Die Jungs von Siemens haben Humor. "eHighway" steht auf einem nachgebauten typischen blauen Autobahnwegweiser. Darunter: "elektrisch in die Zukunft". Ansonsten sieht die über zwei Kilometer lange Betonpiste im Wald bei Groß Dölln täuschend echt aus. Ein Stück Autobahn ohne Anschluss. Mit Leitplanken, Verkehrsschildern, Markierungen. Nur die Oberleitungen passen nicht so recht ins gewohnte Blickfeld des Autofahrers.
Der "eHighway" ist eine Teststrecke der Firma Siemens, unterstützt vom Bundesumweltministerium. Auf der früheren Start- und Landebahn eines längst aufgegebenen russischen Militärflugplatzes könnte die Entwicklung elektrisch betriebenen Güterverkehrs auf herkömmlichen Straßen beginnen. Das jedenfalls verkündet ein mit Tempo 80 vorbeidonnernder weißer Lastwagen. "Ich bin ein Stromer" steht auf der Seite, darunter ein grünes Steckdosenkabel. Der Laster hebt über dem Dach des Fahrerhauses einen Arm in die Höhe und klickt unter die Oberleitung. Dann pfeift er weiter mit Tempo 80 auf der Schein-Autobahn. An deren Ende lässt der Fahrer die große Gabel absenken, ein normaler Motor springt an, und der "Stromer" wird wieder zum Diesel.
Der Unterschied zum bekannten O-Bus: Die neue Siemens-Technologie schränkt die Mobilität des Fahrzeugs nicht ein. Der Lkw sieht nicht nur fast normal aus - er kann sich überall frei bewegen, kann überholen, abbiegen und bei Stromausfall weiterrollen. Findet ein Scanner am Bug irgendwo eine Stromleitung, greift sich der speziell konstruierte Abnehmer die Energie von oben.
Möglicherweise könnte so ein Teil des großen Güterverkehrs auf Autobahnen und Fernstraßen als Alternative zu herkömmlichen Antriebsarten laufen. Denn der Stromer ist wählerisch. Er nimmt - so will es das Forschungsziel - hauptsächlich erneuerbare Energien aus Wind und Sonne.
In Groß Dölln kommt der Strom aus dem direkt daneben befindlichen Solarkraftwerk von Belectric. Und so ist die einst ungeliebte riesige Militärfläche in den vergangenen Jahren zu einem Freiluft-Forschungslabor in uckermärkischer Waldeinsamkeit geworden. Während auf dem Driving-Center nebenan Fahrsicherheitstrainings stattfinden und die Autobranche ihre neuesten Entwicklungen testet, probt Siemens die Elektro-Mobilität auf dem "eHighway" für den Serienstart.
Einer der Macher ist Michael Lehmann. Er pendelt zwischen Erlangen und Groß Dölln. Doch eigentlich stammt der junge Verkehrsingenieur aus Schwedt. Er hat sich nicht träumen lassen, einst auf dienstlichem Wege nun doch wieder in der Heimat zu landen. Gemeinsam mit einem Team und den Fahrern werden auf der Anlage die Fahrzeuge, die Oberleitungen und der mögliche ökonomischen Nutzen untersucht. Das zieht sich noch bis 2014 hin. Dann folgen Versuche an öffentlichen Straßen.
Michael Lehmann ist zuversichtlich. "Eigentlich sind wir fast verspätet zu diesem Anwendungsfeld zurückgekommen." Denn schon Werner Siemens habe im 19. Jahrhundert die Elektro-Droschke getestet. Faktisch war das der erste O-Bus. Die Versuchsstrecke dazu befand sich damals nicht in der Uckermark, sondern in Berlin und war nur 500 Meter lang.