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Die Künstler vom Club Real haben in den vergangenen zwei Jahren für einiges Aufsehen gesorgt / Resümee in einer Ausstellung

Club Real
Ei, Fischtanz und rollender Tisch

Am Anfang war das Ei: Später kam ein rollender Tisch hinzu, mit dem die Künstler Thomas Hauck, Georg Reinhardt (im Ei), Mathias Lenz (mit Kaspar auf dem Schoß) und Marianne Ramsay-Sonneck die Städte künstlerisch unsicher machten.
Am Anfang war das Ei: Später kam ein rollender Tisch hinzu, mit dem die Künstler Thomas Hauck, Georg Reinhardt (im Ei), Mathias Lenz (mit Kaspar auf dem Schoß) und Marianne Ramsay-Sonneck die Städte künstlerisch unsicher machten. © Foto: Michael Benk
Frauke Adesiyan / 05.10.2017, 06:51 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Die Künstler vom Club Real haben in den vergangenen zwei Jahren für einiges Aufsehen in Frankfurt und Slubice gesorgt. Jetzt ziehen sie mit einer Tagung und einer Ausstellung in der Großen Scharrnstraße ein gemischtes Fazit über ihre Zeit als Gastkünstler im Kleist Forum.

Die Zumutung liegt gewissermaßen schon in der Anlage des Förderprogramms. Eine freie Künstlergruppe kommt - gefördert von der Bundeskulturstiftung - an ein Kulturhaus und darf zwei Jahre lang alles - Ausgang offen. "Es geht darum, dass man sich gegenseitig inspiriert und vielleicht auch ein bisschen quält", sagt Georg Reinhardt vom Club Real. Was in Frankfurt in den vergangenen zwei Jahren aufeinandertraf, war ein hoch institutionalisiertes Gastspiel-Haus und ein Künstlerkollektiv mit unkonventionellen Methoden. "Wir sind es gewohnt, irgendwo reinzugehen, die Flex rauszuholen und was abzusägen. Hier stehen dann aber dem Technik-Chef die Haare zu Berge", bringt es Marianne Ramsay-Sonneck lachend auf den Punkt.

Doch es sind nicht nur die unkonventionelle Arbeitsweise, für die Club Real steht. Sein Konzept des "Folkstheaters" kennt keine Unterscheidung zwischen Bühne und Publikum. Als die Künstler in einer Eierschale versteckt durch die Straßen zogen, waren die Frankfurter Recherche-Objekt und Teil der Inszenierung zugleich. Ähnlich ging es weiter in der Schmerz-Werkstatt im Bolfrashaus, als man gemeinsam die Wunden der Stadt erkundete. Später haben Frankfurter und Slubicer im alten Kleist-Theater eine demokratische Orgel gebaut, Geister aus dem Kleist Forum vertrieben, Fische gebacken, einen rollenden Tisch gebaut; gerade üben sie als "Stadtentwicklungs-Chor" eine Hymne ein.

"Natürlich kann Club Real nicht die gesamte Stadt mit auf ihre künstlerischen Reisen nehmen. Aber diejenigen, die ihnen stellvertretend gefolgt sind, haben erlebt, was Interaktion bedeuten kann, wenn es keine Grenze zwischen Produktion und Rezeption mehr gibt", urteilt Florian Vogel, als künstlerischer Leiter quasi Gastgeber im Kleist Forum.

Tatsächlich konnten Frankfurter und Slubicer, die das anfängliche Staunen über die mitunter skurril anmutenden Aktionen überwunden haben, ihre Stadt mitgestalten, Kritik üben, selbst Kultur machen. "Wir wollen kunstpolitischen Angelegenheiten einen ästhetischen Rahmen geben, die Bürger integrieren", formuliert Georg Reinhardt im Rückblick. "Ihr müsst das nicht nur den Politikern überlassen", appelliert er an die Bürger. Nicht abwarten und schimpfen, lieber machen, so könnte das Grundprinzip übersetzt werden.

Wie erfolgreich sie mit ihrem Anliegen waren, darüber haben die zwei Künstler unterschiedliche Ansichten. "Es gibt einen Pool von kreativen Leuten, für die waren wir ein integrativer Partner", ist Marianne Ramsay-Sonneck überzeugt. Eine Öffnung des Kleist Forums aber, habe man wohl nicht bewirkt. Georg Reinhardt ist sich da nicht sicher. "Ich denke, das hat auch nach innen gewirkt." Es sei etwas in Gang gekommen, es bewege sich etwas, ist er überzeugt.

Einig sind sie sich hingegen darüber, dass es "wahnsinnig viele Leute"in der Doppelstadt gebe, "die viel machen. Aber es fehlt an der Vernetzung, damit etwas bleibendes entsteht." Den Grund dafür sieht Marianne Ramsay-Sonneck darin, dass "an entscheidenden Stellen sehr konservative Kräfte wirken".

Erlebt haben die Künstler die unterschiedlichsten Kräfte, haben sie doch mit der scheidenden Petra Paschinger, dem nur für wenige Monate amtierenden Oliver Spatz und schließlich mit Florian Vogel als künstlerische Leiter im Haus gearbeitet. Spatz sieht ihr Wirken im Rückblick als Bereicherung: "Was will das Kleist Forum sein? Ein Gastspielhaus oder ein Haus das künstlerische Prozesse ermöglicht? Diese Frage hat Club Real ganz scharf gestellt." Außerdem hätten Bürger erfahren, dass es kein Zauberwerk ist, Kultur selbst zu machen und Kulturpolitik mitzubestimmen.

Nacherleben lassen sich die Stationen vom Club Real heute und morgen in einer Ausstellung in der Großen Scharrnstraße 23a (Donnerstag 10 bis 18 Uhr, Freitag 10 bis 14.30 und 16.30 bis 18 Uhr). Am Sonntag, 8. Oktober, wird der Stadtentwicklungschor - zu dem man noch dazustoßen kann - auf dem Plac Bohaterow in Slubice (10.15 Uhr)und vor dem alten Lichtspieltheater an der Heilbronner Straße (11.15 Uhr) die Hymne der Stadtentwicklung singen.

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