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Fußball
Aufgeben ist nicht das Ding des Sebastian Jankowski

Edgar Nemschok / 03.07.2020, 18:30 Uhr
Seelow (MOZ) Es sind diese magischen Momente, die ein Fußballspieler nie vergisst. Vor allem einer wie Sebastian Jankowski, der für seinen Sport lebt. Es läuft die 93. Minute. Das Spiel steht 1:1, Victoria Seelow hatte erst kurz vor Ablauf der regulären Spielzeit den Ausgleich kassieren müssen. "Weiter, weiter", ruft der polnische Offensivakteur mit der Rückennummer 7 in der für ihn typischen Art und treibt seine Mannschaft noch einmal nach vorn. Die Seelower haben Anstoß, ein weiter Ball in den gegnerischen Strafraum, und "Basti fantasti", wie ihn viele danach nennen sollten, hämmert den Ball mit seinem starken linken Fuß unter die Querlatte. Was danach in der Kabine los war ...

Mehr als 16 Jahre trug Jankowski das Victoria-Trikot. Den Entschluss, den Verein nach dieser kleinen Ewigkeit zu verlassen, hatte er schon im Winter gefasst. "Ich wollte dann aber doch noch einmal helfen und die Saison zu Ende spielen. Nach Gesprächen mit Präsident Roland Bienwald und Teammanager Jörg Schröder, mit der Mannschaft und Trainer Peter Flaig stand fest, dass ich im Sommer aufhöre. Dass uns Corona nun einen Strich durch die Rechnung gemacht hat, ist natürlich schade", sagt der 39-Jährige. Jetzt hofft er, dass sich der Verein vielleicht noch eine Überraschung zum Abschied einfallen lässt. Aber da wird der Präsident sicher eine Idee haben ...

Jankowski wurde in der Saison 2004/05 mit 23 Treffern Torschützenkönig der Landesliga Nord. Es folgten der Aufstieg in die Brandenburg- und vor fünf Jahren erstmals in die Oberliga. In der Saison 17/18 ging es noch einmal runter, prompt aber gelangen der Titelgewinn in der höchsten Spielklasse des Landes und die Rückkehr in die 5. Liga. 2016/17 gehörte er der zweiten Männermannschaft an, die den Aufstieg in die Landesklasse feiern konnte, wurde im gleichen Jahr mit den Seelower Altherren Kreismeister von Ostbrandenburg in der AK 35.

Alle Fußballer, die Sebastian Jankowski kennen –  und das sind in ganz Brandenburg wahrlich nicht wenige –, schätzen ihn als leidenschaftlichen und absolut fairen Sportsmann. "Doch, einmal habe ich eine Rote Karte bekommen", antwortet er auf die entsprechende Frage. "Es war eine Dummheit, nach einem Wortgefecht mit wirklich unschönen Schimpfworten auf Deutsch und auf Polnisch musste ich den Platz verlassen." Man spürt regelrecht, dass er sich darüber noch heute ärgert.

Er ist aber auch ein Spieler mit der sprichwörtlichen Pferdelunge. Mit seinen 39 Jahren läuft der durchtrainierte Pole wahrscheinlich auch heute noch so manch jüngerem Spieler problemlos davon. Es ist der unbedingte Wille, gut zu spielen, zu gewinnen und vor allem nie aufzugeben. Diese Lebensphilosophie hat er sich zu eigen gemacht. "Ich bin Sportlehrer an der Seelower Oberschule, und meine Schüler sollen sehen und erkennen, dass ein hohes Maß an Fitness wichtig fürs Leben ist. Ich will da ein Vorbild sein. Alles, was ich von ihnen verlange, will auch selber vor- oder zumindest mitmachen." Jankowski raucht nicht, trinkt selten Alkohol und versucht sich nach einem Plan gesund zu ernähren. "Da passt auch meine Frau Karolina auf." Sie arbeitet – wie passend – in einem Fitness-Studio.

"Ich bin jetzt in einem Alter, in dem ich mich auch um meine Familie und um mich kümmern muss." Dreimal in der Woche Training, fast jedes Wochenende ein Spiel mit langen Fahrten zum Beispiel nach  Rostock, Greifswald oder Stendal, der Job in Seelow und nun auch die Fußballakademie in seiner Heimatstadt, wo er die U-10-Kicker betreut, forderten eine Menge Kraft von dem Energiebündel. Zudem hat er ein Haus gekauft, das nunmehr Stück für Stück aus- und umgebaut wird. "Es gab Zeiten, in denen war ich öfter in Seelow als zu Hause in Kostrzyn."

Allerdings, die Töppen ganz an den Nagel zu hängen, das ist nichts für ihn. Und so trainiert er schon seit einiger Zeit wieder beim TS Celuloza Kostrzyn nad Odrą. Der Club spielt in der 5. polnischen Liga. Diese ist, da es im Nachbarland ein etwas anderes System gibt, vergleichbar mit der hiesigen Landesliga. Und schon hat sich Jankowski neue sportliche Ziele gesteckt, denn vor dem jüngsten Mannschaftstraining sagte er: "Jungs, wir haben eine Chance, um den Aufstieg mitzuspielen." Zweifeln daran, dass dieses Ziel tatsächlich umgesetzt wird, hat kaum jemand.

Dass er einst nach Seelow kam, war wie ein Ergebnis der deutsch-polnischen  Freundschaft: Ryszard Skałba, damaliger Bürgermeister von Kostrzyn und großer Fußballfan, stellte Jörg Schröder, zu jener Zeit Cheftrainer der Victoria, den 22-Jährigen vor. "Ich erinnere mich gut. Sein Laufstil war ungewöhnlich, aber als er im Probetraining die Bälle reihenweise in den rechten und linken Dreiangel versenkte, habe ich kurz entschlossen gesagt: Der bleibt hier. Wir hatten viel Freude an Bastis Spielweise und vor allem an den unzähligen Toren, die er für den Verein geschossen hat", schwärmt Schröder.

Wie fast jeder Fußballer hatte auch Sebastian Jankowski den Traum, Profi zu werden. Er stand auch einmal kurz vor einer Vertragsunterzeichnung beim Zweitligaverein Zagłębie Dąbrowskie. Doch daraus wurde nichts. Der Grund: Viktoria. Die Tochter kam mitten in den Vertragsverhandlungen zur Welt. Seine Familie brauchte ihn und plötzlich war Fußball Nebensache. Heute sagt er: "Es war richtig so, das Sport-Studium zu absolvieren, beim SV Victoria Seelow und letztlich zu Hause zu bleiben." Seine Tochter ist inzwischen 14 und als Linksfuß, wie der Vater, sogar schon in die polnische Nachwuchsnationalmannschaft berufen worden.

Und wie ist es um den Lieblingsverein und ein heimliches Idol bestellt? Bei letzterem ist es keine große Überraschung: "Robert Lewandowski – ein Profi durch und durch." Jankowski erzählt mit Begeisterung, wie er den Stürmer des FC Bayern in dessen Haus in der Nähe von München persönlich kennengelernt hat. Sein Lieblingsverein kommt indes aus Italien: Associazione Calcio Milan, kurz AC Mailand. "Im nächsten Jahr werde ich 40 und der Geburtstag wird im Stadio Giuseppe Meazza, ehemals San Siro gefeiert", freut er sich schon heute.

Auf eine letzte Frage gibt er dann noch eine klare Antwort. Was, wenn Victoria Seelow noch einmal um Hilfe ruft? Sebastian Jankowski lacht und sagt: "Nein".

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