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Engagement
Die Retterin der Rehkitze aus Neuruppin

Ulrike Gawande / 06.06.2020, 10:45 Uhr - Aktualisiert 06.06.2020, 16:35
Neuruppin (MOZ) Pünktlich um drei Uhr klingelt in den letzten Wochen bei Sarah Böhm aus Neuruppin der Wecker. Um vier Uhr steht sie dann mit einem Trupp an Helfern auf den Wiesen in der Region – im Gepäck eine Drohne mit Wärmebildkamera, Steckfahnen und Transportkisten. Ihre Mission: Die Rettung von Rehkitzen.

Doch wie kam es zu diesem ehrenamtlichen Engagement? Sarah Böhm, die seit 2015 in der Fontanestadt lebt und als Veterinärin arbeitet, erinnert sich. Es ist eine Geschichte, die ans Herz geht. Gemeinsam mit ihrer Freundin Anke Kneifel, die wie sie selbst gerne Tierfotos macht, sei sie vor zwei Jahren durchs Rhinluch gezogen, immer auf der Suche nach dem perfekten Motiv. Aber was sie dann auf einer abgemähten Fläche fanden, erschütterte die beiden Frauen bis ins Innerste. "Wir entdeckten zerschredderte Kitze", berichtet die 31-Jährige und noch immer ist ihr der Schock von damals beim Erzählen anzumerken.

Die junge Frau verharrte jedoch nicht in Untätigkeit. "Ich dachte mir, es muss eine Möglichkeit geben, um das zu verhindern." Doch wie kommt es überhaupt dazu, dass junge Rehe von Mähmaschinen getötet oder schwer verletzt werden können? Nach einer Tragzeit von rund 290 Tagen bringen die weiblichen Rehe, die Ricken, ihren Nachwuchs im Mai und Juni zur Welt. Meist sind es ein bis zwei Kitze pro Ricke, die nach zwei Tagen laufen können. Aber erst nach dem Ende der zweiten Woche stellt sich bei ihnen der sogenannte Fluchtinstinkt ein. Bis dahin verstecken sich die Rehkitze im hohen Gras und bewegen sich nicht. Da sie anfangs noch geruchsarm sind, sind die Tiere vor Fressfeinden geschützt. Aber nicht vor Mähmaschinen. Denn der sogenannte Drückerinstinkt, das Ducken ins hohe Gras, führt dazu, dass die Kitze beim Näherkommen eines Treckers nicht weglaufen, sondern sich tot stellen – oft mit tödlichem Ausgang. Die Deutsche Wildtierstiftung geht davon aus, dass jährlich rund 90 000 Rehkitze so ihr Leben verlieren.

Den Landwirten helfen

Ziel von Sarah Böhm  und anderen Rehkitzrettern deutschlandweit ist es nun, zumindest einen Teil dieser Tiere zu retten. Ein Ansinnen, dass auch im Interesse der Landwirte ist, denn verunreinigtes Heu ist in Bezug auf die Futtermittelsicherheit auch nicht in ihrem Interesse. Daher haben viele Landwirte vor der Mahd ihre Felder manuell abgesucht oder am Abend zuvor Flatterbänder und knisternde Mülltüten aufgehängt, die die Tiere vergrämen sollen. "Es gibt auch speziell ausgebildete Hunde, welche die Rehkitze aufspüren", berichtet Sarah Böhm. Und es gibt sogenannte Kitzretter, das sind Geräte, die am Mähdrescher angebracht spezielle Töne sowie blaues Licht aussenden. "Ganz junge Tiere ducken sich auch da weg."

Sie selber kaufte sich zu Jahresbeginn eine Drohne, die mit der Wärmebildkamera CGO ET ausgestattet ist. Zwei Jahre lang sparte Sarah Böhm für diese kostspielige Anschaffung. Informiert hatte sie sich zuvor beim Verein Rehkitzretter in Gera, der bereits seit zwei Jahren ein Projekt mit Drohnen durchführt.

In Brandenburg gibt es bisher nur wenig Engagement im Bereich der Kitzrettung, bedauert Böhm, die aus Frankfurt/ Oder kommt, wo sie sich auch im Naturschutzbereich engagiert. In Gera hingegen beriet man sie über das geeignete Modell zum Aufspüren von Rehkitzen. Das Frühjahr nutzte Sarah Böhm dann gemeinsam mit ihrem Freund für Übungen mit der Drohne. Einmal landete das gute Stück dabei in einem hohen Baum. Doch da das Modell weniger als zwei Kilogramm wiegt, ist für die Benutzung aktuell noch kein Fähigkeitsnachweis erforderlich. "Die Drohnenverordnung wird aber gerade überarbeitet", so die Tiermedizinerin. Sollte sich an den Vorschriften etwas ändern, will sie einen Führerschein absolvieren. Mit einer Plakette ist die Drohne jedoch gekennzeichnet.

Helfer werden gesucht

Vor wenigen Wochen begannen dann die direkten Vorbereitungen für die Rehkitzrettung. "Ich habe nach Helfern gesucht. Die Resonanz war gut", berichtet die Neuruppinerin. So sprach sie nicht nur mit dem Tierschutzverein Ostprignitz-Ruppin, mit dem sie sich für die Zukunft eine Zusammenarbeit wünscht, um auch Spenden- oder Fördergelder für das Projekt akquirieren zu können. Auch sechs Tierarztkollegen gehören zum Team. Unterstützung kommt aber auch von Mitgliedern des Tierschutzvereins, sowie von Freunden oder Familienangehörigen der Rehkitz-Retter. Denn allein ist ein Einsatz nicht zu bewerkstelligen. Nur für das Fliegen der Drohne und den ständigen Blick auf den Monitor werden schon zwei Kräfte benötigt.

Die Einsätze starten früh, meistens gegen vier Uhr, am besten vor Sonnenaufgang. Denn nur bei Temperaturen unter zwölf Grad arbeitet die Wärmebildkamera vernünftig. "Solange die Sonne nicht draußen ist", erklärt Sarah Böhm, "sonst ist jeder Maulwurfshügel ein Rehkitz." Von Landwirten wird sie im Vorfeld informiert, welche Flächen an diesem Tag abgemäht und daher zuvor auf Rehkitze abgesucht werden sollen. Immer mit dabei ist bei den Einsätzen auch der jeweils für das Gebiet zuständige Jäger. "Rehe sind Wildtiere, die darf man nicht einfach so anfassen", so die Erklärung für diese Vorgehensweise.

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Damit der Rettungseinsatz der Rehkitze schnell und koordiniert ablaufen kann – der Akku der Drohne hält nur rund 20 Minuten, sie hat fünf davon –, wurde von dem zu überprüfenden Gebiet eine Karte angefertigt. Darauf ist ein Raster, nach dem die Drohne systematisch die Fläche abfliegt. Die Helfer hingegen verteilen sich rund um das Feld und sind mit Funksprechgeräten ausgestattet. "Ich habe sechs Stück besorgt, damit wir uns schnell verständigen können", so Böhm. Zeigt dann der Monitor einen möglichen Fundort an, wird erst einmal auf die normale Kamera umgeschaltet und dann der jeweilige Helfer verständigt, der sich dem Rehkitz leise nähert. Wenn es sich wirklich um eines handelt, wird vorsichtig ein Wäschekorb oder eine Kiste über das Tier gestülpt und der Fundort mit einer Steckfahne markiert.

Wiese wird abgeflogen

Währenddessen geht das Abfliegen der Wiese weiter. Da viele Ricken Zwillinge zur Welt bringen, die sie dann nicht zusammen, jedoch nah beieinander im hohen Gras ablegen, überprüft das Team besonders gut die nahe Umgebung des Fundortes. Erst wenn die gesamte Wiese abgeflogen ist, kommen die Helfer zu den Kitzen zurück. Mit Handschuhen und großen Grasbüscheln packen sie dann die gerade einmal zwischen einem und eineinhalb Kilogramm schweren Tiere in mit Gras ausgelegte Boxen mit Deckel. Diese werden an den Feldrand in einen geschützten Bereich mit Ruhe und Schatten gebracht und erneut mit Steckfahnen markiert, damit der Landwirt weiß wo die Tiere stehen. Dann kann die Fläche gemäht werden. Da meist das Heu nach der Mahd noch einmal gewendet werden muss, kehren die Helfer erst am Nachmittag zurück, um die Tiere in die sichere Freiheit zu entlassen. "Wir setzen sie stets in der Nähe der Fundstelle an Baumreihen im hohen Gras aus", erklärt Sarah Böhm. "Meistens stehen die Ricken schon in der Nähe und kehren dann zu ihren Kitzen zurück." Bei einem Einsatz am Pfingstsonntag habe es gerade einmal 20 Minuten gedauert, bis das Muttertier wieder bei ihrem Jungen war.

Informationsblatt für Landwirte

Die Kitze werden sechs- bis achtmal am Tag gesäugt, berichtet die Tiermedizinerin, weshalb die Zeit in der Box so kurz wie möglich gehalten wird. Da jedoch oft benachbarte Flächen am selben Tag gemäht werden, bitte sie die Landwirte, sich mit der Mahd zu beeilen. Für diese und auch die Jäger hat Sarah Böhm ein Informationsblatt mit ihren Kontaktdaten erstellt, damit ihr mitgeteilt werden kann, wann welche Flächen gemäht werden sollen. "Die Jäger kennen ihr Revier und wissen wo Ricken sind." Besonders im Rhinluch, bei Dreetz oder rund um Rheinsberg sei der Rehbestand hoch. Mal liege nur ein Rehkitz im hohen Gras, mal sind es auch fünf auf einem Feld. Neun Tiere konnte Sarah Böhm mit ihren Helfern in den letzten Tagen bereits in Sicherheit bringen. Doch sie betont, dass auch ihre Methode nicht eine hundertprozentige Sicherheit biete. Das teile sie auch den Landwirten mit.

Sarah Böhm weiß, wie schwer es für die Landwirte ist, die Tiere von den Fahrerkabinen aus im hohen Gras zu entdecken und rechtzeitig zu bremsen, damit sie nicht verletzt werden. Tagsüber sind Wärmebildkameras, die manche Bauern nutzen, nahezu wirkungslos. Und auch die Kitzretter mit den unangenehm hohen Tönen wirken nicht immer. Deshalb würde sich die Neuruppinerin über weitere Unterstützung für ihr Projekt freuen. "Toll wären weitere Drohnenpiloten und andere Helfer für das Absuchen der Wiesen. Dann könnte wir viel mehr Fläche schaffen." Jetzt sind es zwischen 15 und 39 Hektar an einem Morgen. Ihr Angebot ist ehrenamtlich und für die Landwirte kostenlos. Viele Bauern hätten ihr zudem berichtet, dass sie ihre Drohnen, die sie für die Dokumentation von Wildschäden nutzen, nun mit einer Wärmebildkamera ergänzen wollen, um ihre Flächen selbst abzufliegen. "Es ist ein schönes Gefühl, die Rehkitze zu retten."

zur Sarah Böhm: kitzrettung.opr@googlemail.com

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