Früher habe er seine Lehrer in den Wahnsinn getrieben, indem er sich die Augen schminkte und im katholischen Religionsunterricht nach dem Thema Homosexualität fragte. Heute ist Florian Mildenberger 40 Jahre alt und Samenspender für die heterosexuelle Freundin seines Kumpels, da dieser nicht zeugungsfähig ist. "Ich habe biologische Nachkommenschaft", erklärt er.
Der geborene Münchner arbeitet als außerplanmäßiger Professor an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt und lehrt dort seit 2009 Geschichte der Medizin. Er besuchte in Oberbayern ein Jungeninternat. Mit zwölf oder dreizehn Jahren habe er erkannt, dass er schwul sei. Mit sechzehn schaffte er dann sein Coming-out. Seine Eltern hätten es sehr viel schneller gemerkt, als er selbst. Sie seien progressiv eingestellt gewesen. Selbst seine Großmutter habe mit seiner sexuellen Neigung kein Problem gehabt.
Als Meilenstein in seinem Leben beschreibt er nicht etwa sein Coming-out, sondern ein Ferienerlebnis in München. Seine Mutter, die damals studierte, nahm ihn mit in die Bayrische Staatsbibliothek. Da habe er vor einer Wand mit 2000 Geschichtsbüchern gestanden. Die gesamten Sommerferien habe er dort verbracht. Danach war für ihn klar, dass er Historiker werden wollte.
Dieses Ziel verfolgte er auch und so studierte er von 1994 bis 1998 Neuere Geschichte, Geschichte Osteuropas und Politikwissenschaft in Berlin, München und London. Einige Jahre später absolvierte er ein Fernstudium der Sexologie und erwarb den Diplomabschluss der American Academy of Sexology. Auch in Frankfurt gäbe es interessante Sachen für einen Sexualforscher, erklärt Mildenberger. Nach einem Party-Wochenende beim Helene Beach Festival habe er an den Automaten am Bahnhof festgestellt, dass die Kondome größtenteils noch da und die Schwangerschaftstests alle weg waren. Dabei kosten, so Mildenberger, zwei Kondome vier Euro und ein Schwangerschaftstest acht Euro. Das Ergebnis seiner Forschung: offenbar sei Sex mit Gummi uncool und die Pille werde nicht regelmäßig genommen.
Der gebürtige Münchner kann sich allerdings nicht vorstellen in Frankfurt zu leben, weil er den weiten Weg nach Berlin zurücklegen müsse, um ein, für ihn relevantes, Archiv zu finden oder eine größere Bibliothek.
Florian Mildenberger wohnt in Berlin. Was ihn beruflich nach Frankfurt zog? Ein Jobangebot der Universität Viadrina und die Möglichkeit, freier zu forschen.
Wenn man ihn fragt, was ihm an Frankfurt gefällt, antwortet er: "Die Universität ist etwas Großartiges. Ich habe eine sehr aufgeschlossene Kollegenschaft, sehr interessierte Studenten. Ich habe ein unglaublich gutes internationales Umfeld. Erst in Frankfurt, im Gespräch mit den Studenten, ist mir klar geworden, wie westlich zentriert meine eigene Forschung ist." Das er schwul ist, sei unter seinen Kollegen kein Thema.
Dennoch sieht der Professor nicht nur die schönen Seiten Frankfurts. "Polizei und Stadtverwaltung sollten lernen, dass die Universität keine Belastung, sondern eine Bereicherung ist", fordert er. Mangelndes Interesse der Bevölkerung, insbesondere der Älteren, an den angebotenen Seminaren ärgern ihn: "Es gibt die Universität seit 1994. Wie lange wollen die Leute eigentlich noch warten? Es geht mir auch darum, die älteren Leute anzusprechen."
In seinem Privatleben hat er auch in Frankfurt Homophobie erfahren. "Dass dieses Anderssein Ausdruck von kreativer Vielfalt ist und es keine Norm gibt, sondern nur Durchschnitt, das wird vielen Leuten nie klar werden", sagt er bestimmt.
Nun hat er mit seinen Kollegen ein Buch herausgegeben: "Was ist Homosexualität?" Das häufigste Wort im Register, so Mildenberger, sei Heterosexualität. Denn Homosexualität könne ohne Heterosexualität nicht existieren. "Zugegebenermaßen, die sexuelle Veranlagung beeinflusst ein bisschen das, was ich mache. Wenn ich heterosexuell wäre, würde ich wahrscheinlich kein Handbuch über Homosexualität herausgeben", sagt er.