Der Taufengel von Wartin ist der ganze Stolz der kleinen Dorfkirche. Er ist 1708 aus Lindenholz gefertigt worden. Der Stettiner Bildhauer Otto von Rosenberg hat die 1,50 Meter große Figur geschaffen. Sie hält eine Muschelschale und hängt an einem Seil aus Naturfasern. Bei Taufen wird der Engel neben dem Altar heruntergelassen und der Täufling wird mit dem Wasser aus der Muschelschale benetzt. - Welch traditionsreiche Handlung.
Dass Pastoren das auch künftig in der kleinen Dorfkirche durchführen können, ist der Behandlung mit einem Schwefelgas zu verdanken. Im vergangenen Spätsommer war die gesamte Kirche damit begast worden. - Ein in unserer Region eher seltener Vorgang. Aber in allen Holzteilen der Kirche, vom Altar, den Bänken und bis zur Orgel, steckte der Wurm. Die Kirchengemeinde musste dringend handeln, wenn sie das barocke Inventar der Kirche erhalten wollte.
Drei Tage haben die Schädlingsbekämpfer ihre Maschine in der Kirche laufen lassen. Doch wie wirksam war die Begasung? Die Kirchengemeinde hat schließlich viel Geld dafür ausgegeben. Den Erfolg nachzuweisen, ist ein komplizierter Prozess. Vor der Begasung waren Prüfbalken mit gut entwickelten Larven des Hausbocks gesichert worden. Diese Balken und ein nicht begaster Kontrollbalken sind nun verglichen worden.
Die Materialprüfanstalt für Holzschutz in Eberswalde hat Pastorin Almut Schimkat den "Bericht über die Erfolgskontrolle einer Bekämpfung von holzzerstörenden Insekten" zugeschickt. Der Bericht weist darauf hin: "Die Prüfbalkenmethode stellt bei sachgemäßer Anwendung sicher, dass die Bekämpfung wirksam war. Denn wenn eine Bekämpfung alle Larven in den Prüfbalken tötet, so hat sie parallel auch die meist schlechter geschützten Larven im Bekämpfungsobjekt getötet." Der begaste Prüfbalken hat nach der Begasung keine lebenden Larven mehr aufgewiesen. In dem unbehandelten Kontrollbalken hat es noch lebende Larven gegeben.
Auch wenn die Materialprüfanstalt darauf hinweist, dass eine Übertragung der Ergebnisse auf das gesamte Objekt nicht ohne Weiteres möglich ist, geht Pastorin Almut Schimkat vom Prinzip Hoffnung aus. Zu schön ist die Vorstellung, dass Altar, Orgel und Taufengel nun vom gefräßigen Holzwurm und seinen Larven befreit sind.
Den Taufengel hat Carl von der Osten einst gestiftet. Er war zwischen 1700 und 1735 der Patron der Dorfkirche. Im Altar befinden sich die Wappen der Familie von der Osten, die zwischen 1699 und 1784 im Besitz von Wartin waren. Die Nachfahren leben noch heute im benachbarten Blumberg. Carl von der Osten hat für den Taufengel mit allem Zubehör 24 Reichsthaler ausgegeben. So steht es im Kirchenrechnungsbuch von 1708. Damals waren Taufengel in pommerschen Kirchen gerade in Mode gekommen. Bildhauerwerkstätten befanden sich in Stralsund und Stettin.
Der Engel von Wartin gehört zu den frühesten in der Region Pommern, zu der das Dorf kirchengeschichtlich gesehen noch immer zählt. Aber auch im Brandenburgischen waren Taufengel weit verbreitet. Sie sind noch heute in den Kirchen gehegte Schmuckstücke, so zum Beispiel in Kunow, Zützen, Felchow und Dobberzin.
Im späten 18. Jahrhundert sank der Stern der Taufengel, die eigentlich Ausdruck der Reformation waren. Kirchenleute stritten um deren Funktion, sodass die Holzskulpturen aus vielen Kirchen verbannt wurden. Erst in jüngerer Zeit entdeckt man diese barocken Schätze wieder, oft in Abstellkammern. In der Kirche Wartin schwebt nach der Begasung ein hoffentlich genesener Engel.