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Beidseitig der Oder fehlen Arbeiter.

Mangel
Brandenburger brauchen Fachkräfte aus Osteuropa – aber wie und woher?

Peggy Lohse / 23.10.2019, 17:35 Uhr
Kostrzyn (MOZ) Die Wirtschaften Ostdeutschlands und Polens beschäftigt ein gemeinsames, großes Problem: der Fachkräftemangel. Abwanderung, Überalterung, Veränderungen des Arbeitsmarktes – die Ursachen unterscheiden sich, aber einen Lösungsansatz verfolgen beide Länder: mehr Arbeiter aus dem Osten anwerben.

In Polen gelten seit 2015 vereinfachte Zuwanderungsbedingungen für Arbeiter aus der Ukraine, Belarus, Russland und Armenien, seit 2016 auch für Georgier und Moldauer. Ende 2018 waren knapp 380 000 ausländische Arbeiter im Land beschäftigt, davon 91 Prozent Bürger der Ukraine. Gründe dafür sind der Krieg in der Ostukraine, politische Unsicherheit sowie sprachliche und geografische Nähe. Und: Nur mit der Ukraine hat Polen ein bilaterales Rentenabkommen geschlossen.

Kein "ukrainischer Exodus"

In Deutschland tritt am 1. März 2020 das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz in Kraft, das die Anstellung von Nicht-EU-Bürgern in Unternehmen erleichtern soll. Vielerorts fürchtet man nun in Polen, dass die ukrainischen Arbeitskräfte bald weiter gen Westen ziehen könnten. Aber so schnell wird das kaum passieren, wie beim Unternehmerforum "Internationale Fachkräftesicherung" der Strausberger Wirtschaftsförderungsgesellschaft Stic und dem Verein Pomerania am Dienstag in Kostrzyn klar wurde, wo sich 39 Unternehmer sowie Vertreter von Arbeitsagenturen und Handwerkskammern aus beiden Ländern trafen.

Bei allen bürokratischen Erleichterungen bleiben doch mindestens zwei große Hürden: Erstens ist die deutsche Sprache schwerer zu erlernen als das dem Ukrainischen verwandte Polnisch. Zweitens gestaltet sich die Berufsanerkennung noch immer schwierig. "Ein Exodus ukrainischer Staatsbürger nach Deutschland wird nicht stattfinden, so wie es jetzt in Polen befürchtet wird", sagt ganz klar Jakub Plonski, Außenwirtschaftsberater bei der Handwerkskammer Ostbrandenburg in Frankfurt. Seine Filiale bearbeitet sämtliche Anerkennungsanträge polnischer Bürger für eine Arbeit in Deutschland. Würde Deutschland keinerlei Zuwanderung zulassen, zeigt Plonski an Statistiken, gäbe es bis 2060 rund 16 Millionen weniger Erwerbspersonen, etwa ein Drittel weniger als heute. Gleichzeitig würden aber 285 000 ausländische Berufsqualifikationen in Deutschland nicht anerkannt.

Für Polen steht seit Jahren Deutschland auf Platz eins der Emigrationsziele. Und die Ausreisebereitschaft sei groß, so Plonski: 8,6 Prozent der Polen, etwa 1,6 Millionen Menschen, könnten sich vorstellen, für ein Nettogehalt über 4000 Złoty (umgerechnet knapp 950 Euro) im Laufe des nächsten Jahres ins Ausland zu gehen. Plonski gibt darum deutschen Unternehmen Tipps, wie sie besser geeignete Mitarbeiter im Nachbarland finden können: durchdachte, informative Stellenanzeigen in einschlägigen Online-Portalen statt in Tageszeitungen, die Seriosität von Arbeitsvermittlern in einem gesamtpolnischen Register checken, zusätzliche Leistungen wie Weihnachtsgeld und Sprachkurs bieten und die Überstunden-Frage klären. Denn oft wollten Arbeitnehmer, die im Ausland vor allem Geld verdienen wollen, lieber mehr arbeiten, als es die deutschen Gesetze erlauben.

Gesetze setzen Grenzen

Für Katrin Krähmke und Anke Wagner von der Personalabteilung der Großwäscherei in Bad Freienwalde sind solche Fragen Alltag. "Von unseren 120 Mitarbeiten kommen 50 Prozent aus Polen", sagt Katrin Krähmke. "Wir finden sonst einfach keine Mitarbeiter mehr", ergänzt Krähmkes Stellvertreterin Anke Wagner. Gern würden sie auch in der Ukraine nach Mitarbeitern suchen. Es gebe sogar eine ausgebaute Dienstwohnung. Aber bislang fehlten Kontakte, Netzwerke und die Erfahrung.

Krähmke und Wagner bestätigen Plonskis Beobachtungen: "Oft sagen unsere polnischen Fahrer: ‚Geben Sie mir ruhig lange Touren!‘ Aber wir haben ja Arbeitszeitgesetze, an die wir uns halten müssen", so Krähmke. "Und gegenüber deutschen Kollegen wäre das ja auch unfair."

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