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Landwirtschaft
Verluste durch hungrige Kraniche auf Feldern in Oberhavel

Burkhard Keeve / 06.06.2020, 10:02 Uhr - Aktualisiert 06.06.2020, 17:35
Altlüdersdorf (MOZ) Auf den Maisfeldern von Bauer Andreas Kleßny rund um Altlüdersdorf fressen die großen Vögel die Saat vom Acker. Schadensersatz gibt es aber nicht.

Sie sind nicht zu sehen. Doch sie waren da. Ihre Spuren lassen keinen Zweifel aufkommen, ihnen hat es geschmeckt. Das Feld ist an manchen Stellen weiträumig braun und kahl. Wo eigentlich das Grün der ersten zarten Maispflänzchen in Reih und Glied stehen sollte, liegen nur ein paar vertrocknete Überreste. An einigen Stängeln ist das einzelne Saatkorn noch dran, das in die Erde gesteckt worden war, um zu einem großen Kolben heranzuwachsen. Doch die Kraniche haben Landwirt Andreas Kleßny die Maisernte schon jetzt "versaut". "Zwei, drei Tiere, damit kann ich leben, aber hier lassen es sich 50 Tiere und mehr gut gehen", sagt der Geschäftsführer der Agrar- und Zierzucht GmbH Wentowsee. Dreimal hat er besonders betroffene Äcker schon nachgesät, dreimal kamen die großen Vögel und pickten ihm Reihe um Reihe wieder ab. Zwei Schläge, wie Bauern die Felder nennen, hat er aufgegeben. "Das lohnt sich nicht." An anderen Stellen versucht der 42-Jährige weiterzukämpfen. "Ich versuche sie, mit Futter wegzulocken", sagt Kleßny. Dafür verstreut er schippenweise Getreide, walzt die Körner in die Erde, "damit die Kraniche beschäftigt sind". Der Erfolg für dieses Ablenkungsmanöver ist bescheiden.

Schon "jetzt können wir 10 000 Euro abschreiben", sagt der zweite Geschäftsführer der Agrar- und Tierzucht GmbH Wentowsee, Bernd Wunderlich. So viel kostet das Saatgut für 50 Hektar Mais. Der Verlust für den Ernteausfall und die Arbeitszeit für die Extrarunden auf den Feldern ist da noch gar nicht eingerechnet. Wunderlich und Kleßny gehen von etwa 50 Prozent weniger Mais aus. Dieses Jahr wird es eine recht magere Maisernte in Altlüdersdorf geben. "Es betrifft nicht nur uns", sagt Kleßny, auch andere Landwirte in der Region haben mit den Kranichen zu kämpfen. "Sie sind zur Plage geworden", sagt Wunderlich.

Schadensersatz ist nicht in Sicht

Was beide ärgert, dass sie auf dem Schaden und den Kosten sitzen bleiben. Der Kranich ist wie der Wolf geschützt. Die Vögel dürfen nicht geschossen, oder zum Beispiel mit Vogelscheuchen vom Landen abgehalten werden. Wenn Wildschweine den Landwirten die Ernte wegfressen, die Felder oder Weiden durchwühlen, können die Bauern Wildschaden reklamieren und sie erhalten einen Ausgleich, aber bei Schäden durch Kraniche nicht. Das bestätigt das Brandenburger Landwirtschaftsministerium auf Nachfrage: "Von Kranichen verursachte Fraßschäden werden in Brandenburg nicht ausgeglichen." Allerdings sei es naturschutzrechtlich erlaubt, die geschützten Kraniche von den Feldern zu vergrämen. Das macht Kleßny auch, zum Beispiel mit Knallgaskanonen oder indem er mit seinem Pickup aufs Feld fährt, um die Kraniche vom Acker zu vertreiben. Kleßny: "Die sind aber nicht blöd. Sie warten einfach, bis ich wieder weg bin."

Es ärgert die beiden Landwirte doppelt, dass für Kraniche Geld fließt, damit Touristen sie beobachten können, sie aber leer ausgehen. Zumal es wohl ohne Bauern, die ihre Felder bestellen, nicht so viele Kraniche geben würde. Das ist besonders gut in Linum zu beobachten, wo sich die Vögel gerade wegen der großen Anbauflächen so gern niederlassen. Kleßny und Wunderlich haben auch nichts gegen die großen Vögel. "Bloß­, wir wollen unseren Mais nutzen", sagt Kleßny. Es geht um Kreislaufwirtschaft auf seinen 2 300 Hektar Flächen. Dort wachsen neben Mais auch Raps, Weizen, Gerste und Roggen. Futter für ihre 650 Milchkühe und 1 300 Sauen.

Doch Brandenburg liebt seine Kraniche und Kraniche lieben die Mark. Viele der majestätischen Tiere bleiben in den milden Winter sogar hier. Futter finden sie reichlich. "Mehr als ein Drittel der deutschen Kranich-Brutpopulation brütet in Brandenburg", sagt Heidrun Schöning vom Nabu Brandenburg. "Wir freuen uns über jede Tierart, deren Bestand wächst." Landwirt Wunderlich bedauert, dass der Kranich "keine natürlichen Feinde hat". Ihm liegt es fern, zu meckern. Wunderlich: "Wir freuen uns über Artenvielfalt, aber die Schäden müssen ausgeglichen werden."

Die Jagd ist europaweit verboten

Der Graukranich wurde in Europa durch die EU-Vogelschutzrichtlinie als besonders gefährdete und schutzwürdige Art eingestuft. Die Jagd ist also europaweit verboten.

Als Hauptrastgebiete der Kraniche in Europa gelten die Rügen-Bock-Region, die Linumer Teichlandschaft in der Ostprignitz sowie die Diepholzer Moorniederung.

Allein den Schlafplatz in Linum steuern im Herbst mehr als 100 000 Kraniche an.

Einige Tausend Tiere überwintern inzwischen in Brandenburg.⇥bu

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