Einige Passanten nippen am Kaffee aus dem Pappbecher. Andere hasten zur Bahn oder brabbeln in ihr Smartphone. Inmitten dieser pulsierenden City rund um den Berliner Hauptbahnhof sind wir mit Patricia Kelly verabredet. Die gebürtige Spanierin, die einst mit der legendären "Kelly Family" Weltruhm erlangte, hat sich den Interview-Ort ausgesucht. Genauer gesagt, eins der hypermodernen Hotels gegenüber vom Bahnhof.
Freudestrahlend kommt Patricia um die Ecke und marschiert schnurstracks zur langen Couch-Strecke in der Hotellobby. Beim Anblick der gestandenen Künstlerin mag man kaum glauben, dass sie schon zweifache Mutter ist. Ebenso erstaunlich: Seit dem letzten "Kelly Family"-Konzert 2008 gab es noch kein Studio-Album der brillanten Sängerin. Das hat sich nun geändert. Denn gerade erschien die CD "Grace & Kelly", für die Patricia seit Wochen auf Promo-Tour ist. Heute ist der Osten dran: Sieben Interviews an einem Tag. Plus Foto-Session, versteht sich. Dennoch sieht Patricia Kelly aus wie das blühende Leben.
Für ihr erstes eigenes Konzept-Album ließ sie sich viel Zeit: "Komponiert und getextet habe ich ständig und über die Jahre hunderte Ideen, Songs sowie Musik-Schnipsel gesammelt. Jetzt war die Zeit für eine CD einfach reif." Damit spielt Patricia Kelly, seit über 16 Jahren mit IT-Manager Denis verheiratet, auch darauf an, dass die Kinder nun aus dem Gröbsten raus sind. Das Ergebnis von "Grace & Kelly" kann sich hören lassen. Trotz der Kompromisslosigkeit der Künstlerin in punkto Massengeschmack und Mainstream. "Lasst uns Musik machen und keinen Kommerz", so ihre klare Ansage, bevor es ins Studio ging.
Die neuen Lieder - von melancholisch bis anrührend - wirken auf den Punkt komponiert. Hier steckt echtes Herzblut drin. Stücke, wie "Little Brother" oder "Don't you speak", haben viel mit Patricia Kelly selbst bzw. mit ihrem eigenen Lebensmut zu tun. Der kam ihr trotz mancher Schicksalsschläge nie abhanden. Die Songschreiberin trotzte in den 90er Jahren erfolgreich einer Rückenmarkentzündung. 2010 erhielt sie die Brustkrebs-Diagnose. Beides überstand die Musikerin gut.
"Eigene Songs zu kreieren, ist für mich nicht nur eine Freude, sondern echter Luxus und Privileg." Bei ihrem Auftritt Ende Mai in der Leipziger Nathanael-Kirche konnten sich Fans und Sympathisanten selbst ein Bild machen. Es war das einzige Gastspiel der anspruchsvollen Sängerin auf ihrer Frühjahrs-Tour im Osten. "Aber im Herbst komme ich auch in eure Region, bestimmt auch nach Berlin!" Sie liebe "Ossis", wie Patricia augenzwinkernd erklärt. Nach Ost und West unterscheide sie ihr Publikum ansonsten aber nicht. Potsdam bezeichnet sie als Traumstadt, Berlin als quicklebendige kosmopolitische City, die sie mit Paris, London und Madrid auf eine Stufe stellt.
Zu Hause ist die Künstlerin aber in Nordrhein-Westfalen. Hier lässt sie sich mit Ehemann und den beiden Söhnen auch ihr Sonntagsfrühstück schmecken. "Ich esse morgens genau eineinhalb Scheiben Dinkelbrot, das mein Mann selbst bäckt. Dazu gibt es natürlich irische Butter, Bio-Marmelade und Schwarzen Tee." Auf Tourneen schaut sie, was das Hotel-Buffet hergibt. Daheim läuft sie nach dem Morgenmahl gern eine Runde. Im Sommer schwimmt Patricia in einem See in der Nähe. Zweimal jährlich geht es für ein paar Tage mit der Familie in ein französisches Kloster. Die Kellys sind sehr gläubig. Kino mag Patricia sehr, Fernsehen weniger.
Auf den superweichen und großen Hotel-Sofas ringsum ist es plötzlich voll geworden. Vielleicht ist es Zufall. Vielleicht hat sich aber auch herumgesprochen, dass in der Lobby gerade Patricia Kelly interviewt wird. Da passt die Frage aller Fragen, die der Reporter gern auch im Auftrag aller Fans stellt: Wie geht es weiter mit der Kelly Family? "Es ist mein Herzenswunsch, dass wir wieder gemeinsam auf der Bühne stehen. Wann das sein wird, kann im Moment aber keiner sagen", erklärt die Westdeutsche. Sie halte Telefon- bzw. direkten Kontakt zu allen Geschwistern. Zu einigen mehr, zu anderen weniger.
Mit den "Kellys" feierte Patricia rund drei Jahrzehnte lang alle Erfolge, die sich Musiker wünschen können. Die Familien-Band füllte Stadien, trat vor bis zu 280000 Zuschauern auf und sammelte 48 Gold- und Platinplatten. In Erinnerung ist vielen ihr legendärer Auftritt vorm damaligen Palast der Republik in Berlin. Allein zu diesem Konzert kamen 1995 über 80000 Menschen. Erste Hitparaden-Plätze waren seinerzeit ganz normal. Patricia Kelly agierte damals nicht nur als Sängerin im Ensemble, sondern auch als Songschreiberin und Managerin.
Ab 1992 war sie weltweit Ansprechpartnerin für Presse und Medien, organisierte das Marketing und übernahm die Mehrheit aller Management-Aufgaben. Rund 200 Menschen arbeiteten in den Jahren des größten Erfolges für die "Kellys". Alle Singles und Alben erschienen auf dem hauseigenen Label Kel-Life. "Unser Vater Dan hat sich nie an die Majors binden wollen und damals schon gesagt, dass sich die Konzernstrukturen der Plattenindustrie nicht ewig so halten können." Dan Kelly hatte auf diese Weise dafür gesorgt, dass die Familie bis heute sämtliche Rechte an eigenen Titeln behalten konnte. "Wir als Künstler hatten in Deutschland praktisch als erste ein eigenes Independent-Label", so Patricia Kelly mit Stolz. Dennoch trauert die heute 46-Jährige dieser Zeit nicht nach. "Natürlich sind das schöne Erinnerungen sowie Erfahrungen, die mein Leben prägten. Aber ich bin kein Nostalgie-Mensch, schätze den Moment, das Hier und Heute." Alte "Kelly"-Hits höre sie nur selten.
Geboren wurde Patricia 1969 in Andalusien. Radio und Fernsehen gab es zu Hause ebenso wenig wie fließendes Wasser. Doch ihre Eltern, beide Einwanderer aus den USA, fanden Gefallen an den folkloristischen Traditionen ihres neuen Heimatlandes und hatten Freude daran, mit ihren Kindern zu singen und zu tanzen. Das heimische Umfeld reichte für die musikbegeisterte Familie schon bald nicht mehr aus. Hochzeiten und andere Feierlichkeiten waren willkommene Gelegenheiten, auch andere am musikalischen Talent der Kellys teilhaben zu lassen. Mit gerade einmal fünf Jahren packte die kleine Patricia die Sehnsucht. Die älteren Geschwister sangen mittlerweile bereits regelmäßig vor Publikum. Ab und zu durfte Patricia in Begleitung der Mutter mitkommen und den anderen Familienmitgliedern dabei zuschauen. Fasziniert stand sie dann hinter der Bühne und wünschte sich, auch einmal dabei zu sein. Für die Eltern kam der Wunsch viel zu früh, doch Patricia ließ nicht locker. Schließlich erklärte sich Vater Dan zu einem Handel bereit: Sollte die Kleine innerhalb von zwei Wochen lernen, alle Lieder ihrer Geschwister nicht nur zu singen, sondern auch auf der Gitarre zu begleiten, durfte sie mit ihnen auftreten. Nach Ablauf einer Zweiwochenfrist konnte sie ihren staunenden Eltern das Repertoire der Geschwister vorspielen. "Es war sicher nicht perfekt, aber mein Vater konnte die Mühe erkennen, die ich mir gegeben hatte."
Nach den ersten Erfolgen in Spanien zieht es die Familie zuerst nach Italien, dann Österreich, Irland, Deutschland und die Niederlande. Ihr Geld verdienen die "Kelly Kids", wie sie bei ihrem ersten Fernsehauftritt noch heißen, als Straßenmusiker. 1980 landen sie in Belgien und den Niederlanden ihren ersten Nummer-Eins-Hit. Die " The Kelly Family" wird quasi über Nacht zum Phänomen. "Wir gingen nie auf eine konventionelle Schule. Wir haben in der Schule des Lebens gelernt", beschreibt Patricia die ungewöhnlichen Umstände, unter denen sie aufwuchs. "Uns haben die Menschen beeinflusst, denen wir auf der Straße begegnet sind. Einfache Leute, die uns in schweren Zeiten Geld und Essen gaben."
Patricia Kelly erwies sich schnell als einer der Songwriter der Familie und trug mit Titeln wie "First Time", "No lies" oder "You belong to me" entscheidend zum unverwechselbaren Stil der "Kellys" bei. Ihre Beliebtheit beim Publikum bewegten zwei Großkonzerne gar zu einem unmoralischen Angebot: Gegen Zahlung einer hohen Summe sollte Patricia sich von der Familie lösen und mit neuem Image als Solokünstlerin vermarktet werden. "Den Vertrag hatten sie schon fertig. Ich habe ihnen gesagt, dass ich nicht käuflich sei und bin gegangen. Das konnten sie nicht verstehen."
Heute sagt die sympathische Musikerin: "Wenn ich komponiere, ist immer ein Gefühl der Auslöser oder ein Gedanke, der mich gerade beschäftigt. Ich höre da in mich hinein." Mit einem vorgefertigten Plan im Kopf anzufangen, ist Patricia hingegen fremd. "Wenn mein Tagewerk getan ist und die Kinder versorgt sind, setze ich mich ans Klavier und singe vor mich hin. Die Musik kommt dann ganz natürlich hinzu."