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Konzert am 9. November
Dem Glienicker Musiker Anselm Fitzkow liefen die Zuhörer davon

Gab am 9. November 1989 ein Konzert in Köpenick: Der Glienicker Musiker Anselm Fitzkow.
Gab am 9. November 1989 ein Konzert in Köpenick: Der Glienicker Musiker Anselm Fitzkow. © Foto: Jürgen Liebezeit
Jürgen Liebezeit / 09.11.2019, 09:00 Uhr
Glienicke (MOZ) Es lag nicht an der Qualität der Musiker, sondern am historischen Ereignis, dass der Glie­nicker Band "Universal" abends am 9. November die Zuhörer wegliefen. Zu den Musikern gehörte auch der Glienicker Anselm Fitzkow.

"Bis zur Wende spielte ich nebenberuflich, mehr schlecht als recht, in der Band. Wir traten nicht nur bei öffentlichen Events, sondern auch bei geschlossenen Veranstaltungen auf", berichtet er von seinen musikalischen Anfängen. So war es auch am 9. November vor 30 Jahren. "In Köpenick mussten wir ein ‚Sammelsurium’ an Genossen aus dem oberen Berliner Kreis unterhalten. Es wurde aufgetafelt, was das Zeug hielt. Geld spielte offenbar keine Rolle. Gebechert wurde ohne Einschränkungen", so Fitzkow. In der Pause kam es mit einer Besucherin wegen unterschiedlicher Auffassungen zum allgemeinen Aufbegehren in der DDR zu einem lauten Streitgespräch, das eskalierte. "Irgendwie herrschte Endzeitstimmung."

Anselm Fitzkow berichtet: "Plötzlich rannte einer in die Mitte des Raumes und brüllte:  ‚Die Mauer ist auf!’ Stille. In extrem kurzer Zeit und lange vor dem offiziellen Ende der Veranstaltung leerte sich der Saal. Wir packten unser Equipment zusammen und fuhren los. An der Heinrich-Heine-Straße war alles dicht. Wir fuhren zur Bornholmer Straße, mussten aber wegen der Menschenmassen noch vor der Überquerung der Schönhauser Allee irgendwo parken. Dann ging es zu Fuß weiter. Die Bösebrücke passierten wir ohne Kontrolle und völlig komplikationslos. Überall lagen sich Menschen in den Armen. Wir schafften es bis zu einem griechischen Restaurant am Luise-Schroeder-Platz. Als wir uns als ‚Ossis’ outeten, gab es ein riesiges Hallo. Man spendierte uns eine Flasche Ouzo. Die leere Flasche habe ich zum Andenken noch immer. Ein griechischer Taxifahrer machte dann mit uns eine Rundfahrt durch das wimmelnde Westberlin. Auch der Kurfürstendamm wurde befahren. Gegen 4 Uhr war ich wieder zu Hause, pünktlich um 7.15 Uhr am Arbeitsplatz in der Berliner Invalidenstraße. Kaum dort angekommen, kam ein Anruf vom Sekretariat des Institutsdirektors, dass ich mich sofort dort einzufinden hätte. Mir rutschte das Herz in die Hose, war mir doch kurz zuvor meine Ladung vom Staatsanwalt von unserem hauptamtlichen Stasi angekündigt worden. Beim Institutsdirektor war ich nicht der einzige Besucher. Alle damaligen innerbetrieblichen ‚Revoluzzer’ waren geladen worden. Wir saßen um einen Tisch, am Kopfende ergriff der Chef das Wort. Er teilte uns mit, dass der Genosse X, also der Stasi-Mitarbeiter, das Institut aus gesundheitlichen Gründen verlassen habe. Uns fehlten die Worte. Vor dem offenen Fenster allerdings strömten die jubelnden Massen in Richtung Kontrollpunkt vorbei. Da wussten wir, dass eine neue Zeit angebrochen war."

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