dass die Firma auch nach 70 Jahren noch so gut läuft, verdankt diese den Mitarbeitern. Ohne ihre beiden Steinmetz-Gesellen Enrico Gürtel und Tobias Güntzel, die seit 1999 beziehungsweise seit 2006 dazu gehören, wäre die bisherige Entwicklung nicht möglich gewesen, sagt Anke Kneifel. "Ich bin unglaublich stolz auf die beiden. Ohne sie könnte ich gar nichts tun. Sie sind so fleißig, dass ich sie manchmal vom Arbeiten abhalten muss", berichtet sie dankbar. Denn mittlerweile arbeitet die Meisterin vor allem organisatorisch und pflegt den Kontakt zu den Kunden. "Daher suche ich auch noch nicht aktiv nach Nachfolgern für die Firma. Denn solange ich klar im Kopf bleibe, kann ich das auch noch machen, bis ich 80  bin", sagt sie.

Wichtiger Ausgleich

Einen Ausgleich für ihre Arbeit sucht Anke Kneifel in der Naturfotografie. "Meine Freizeit ist mir auch wirklich sehr wichtig", sagt sie. Die braucht sie für ihr Hobby. Schließlich erfordert die Suche nach tollen Tiermotiven nicht zuletzt, sich lange auf die Lauer zu legen und zu warten. "Am Donnerstagmorgen war ich in Mecklenburg-Vorpommern. Eigentlich wollte ich dort See- und Fischadler fotografieren. Aber ich habe nur Schwarz- und Rotmilane erwischt", berichtet sie von der zeitintensiven Beschäftigung. Doch wenn ihr Leute zuweilen raten, sie solle sich komplett auf die Fotografie konzentrieren, winkt sie ab. "Wenn ich mich zwischen dem Steinmetzberuf und der Fotografie entscheiden müsste, würde ich immer den Steinmetz wählen. Es gab noch keinen Sonntag, an dem ich mir gesagt habe, dass ich morgen nicht zur Arbeit gehen möchte." Wenn es aber doch irgendwann so weit sein sollte, dass sie die Leitung des Betriebs abgeben möchte, hofft sie darauf, dass dieser bestehen bleibt. Da sie drei Großneffen und eine Nichte hat, ist sie zuversichtlich, dass die Nachfolge geregelt werden könnte. "Es wäre schon schön, wenn aus den 70 Jahren noch 100 werden würden", sagt sie.

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