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"Ein Paradies mit Schönheitsfehlern"

JKUEHLN / 22.01.2008, 05:01 Uhr
Sauen Peter Schilling hat seine Jugend in Sauen in seine Memoiren einfließen lassen. Sein Heimatdorf bezeichnet er darin als ein "Paradies mit kleinen Schönheitsfehlern". Insgesamt zeichnet er ein zwiespältiges Bild des Dorfes seiner Jugend.

1923 kam der kleine Peter in Lage an der Lippe zur Welt. 1933 bezog sein Vater die Pfarrstelle in Sauen. So zog der Zehnjährige mit seinen Eltern und zwei Geschwistern in das dortige Pfarrhaus ein. "Ich hatte bis dahin in der Industriestadt Neunkirchen im Saarland gelebt, Sauen erschien mir als Paradies." Ein halbes Jahr ging er in die Sauener Dorfschule, dann in die Beeskower Mittelschule, die heutige Gesamtschule. "In Sauen beginnt mein Erwachen ins Leben" schreibt Schilling in seinen Erinnerungen. In Sauen habe er sich gleich heimisch gefühlt, obwohl die Familie in der ersten Zeit Schwierigkeiten hatte, sich ins Dorfleben einzufügen: "Meine Beziehungen zu den Dorfkindern wurden von Beginn an scharf beschnitten. Vati untersagte es ganz einfach, und Mutti sah es mit gemischten Gefühlen, wenn ich von meinen neuen Spielkameraden eine Ausdrucksweise und ein Benehmen übernahm, das ihr nicht gefiel." Erst als Schilling in die Beeskower Mittelschule ging, habe er Freunde gefunden, an denen seine Eltern nichts auszusetzen hatten. Die dörflichen Regeln waren für den ehemaligen Städter rasch zu erlernen: Der eigentliche, im allgemeinen unsichtbare "Gebieter" des Dorfes sei damals der Schlossherr, Geheimrat Professor Dr. August Bier gewesen. Auf das Gutshaus sei das gesamte Dorfleben damals zugeschnitten gewesen (s. Textauszug im Kasten).

"Die Jugend auf dem Dorf ist eine Besonderheit, die mich wohl lebenslänglich zum Provinzler geprägt hat. Ich bekenne mich dazu und sehe diesen Charakterzug auch nicht als einen Nachteil", resummiert Schilling.

Wenn man Schillings weitere abenteuerliche Biografie betrachtet, wirkt es allerdings erstaunlich, dass ausgerechnet die Jugendjahre in Sauen für ihn so prägend gewesen sein sollen: Kriegseinsatz und Desertion in die Schweiz, Mitarbeit in der Résistance in Frankreich, Internierung, Rückkehr nach Deutschland, Studium und Berufstätigkeit als Journalist und Sozialarbeiter in Ost und West, Zuträgerdienste für die Stasi.

Wie er trotz seiner Erfahrungen im Totalitarismus Nazideutschlands dazu kam, für den Überwachungsapparat einer anderen Diktatur zu arbeiten, kann Schilling rückblickend nur mit den "Brüchen, die die Entwicklung eines Menschen so mit sich bringen kann" erklären.

Nach der Wende besucht er erstmals seit etwa einem halben Jahrhundert wieder den Ort seiner Jugend: "Ich war erregt. Am Dorfeingang hätte ich am liebsten den Boden geküsst." Das Dorfbild von Sauen sei völlig unverändert gewesen. Besonders habe ihn die Stille beeindruckt. "Damals war mir diese Stille nicht so bewusst, oder ich habe sie jedenfalls nicht als so wohltuend erfahren." Heute lebt Peter Schilling in Holland, hält gelegentlich Vorträge über zeitgeschichtliche Themen, die er aus seiner Lebensperspektive heraus analysiert. Bis vor drei Jahren ist er an Beeskower Schulen als Zeitzeuge aufgetreten. Das ist ihm jetzt aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich.

"Das Rittergut nahm eine zentrale Position ein. Daneben gab es noch einige selbständige Bauern mit ihrem Gesinde, Ackerbauern, die vor allem Kartoffeln und Getreide anbauten. Die Viehwirtschaft spielte nur eine beiläufige Rolle. Im Dorf selbst, gleich neben der Schule, gab es als einzigen selbständigen handwerklichen Betrieb eine Schmiede. Eine zweite Schmiede, sowie eine Stellmacherei, in der auch sonstige Tischlerarbeiten gemacht wurden, befand sich auf dem Gutshof. Ein weiteres Handwerk übte ein älterer Mann aus, ein Korbmacher, der seine Weidenruten im Dorfteich weichte und am Ufer seine Körbe flocht.

Ein kümmerliches Dasein fristeten zwei Krämerläden. Am Dorfausgang nach Drahendorf war der Laden der Familie Kramer. Dort durften wir evangelischen Pfarrerskinder nur in seltenen Ausnahmefällen rasch etwas holen, Familie Kramer war nämlich katholisch."

(Auszug aus Peter Schilling, Aus anderem Holz geschnitzt, Bezugsquelle: www.bod.de)

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