Etwas ist anders. Ganz anders. Als sich die heute 24-jährige Ann Wambere Ngirita 2011 entscheidet, ein Au-Pair-Jahr in Deutschland zu verbringen, geht sie nicht ins Ausland, um eine andere Sprache zu lernen. Sie ist auch nicht auf der Suche nach kulturellen Erfahrungen. Sie will keine neuen Freunde gewinnen. Die Kenianerin hat Angst. Angst davor, dass man ihre Geschlechtsteile verstümmelt, sie nie wieder dieselbe ist, die sie vorher war. Sie flieht vor einer religiösen Praxis.
Zwei Jahre ist das jetzt her. Seit gut einem Jahr lebt sie im Übergangsheim für Asylbewerber in Treskow. Sie hat sich etwas anderes vorgestellt. Man kann es in ihrem Blick lesen. Obwohl sie das enge Zimmer in Treskow immerhin mit ihrem Freund teilen darf. Ihre Augen blitzen kurz auf, als sie von ihm erzählt. Dann kehrt er wieder, der skeptische Blick.
Zwei Piercings bohren sich durch die Nase und die Oberlippen der jungen Frau. Ihr schönes breites Lächeln zeigt sie nur selten. Es scheint, als wäre die Angst doch noch da. Ganz tief unten. Schließlich ist nicht entschieden, ob Ann Wambere wieder zurück nach Afrika muss. Ihr Asylantrag läuft noch. Wird der abgewiesen, droht ihr wieder der unfassbar grausame religiöse Ritus. Knapp 60 Prozent der rund 20 Millionen Frauen in Kenia sind beschnitten. Vielen von ihnen wurde der äußere Teil der Klitoris einfach abgetrennt, anderen schnitt man Teile der Schamlippen ab.
Ann Wambere trägt ein Band aus kleinen Perlen um den Arm: Sie ergeben das Bild der kenianischen Flagge, daneben steht ihr Spitzname Anita. Es ist ihr einziger Bezug zur alten Heimat. Seitdem sie weg ist, hat sie ihrer Familie weder Post geschickt, noch angerufen. Nicht einmal ein Foto hat sie mitgenommen. Ihr altes Leben ist vorbei. Sie lässt den Blick durch den Raum wandern.
Ihr neues Leben findet sie "not bad", wie sie in einwandfreiem Englisch sagt. Aber man merkt, dass "nicht schlecht" auch nicht unbedingt "gut" bedeutet. Vor allem weil viele Tage im vergangenen Jahr ziemlich "boring", also langweilig, waren. Wie viele der Bewohner in Treskow darf auch Ann Wambere nicht arbeiten gehen. Die Tage gleichen sich: Morgens geht sie joggen - von Treskow bis zum Krankenhaus. Dann eine Dusche, Frühstück, Mittag, Abendbrot. Zwischendurch ab und zu mal "Shopping", das war's. Zum Großeinkauf reicht das bisschen Geld, das sie zusammenkratzen kann aber sowieso nie.
Trotzdem ist sie optimistisch. Ihr blondiertes Haar hat sie sich zu einem kleinen Zopf gebunden. Als wollte sie sagen: Haare zurück, Ärmel hoch! Seit zwei Monaten lernt Ann Wambere jeden Tag sechs Stunden Deutsch. Unterricht wie in einer gewöhnlichen Klasse. Ihr Vorsprung in Englisch hilft ihr: Sie ist Klassenbeste, die schlechteste Note, die sie bisher erhalten hat, war eine Zwei. Ein kurzes Lächeln.
"Ich möchte bleiben", sagt sie auf Deutsch. Dafür liest die junge Kenianerin fast täglich Zeitung und strengt sich im Sprachunterricht an. Ihr Zukunftswunsch? Sie überlegt nicht lange: "Hotelmanagement". Beruf gleich Zukunft. Und nie wieder Angst.