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Vor 30 Jahren
Kremmens neues Stadtparlament – Euphorie und Heuschrecken

Marco Winkler / 06.06.2020, 11:23 Uhr
Kremmen (MOZ) Die Stadtverordneten in Kremmen sorgen meist für heftige Diskussionen und offen bis subtil ausgetragene Dispute. Doch wie sah die Situation kurz nach dem politischen Umbruch vor 30 Jahren aus, welche Themen standen an, wie wurde die Neuordnung diskutiert, welche Rolle spielte die Vergangenheit?

In der Verwaltung liegen zumindest zu den Wahlen 1990 keine Unterlagen vor. Auf Nachfrage wird aufs Archiv des Landkreises verwiesen. Im Ratsinformationssystem der Stadt kann bis zur Ortsbeiratssitzung vom 19. Januar 2009 zurückgeblättert werden. Andreas Kretzschmar (damals BB’08, später SPD) war zu der Zeit Ortsvorsteher, die Regenentwässerung in Amalienfelde, das geplante Wegeleitsystem in Kremmen und der Parkplatz vor Edeka waren die vorherrschenden Themen. Weiter zurück reicht die Erinnerung der Stadtseite auf den ersten Blick nicht. Wer sich aber noch gut erinnert an den politischen Strukturwandel und Neuanfang nach der Wende, das ist Detlef Reckin.

Aus den Folgejahren habe er überraschenderweise nicht viel aufbewahrt in seinem privaten Archiv. Aber Protokolle kann er vorweisen – und zwar direkt aus der Zeit nach der ersten freien Kommunalwahl im Mai 1990, als der neu gewählte Bürgermeister Michael Kinne (SPD) ins Rathaus einzog. Sein frühestes Dokument beschreibt "die Tagung der zweiten Stadtverordnetenversammlung am 3. Juli 1990". Die erste Sitzung sei wohl nicht so richtig offiziell gewesen, sagt Reckin. Am 3. Juli ging es dann um die neue Struktur der Verwaltung, die Zuweisung der Ämter, die Wahl der Beigeordneten.

Vergilbte Seiten, brüchig, staubig, verblassende lila-farbene Buchstaben aus dem Matrizendrucker: Zeitdokumente. "Beim Lesen hatte ich oft Gänsehaut", sagt Detlef Reckin. Er selbst wurde für die SPD – er half bei der Gründung des Ortsvereins – ins erste Stadtparlament gewählt. "Wir mussten damals ein Grundgerüst schaffen", erinnert er sich. Auch in der Partei. "Eine große Stütze war uns die SPD aus Reinickendorf. Die Berliner wollten die jungen Genossen unterstützen." Selbst Berlins früherer Bürgermeister Walter Momper (SPD) kam raus in die Kleinstadt nach Brandenburg. "Die Berliner haben uns an die Hand genommen", sagt Reckin. Bevormundet habe sich niemand gefühlt. "Sie haben uns eher gesagt, worauf wir achten könnten."

Auf erste Diäten verzichtet

Die SPD war erst wenige Monate alt, als das neue Stadtparlament seine Arbeit aufnahm. "Wir wollten etwas bewegen", erinnert sich Detlef Reckin an den unbändigen Enthusiasmus von damals. Kremmen hatte als Stadt rund 2 700 Einwohner (heute sind es 3 400). Auf ihre Aufwandsentschädigung verzichteten die Mitglieder der SVV übrigens "aus der finanziellen Notlage heraus". Sie hätten monatlich 60 DM, der Vorsitzende 40 DM in Anspruch nehmen können. Die Diäten wurden gespendet: "Insgesamt 9 936 DM stellten sie der Rußland-Hilfe und dem Feierabendheim in Kremmen zur Verfügung", heißt es in einem späteren Protokoll. Der erste Parlamentsvorsitzende in Kremmen war Harald Kretzschmar, seine Stellvertreter: Bernd Hofer und Christoph Brunner.

Was Detlef Reckin heute positiv bemerkt: "Wir haben sehr schnell und früh Gerhard Henniger zum Ehrenbürger gemacht." In einem in der Juli-Sitzung eingebrachten Antrag vom Neuen Forum heißt es: "In unserer heutigen Situation sind wir dankbar für jeden Rat und Hinweis, den wir von Herrn Henniger erhalten. Wir hoffen, dass er uns noch lange beratend zur Seite steht, damit auch er seine Heimatstadt schöner als jetzt erleben kann." Die Ehrung wurde einstimmig beschlossen.

In der Sitzung vom 13. September 1990 wurde der stellvertretende Schuldirektor und Bio-Lehrer ausgezeichnet. Stadtbibliothekarin und Abgeordnete Ilse Grothe vom Neuen Forum hielt die Laudatio. "Vor Gerhard Henniger hatten alle Respekt", sagt Detlef Reckin. Dass sich das Parlament neben der Aufbauarbeit mit einem Ehrenbürger befasste, überrascht den heute 65 Jahre alten Ruheständler immer noch.

In der Sitzung vom 3. Juli ging es zudem um die Umbenennung der Wilhelm-Pieck-Straße in die Ruppiner Straße und des Ernst-Thälmann-Platzes in Marktplatz. Eine Bürgerbefragung sollte es dazu geben. Gerhard Henniger brachte sich mit ein. Er verwies laut Protokoll darauf, dass zudem ein alter Beschluss bestehe, "der den Kremmener Park als Stalin-Park deklariert" habe. Dieser müsse endlich aufgehoben werden. "Spontan", so das Protokoll, sei in dieser Sitzung die Idee entstanden, das grüne, aber trotz Parkwächter vernachlässigte Areal Stadtpark zu nennen.

"Er hat uns oft mit Stasi gedroht"

Das Motto des Kremmener Neuaufbaus: "Alles, was Stasi war, sollte weg. Die Aufarbeitung folgte später." Debatten über die Vergangenheit einzelner Personen sind deshalb kaum zu finden in den ersten Protokollen. Nur über die Ausschussmitgliedschaft eines ehemaligen Parteisekretärs wurde gesprochen. Er habe bei Versammlungen "oft mit der Stasi gedroht", heißt es. Doch die Fachkompetenz als Tierarzt war für die Abgeordneten wichtiger. Sie ließen den einstigen Funktionär im Sozialausschuss. Wenn auch denkbar knapp: sieben Abgeordneten stimmten dafür, sechs dagegen, vier enthielten sich.

Im September sollten die Abgeordneten eine Erklärung zur Verbindung zum Ministerium für Staatssicherheit abgeben. Bürgermeister Kinne bezeichnete diese als eine dem Bürger schuldige "Ehrenerklärung". Rainer Senger erklärte, dass er als Abteilungsleiter verpflichtet gewesen sei, Kontakt zur Stasi zu pflegen. "Es war aber nicht zum Nachteil von einzelnen Bürgern", sagte er. Um diesen Zusatz wurde die Erklärung ergänzt. 13 Stadtverordnete stimmten für die Erklärung, einer dagegen.

Schon damals wurde lebhaft diskutiert. Die Kremmener hakten nach, wollten sich nicht hinters Licht führen lassen. So wie eine Frau Schenk, die sich im Juli 1990 erkundigte, ob ehemalige Kolleginnen beim Rat der Stadt entlassen worden seien. Bürgermeister Kinne: "Nein, sie haben auf eigenen Wunsch aufgehört." Kinne musste sich auf Nachfrage erklären, warum noch kein Stadtbebauungsplan erarbeitet wurde. Immerhin konnte er, da HO-Läden schließen würden, eine Kaufhalle in der Ruppiner Chaussee in Aussicht stellen (zu späteren Sitzungen sollte er von Rewe sprechen). Zufrieden war damit so gut wie niemand.

Christoph Brunner bemängelte, dass es seit Jahren keine Konzeption für die Stadtentwicklung gebe (Randnotiz vom Redakteur: Der Ton von Brunner ist unverkennbar der unverblümte und direkte, den er heute noch anschlägt). Mit dem Konsum sollte die Versorgung in Kremmen aufrechterhalten werden. Von der HO fühlten sich einige hintergangen. Gerhard Henniger meinte: "Die Bevölkerung der DDR hat sich entschlossen, sich der BRD anzuschließen. Wir können der HO nichts mehr vorschreiben. Wenn sie zumachen will, macht sie zu." Im Protokoll heißt es an einer Stelle, die keinem Redner zugeordnet ist: "Bevölkerung fordert: nicht reden, sondern handeln, nicht schließen, wenn nichts Neues da ist!"

Sacharbeit und Machtspiele

Kremmens Diskussionskultur war geboren. Der Aufschwung hielt eine ganze Weile an. "Wir dachten, wir erfinden das Fahrrad neu. Wir konnten etwas bewegen. Auch wenn wir nicht immer so genau wussten, was dabei herauskommt", sagt Detlef Reckin rückblickend. Doch der politische Alltag holte die Politiker ein. "Nach einigen Monaten haben wir gemerkt, dass die Sacharbeit enorm ist. Das war mehr Arbeit als heute, wo wir eine starke Verwaltung haben, die einem viel abnimmt."

Im September 1990 wurde aus dem "Rat der Stadt" übrigens die "Stadtverwaltung". Bürgermeister Michael Kinne begründete das mit dem höheren Stellenwert, den Stadtverordnete und Beigeordnete nun hätten. "Die Angestellten im Rathaus mit dem Bürgermeister an der Spitze haben ja ‚nur‘ die Aufgaben, diese Entscheidungen und Beschlüsse in die Tat umzusetzen", heißt es in der Beschlussvorlage.

Kremmen hatte viel zu entscheiden. Doch die Heuschrecken kamen. So drückt sich Detlef Reckin aus. "Westdeutsche, die uns alles Mögliche verkaufen und Bauland schaffen wollten. Da wurde man hellhörig. Das war nicht immer im Interesse aller Abgeordneter." Es sei oft nicht mehr um Kremmen gegangen. Vielleicht wurden Fehlentscheidungen getroffen, Projekte aus persönlichen Befindlichkeiten heraus zu schnell abgelehnt. Es ging plötzlich um Machtspielchen. Ein wenig erinnert das an heutige Sitzungen.

Detlef Reckin zog sich 1994 aus diesen Gründen aus der Politik zurück, um 2008 als Stadtparlamentsvorsteher zurückzukehren. 2018 hörte er endgültig auf. Und ist froh, dem Kleinstadt-Ränkespiel entkommen zu sein. Sein Rückblick in die Nachwendezeit ist ein emotionaler. Erinnerungen, die nicht so schnell verblassen wie die Schreibmaschinenbuchstaben auf den 30 Jahre alten Protokollen.

Mitglieder des ersten Parlaments nach der Wende

Bei den ersten Kommunalwahlen nach der Wende am 6. Mai 1990 lag die Wahlbeteiligung in Kremmen bei 80,93 Prozent.

Ins Stadtparlament gewählt wurden:Heinz Wetzel, Horst Prützmann, Siegfried Mühle, Werner Marzahn, Heike Schmidtsdorf, Berndt Hofer, Erna Wurzel, Siegrfried Buhlan, Brigitte Streibel, Christoph Brunner, Uwe Reitmann, Manfred Schöneberg, Ilse Grothe, Hans-Rainer Senger, Harald Kretzschmar, Detlef Reckin, Werner Schmidt, Helga Gerstmeier und Axel Schlüter.

Vorsitzender war Harald Kretzschmar.⇥win

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