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Der Scheunentreff am Kirchweg

Kaffeeklatsch mit Stift und Zettel: Im Wintergarten von Renate und Joachim Krause erfuhr Melanie Reinsch so einiges aus dem Leben des Gellmersdorfer Ehepaares.
Kaffeeklatsch mit Stift und Zettel: Im Wintergarten von Renate und Joachim Krause erfuhr Melanie Reinsch so einiges aus dem Leben des Gellmersdorfer Ehepaares. © Foto: Stefan Csevi
Melanie Reinsch / 27.07.2011, 21:02 Uhr
Gellmersdorf (In House) Für ein Frühstück war es dann doch schon zu spät. 14 Uhr ist ja eher Kuchenzeit. So klingelte die MOZ lieber mit leckerem Gebäck bei den Krauses in Gellmersdorf. Im Wintergarten erzählte das Ehepaar vom Dorfleben, von ihrer Kindheit und von glücklichen und traurigen Zeiten.

Der Anruf kam mitten in der Nacht. „Wir waren gerade im Urlaub an der Ostsee, da rief mich ein Kollege an und sagte mir, dass unsere Scheune brennt“, erinnert sich Joachim Krause an das Jahr 2002, während er sich duftenden Kaffee nachschenkt. „Meine Frau und ich sind mit 180 zurück nach Gellmersdorf gefahren.“ Doch das Ehepaar fand nur noch eine zerstörte Hütte vor. Brandstiftung ermittelte die Polizei, doch der Täter wurde nie geschnappt. „Wir haben eine Vermutung, wer die Scheune damals angesteckt hat. Aber das ist nicht bewiesen“, sagt Krause. Vier Winterreifen, nicht ausgepackte Umzugskartons, Skier – all das verbrannte zu Staub und Asche.

Doch die Gellmersdorfer halten zusammen, wenn ein Bewohner in Not ist: Alle Nachbarn packten mit an und setzten Stein auf Stein und Brett an Brett, um die Scheune im Garten wieder neu zu errichten. „Seitdem veranstalte ich jeden Sonntag einen kleinen Frühschoppen als Dankeschön. Dann gibt es für alle ein, zwei Bier.“ Zu einem richtigen Dorftreff hat sich die Hütte im Garten der Krauses entwickelt. „Das ist hier ein zweiter Vereinstreff“, sagt Renate Krause, die in der Wolletzklinik als Reinigungskraft arbeitet. Jeden Dienstag spielen sich Dorfbewohner Tischtennisbälle zu oder werfen spitze Pfeile auf Dartscheiben.

Doch dem Gellmersdorfer Dorfteich läuft Krauses Scheunentreff noch lange nicht den Rang ab. „Den gabs schon immer hier. Im Winter habe ich als Kind nach der Schule meine Mappe in die Ecke geschmissen und bin dort Schlittschuh gelaufen. Im Sommer waren wir sogar baden“, erinnert sich der Rentner, der genau wie Renate Krause in Gellmersdorf geboren wurde und auch hier aufwuchs. Schon damals kannten sich beide. Doch der berühmte Funke sprang erst bei Renate Krauses Abschlussfeier der zehnten Klasse über. Sie zarte 16 und er 21 Jahre alt. Seitdem sind sie ein Paar.

Noch heute ist der Teich ein Anziehungspunkt: Die Gellmersdorfer gehen mit ihren Hunden Gassi, genießen die Ruhe auf den Bänken oder gehen einfach nur spazieren. „Im letzten Winter habe ich mich überreden lassen, Eishockey zu spielen. Das endete mit einer gebrochenen Hand und einer kaputten Brille“, gibt Krause etwas verlegen zu. Früher deckte der Teich eine viel größere Wasserfläche ab. „Bis dort und dort“ – Joachim Krause zieht mit seinem Zeigefinger einen großen Bogen vom Weg bis zur Koppel – „ging das Wasser damals“. Außerdem ist das Gewässer in der Mitte fast zweigeteilt, unzählige Schilfpflanzen wuchern im Wasser und stören die Sicht auf den See. „Das muss dringend entfernt werden. Vor Jahren haben wir das schon angesprochen. Aber wer soll das bezahlen?“, fragt der 61-Jährige.

Auf der anderen Seite hat sich das Ortsbild im Laufe der Zeit zum Positiven verändert. „Früher wurde nicht so viel gemacht, es fehlte das Geld. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass so oft Rasen gemäht wurde. Alles ist jetzt viel sauberer “, sagt Krause und piekst in seinen Kuchen.

Doch von nichts kommt auch nichts: „Wir haben gerade einen Stein mit der Aufschrift 'Kirchweg seit 2003' anfertigen lassen“, erzählt Renate Krause. Jeder Anwohner der Straße spendete für diese Dorf-Verschönerung zehn Euro. Feierlich eingeweiht wurde er erst vor einigen Wochen: beim jährlichen Kirchwegfest. „Wir sind die einzige Straße, die so etwas macht“, erzählt Renate Krause nicht ohne Stolz. Seit sieben Jahren wird an einem Tag im Sommer gegrillt, gefeiert und gelacht. Natürlich dürfen nur „Kirchwegler“ daran teilnehmen. In Gellmersdorf wird halt enger zusammengerückt, denn der Angermünder Ortsteil verliert – wie so viele andere Dörfer auch – zunehmend an Einwohnern. „In den 60ern lebten hier etwa 300 Einwohner, jetzt sind es nur noch 200. Die Jugend ist weg, die zieht der Arbeit hinterher“, meint der Gellmersdorfer.

Nicht nur die Menschen verlassen die Gegend. Auch die Gaststätte und der Dorfkonsum schlossen ihre Türen nach der Wende. Wenn Renate Krause beim Einkaufen in der Stadt Zucker oder Milch vergisst, muss sie mit dem Auto wieder ins neun Kilometer entfernte Angermünde fahren. Die gelernte Industriekauffrau vermisst das Stadtleben und würde gerne zurück nach Angermünde ziehen, denn dort hat das Paar 26 Jahre nach seiner Hochzeit gelebt. „Ich bin ein impulsiver Mensch, ich brauche Leute um mich. Durch meinen Beruf bin ich immer mit vielen Leuten zusammen gewesen“, beklagt die 57-Jährige. Doch momentan pflegt sie ihre Mutter zu Hause, so dass ein Umzug nicht in Frage kommt. „Das war die schönste Zeit unseres Lebens in Angermünde, da haben wir auch unseren Sohn und unsere Tochter bekommen“, erinnert sie sich. Nicht nur die anderthalb Zimmer in der Pestalozzistraße teilte das Paar, auch den Weg zur Arbeit: zum Kreisbetrieb für Landtechnik (KfL). Während sie ihren Tag im Büro verbrachte, reparierte er Traktoren und Maschinen.

Das Umfeld und Leben der Krauses bewegte sich stets, doch eine Konstante existierte immer: Ihre Ehe hielt bis zum heutigen Tag an.

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