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CDU-Kandidatin
"Ich fühle mich nicht als Verliererin"

Holte als Direktkandidatin mehr Stimmen als ihre Partei: Nicole Walter-Mundt (CDU)
Holte als Direktkandidatin mehr Stimmen als ihre Partei: Nicole Walter-Mundt (CDU) © Foto: Tilman Trebs
Tilman Trebs / 14.09.2019, 08:00 Uhr - Aktualisiert 14.09.2019, 11:13
Oranienburg (MOZ) Am Freitagvormittag sitzt Nicole Walter-Mundt in "Grünlers Backstube" in Oranienburg-Süd und ist redselig wie immer. Als sei der Wahlkampf noch nicht vorbei, erläutert sie ihre politischen Positionen, erklärt, warum sie die Dinge sieht, wie sie sie sieht, warum sie handelt, wie sie handelt. Zwölf Tage zuvor hat sie hier in diesem Café ihren Traum vom Einzug in den brandenburgischen Landtag begraben müssen. Resigniert wirkt sie nicht. Natürlich sei sie enttäuscht gewesen, aber sie habe sich nichts vorzuwerfen. "Ich würde alles wieder genauso machen. Ich fühle mich nicht als Verliererin."

Die 42-jährige CDU-Politikerin, die im Mai zum zweiten Mal in die Stadtverordnetenversammlung gewählt wurde und im Kreistag zur Fraktionsvorsitzenden aufgestiegen ist, wollte das Mandat unbedingt. 18 Monate hatte sie so konsequent wie sonst niemand im Wahlkreis 9 (Oranienburg, Leegebruch, Liebenwalde) auf diesen Tag hingearbeitet. Entziehen konnte man sich ihr kaum. Ihr Gesicht war allgegenwärtig. Es dürfte zwischen Leegebruch und Liebenwalde inzwischen jeder kennen. Allein 1 500 Plakate ließ Nicole Walter-Mundt drucken.

Wahlkampf auf allen Kanälen

Man sah sie für einen besseren S-Bahn-Takt demonstrieren und Kindern aus Büchern vorlesen. Beinahe täglich tingelte sie durch die Orte ihres Wahlkreises, sprach mit Anwohnern und entwickelte ein sicheres Gespür dafür, welches Problem sich aufgreifen und vielleicht sogar noch vor dem Wahltag lösen ließe. Sie traf sich mit Modellfliegern, den wegen eines geschützten Vogels auf ihrem Flugplatz die Start- und Landeerlaubnis entzogen worden war. Sie setzte sich für einen Schüler ein, der weit zur Schule fahren musste. Sie stieg mit Gummistiefeln in die Leegebrucher Gräben und trat ihren eigenen Parteifreunden auf die Füße, damit die sich um den wegen möglicher Bomben in Schwierigkeiten geratenen Suppenladen in Oranienburg und die Begradigung des Pinnower Kanals kümmern, damit Leegebruch beim nächsten großen Regen nicht wieder in den Fluten versinkt. Und fast immer war ihr Stadtverordnetenkollege Christian Howe dabei, der das Engagement seiner Parteifreundin werbewirksam dokumentierte und in den sozialen Medien streute. "Mir war wichtig, dass der Wahlkampf meine Arbeit widerspiegelt. Ich wollte niemand anderes sein, irgendeinem Mainstream folgen, sondern die Sorgen der Leute aufnehmen und dann gucken, was man machen kann."

Eine Strategie, die unter anderen Umständen hätte erfolgreich sein können. Ihr Engagement fiel auf. Sie wurde gelobt als eine, die den Leuten zuhört und sich auch um die vermeintlich kleineren Probleme kümmert. Beobachter waren sich sicher, dass solch ein Politikertypus beim Wahlvolk ankommt, die Oranienburgerin beim Rennen um das Direktmandat mit eine aussichtsreiche Rolle spielen kann. Am Ende holte sie als Direktkandidatin zwar fast 1 400 Stimmen mehr als ihre Partei bei den Zweitstimmen. Trotzdem reichte es nicht, weil die AfD mit ihrer reinen Protestattitüde noch mehr Zugkraft entwickelte als Walter-Mundts bürgernahe und unverstellte Art. "Und Dietmar Woidke war offenbar erfolgreich damit, Stimmen für die SPD zu werben, um die AfD als stärkste Partei zu verhindern", vermutet die Christdemokratin.

Sie selbst versteht die Tatsache, besser als ihre eigene Partei abgeschnitten zu haben, als Auftrag, weiterzumachen. "Ich gebe nicht auf, nur weil es einmal nicht geklappt hat. Ich habe ja trotzdem politische Ziele und die will ich noch erreichen. Das kann ich auch auf den unteren Ebenen. Und die gewählten Landtagsabgeordneten werde ich an ihre Versprechen erinnern." Kurze Wege zur Schule, ein besserer Nahverkehr und Bildung bleiben ihre Themen.

An ihrer Art, Politik zu machen, will sie nichts ändern, auch wenn das  nicht allen passt. Denn so viel Zuspruch die Tochter des altgedienten CDU-Stadtverordneten Werner Mundt im Wahlkampf hatte, so sehr musste sie sich auch Kritik anhören. Sie verspreche den Leuten Dinge, die sich nicht halten könne, weil ihre Partei eine andere Linie vertrete, monierte die politische Konkurrenz. "Ich habe den Leuten nie etwas versprochen, außer, dass ich versuche, etwas in ihrem Sinne zu regeln. Ich habe mich auch nie gescheut, meiner Partei neue Ideen auf den Tisch zu legen", verteidigt sie sich. Auch bekam sie zu hören, viel Zeit für den Wahlkampf zu haben, weil sie nicht arbeiten gehe. "Ich arbeite 40 Stunden für die CDU, ich leiste meinen Beitrag und beanspruche kein Geld vom Staat." Stärker als diese Anwürfe haben die Politikerin Seitenhiebe getroffen, die ausgerechnet von Frauen kamen, die sich in anderen Parteien engagieren. Sie bestätigt die Geschichte, die schon seit einiger Zeit die Runde macht. Demnach soll es mal Ideen für ein parteiübergreifendes Netzwerk für Frauen in Oranienburg gegeben haben. Gescheitert sei es, weil die SPD-Genossinnen eine Zusammenarbeit mit der Christdemokratin ablehnten. "Ich wurde auch schon von Frauen auf meine Haarfarbe reduziert, die sonst für Toleranz werben. Das hat mich verblüfft und auch getroffen", sagt die Kreisvorsitzende der CDU-Frauen-Union. "Man muss die Dinge sachlich diskutieren, ohne persönlich zu werden."

Für ihre Partei hofft die Oranienburgerin, dass sie künftig im Land mitregiert. "Auch wenn wir nur 15 Prozent der Wähler erreicht haben, erwarten diese von uns, dass wir Verantwortung übernehmen." Vorzugsweise mit SPD und Grünen. Eine Kooperation mit den Linken lehnt sie wie der Kreisvorsitzende Frank Bommert ab. Dessen Angriffe auf Parteichef Ingo Senftleben nach der Wahl verteidigt sie aber nicht. "Natürlich wurde nicht alles richtig gemacht. Deswegen wirft man aber nicht mit Steinen auf eine Person. Es wäre besser gewesen, die Auseinandersetzung nicht über die Medien zu führen."

Ausgeschlossen ist übrigens nicht, dass Nicole Walter-Mundt noch in den Landtag einzieht. 15 Parteifreunde haben den Sprung über die Landesliste geschafft. Sie selbst stand auf Platz 16. Steigt einer aus, rückt sie nach.

Zur Person

Nicole Walter-Mundt (42) wuchs in Oranienburg auf, lebt in Süd mit ihrem Mann Clemens Walter (44), mit dem sie seit 17 Jahren verheiratet ist, und den beiden Söhnen (10 und 12).

Erstmals trat die Christdemokratin vor fünf Jahren für die Stadtverordnetenversammlung und den Kreistag an und wurde in beide Kommunalparlamente gewählt. Im Kreistag ist sie inzwischen auch Fraktionsvorsitzende.

Sie ist zudem Vorsitzende des CDU-Stadtverbandes Oranienburg und der Frauen Union Oberhavel.

Bei den Landtagswahlen bewarb sich Nicole Walter-Mundt für die CDU um das Direktmandat im Wahlkreis 9 (Oanienburg, Leegebruch, Velten). Sie bekam 20,8 Prozent der Wählerstimmen und landete damit hinter Björn Lüttmann (SPD; 24,9 Prozent) und Andreas Galau (AfD; 22,7 Prozent). Die CDU erreichte im Wahlkreis 15,8 Prozent der Zweitstimmen. Kreisweit kam die Partei auf 16,7 Prozent.⇥til

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