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Sudoku für die Finger

Wie bei einem Handarbeitskreis speziell f³r Mõnner: Die Vereinsmitglieder treffen sich regelmõ▀ig zum Schl÷sserknacken und tauschen dabei untereinander Tricks und Kniffe aus. Deutschlandweit gibt es etwa 500 begeisterte Lockpicker. Foto: Anja Sokolow
Wie bei einem Handarbeitskreis speziell f³r Mõnner: Die Vereinsmitglieder treffen sich regelmõ▀ig zum Schl÷sserknacken und tauschen dabei untereinander Tricks und Kniffe aus. Deutschlandweit gibt es etwa 500 begeisterte Lockpicker. Foto: Anja Sokolow © Foto:
JMARCHANDN / 01.04.2009, 18:20 Uhr
Berlin In der Hauptstadt gibt es etwa ein Dutzend passionierter Lockpicker. Unter Lockpicking (vom englischen lock für Schloss und to pick für stochern), versteht man die Aufsperrtechnik zum Öffnen von Schlössern, ohne passenden Schlüssel und ohne Beschädigung des Schlosses.

Ausgerechnet ihnen muss das passieren: Wie gewohnt wollen sich die Berliner Mitglieder des Vereins "Sportsfreunde der Sperrtechnik" an diesem Sonnabend in ihrem Stammcafé treffen und stehen prompt vor verschlossenen Türen. "Das Schloss wäre in wenigen Minuten zu öffnen", schätzt Torsten Quast. Der sportliche Ehrgeiz ist geweckt. Quast würde am liebsten sein Werkzeug zücken. Wären da nicht Sportordnung und Strafgesetzbuch, die das verbieten. Und so ziehen die Männer unverrichteter Dinge in ein anderes Café um.

Die Sportsfreunde der Sperrtechnik, die sich auch "Lockpicker" nennen, betreiben ein für Außenstehende seltsam anmutendes Hobby: Mit filigranen, an Zahnarztbesteck erinnernde Edelstahlwerkzeugen versuchen sie, Schlösser zu öffnen. Und zwar möglichst schnell, und ohne sie dabei zu beschädigen.

An diesem Trainingsnachmittag geht es gemächlich zu: Die Lockpicker stellen ihr Vereinsfähnchen auf den Tisch, bestellen Bier oder Kaffee, packen ihre kleinen Werkzeugtäschchen. Für Torsten Quast, der heute Geburtstag hat, gibt es schnell noch Geschenke: gebrauchte Vorhängeschlösser. Die Männer machen sich sofort ans Werk: Mit ihren Spiralen, Haken und Nadeln ertasten und bearbeiten sie die Schließzylinder, bis auch der letzte Sperrstift seinen Widerstand aufgibt und das Schloss sich öffnet. Die Gespräche drehen sich nebenbei um Tricks und Kniffe, aber auch um Alltag und Familie. Es ist wie ein Handarbeitskreis, zugeschnitten auf Männer.

Fingerspitzengefühl, technisches Verständnis und Geduld sind gefragt. Im günstigsten Fall dauert das Schlossöffnen ohne Schlüssel wenige Sekunden. Mit kniffligen Exemplaren kämpft ein Lockpicker auch schon mal tagelang. Eine Standardanleitung gibt es nicht. "Entweder man verlässt sich auf sein Gefühl und ertastet das Schlossinnere oder man kennt die einzelnen Zylindermarken und ihre Unterschiede sehr genau", erklärt Quast. Die Übungsschlösser kommen vom Flohmarkt, sind aber auch beliebte Urlaubsmitbringsel und werden gern untereinander getauscht.

In Berlin gibt es etwa ein Dutzend passionierter Lockpicker. Deutschlandweit sind etwa 500 von ihnen im Verein organisiert. Der 39-jährige Torsten Quast gehört zu den Besten. Er hat bei Deutschen Meisterschaften bereits mehrfach aufs Siegertreppchen gebracht.

Schon als Kind hatte Quast ein Faible für Technik. Während Gleichaltrige auf dem Schulhof tobten und Fußball spielten, versuchte er sich an Fahrradschlössern. Mitschüler, die ihre Zahlenkombinationen vergessen hatten, dankten es ihm. "Aber auch in späteren Jahren habe ich in Fußgängerzonen immer wieder Zahlenschlösser dekodiert, einfach nur aus Spaß", erinnert sich der Physiker.

Der Vorsitzende der Berliner Gruppe, Ulrich Schütter, kam erst vor einigen Jahren durch einen Zeitungsartikel zu diesem Sport. Zunächst versuchte er sein Glück allein mit einer Anleitung aus dem Internet. Zwei Monate hat er sich erfolglos an einem Schloss probiert. Mittlerweile weiß sich der 50-jährige Ingenieur dank der Tipps der anderen Sportsfreunde zu helfen. Selbst sein Wohnungsschloss ist keine Hürde mehr für ihn. Werkzeug liegt für den Notfall unter dem Fußabtreter. Für ungeübte Einbrecher wäre das Besteck keine große Hilfe.

"Wenn man nach langer Zeit ein Schloss öffnet, ist das ein großes Glücksgefühl", beschreibt Schütter den Reiz dieser Beschäftigung. Nicht zu unterschätzen sei auch der meditative Aspekt, ergänzt sein Picker-Kollege Clemens Oeltjen. Für ihn ist das Hobby der perfekte Zeitvertreib. "Wenn ich zum Arzt gehe, stecke ich immer zwei Schlösser ein", sagt Oeltjen, der in seiner heimischen Sammlung über 250 Modelle verfügt.

Weitere Treffpunkte und Termine im Internet unter www.lockpicking.de

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